BRANDENBURG/HAVEL. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), ein gebürtiger Westfale, will in zwei Jahren ausgerechnet in der märkischen Provinz ein Bundestagsmandat erringen. Selbst SPD-Parteistrategen stellen sich da bang die Frage: Werden die skeptischen Märker diesen Mann des Berliner Politikbetriebes als ihren Volksvertreter akzeptieren? Auf seiner viertägigen Reise durch den Südwesten Brandenburgs buhlte Steinmeier nun um die Gunst der Märker."Die Brandenburger haben in der Vergangenheit Schlesier, Pommern und Hugenotten bei sich aufgenommen. Ihr habt auch noch einen Platz für mich", ruft Steinmeier fast flehentlich am Freitagabend beim Sommerfest der SPD von Brandenburg/Havel aus. Die Bundestagsabgeordnete Margrit Spielmann, deren Wahlkreis Steinmeier übernehmen soll, kündigt sogleich an: ."Wir werden aus Dir schon einen richtigen Märker machen, richtig mit Bodenhaftung."Anschließend trifft der Außenminister beim Bier auf die Mitglieder seines neuen SPD-Ortsvereins Kirchmöser-Plaue. Und die meist schon älteren Parteifreunde reden gleich auf ihn ein, erzählen von der Ehefrau, die Hartz IV bezieht, oder von der schwierigen Situation der ostdeutschen Rentner. Steinmeier hört sich alles ruhig an, hakt nach. Demnächst will man die erste Ortsvereinssitzung mit ihm abhalten: "Frank-Walter, es ist am besten, wenn Du einen Termin vorschlägst, wir richten uns danach", sagt der Ortsvereinsvorsitzende Frank Gerstmann, ein gelernter Schallplattenunterhalter. Den Ortsteil Kirchmöser-Plaue, das Gebiet seines Ortsvereins, betritt Steinmeier allerdings während der ganzen Reise kein einziges Mal. Dafür wird auf dem Sommerfest offiziell verkündet, dass der 18-köpfige Ortsverein nun zwei neue Mitglieder erhalten hat, darunter ausgerechnet Steinmeiers Protokollreferenten aus dem Auswärtigen Amt."Die Entdeckung der Langsamkeit", so hatten seine Berater die Brandenburg-Erkundungsreise des sonst umherjettenden Außenministers intern genannt. Und tatsächlich wirkt der Außenminister hier zwischen Havelseen und Wäldern wie ein Mensch, der in sich ruht. Geduldig hört er zu, wie die Parteifreunde in Ziesar sich darüber empören, dass die gymnasiale Oberstufe an der örtlichen Gesamtschule geschlossen worden ist und ihre Kinder nun weit fahren müssen. Er scheint gekommen, um das Land verstehen zu lernen. Er sieht sich auch die Industrieruinen von Premnitz an. Zur Vorbereitung des Brandenburg-Besuches hat er ein 900-Seiten-Buch über Preußen gelesen. Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) hat Steinmeier, den er seinen Freund nennt, diesen Wahlkreis angetragen - 2009 fallen in Brandenburg Bundes- und Landtagswahlen zusammen. Zusammen, glauben beide, sind sie stärker. Und Steinmeier, der schon als nächster SPD-Kanzlerkandidat gehandelt wird, braucht ein Bundestagsmandat für seine weitere politische Karriere. Von seiner Zehlendorfer Wohnung sind die Orte des Wahlkreises gut zu erreichen.Auf dem Weg zur letzten Station der Reise muss Steinmeier schnell noch per Diensthandy drei deutsche Helikopter für die Waldbrandbekämpfung in Griechenland freigeben. Dann trifft er auf Falk Kubitza, den SPD-Chef von Jüterbog. Der empfängt ihn in einer Mönchskutte. Denn Kubitza ist ernsthaft bemüht, den Mönch Tetzel, der hier vor 500 Jahren als Luthers Gegenspieler Ablassbriefe verkaufte, zur Werbefigur für Jüterbog zu machen.Zunächst einmal bekommt Steinmeier aber in den örtlichen SPD-Räumen von Kubitza und anderen Genossen einiges zu hören. Es sei nicht schön gewesen, von Steinmeiers Kandidatur erst durch die Medien zu erfahren. Prinzipiell müssten andere Kandidaten genau die gleichen Chancen auf ein Mandat haben. Auch Peer Giesecke, SPD-Landrat von Teltow-Fläming, betont, dass "die innerparteiliche Demokratie sehr wichtig" sei. Währenddessen lotst Kubitza den Minister durch seine Stadt. "Hier lang, Frank-Walter." Steinmeier lernt nun etwas über die märkische Sturheit.Da freut es ihn schon fast, dass der FDP-Bürgermeister sich extra mit dem Goldenen Buch der Stadt ins Straßencafé gesetzt hat, um auf Steinmeier zu warten.------------------------------"Die Entdeckung der Langsamkeit." So bezeichneten Steinmeiers Berater die Brandenburg-Reise------------------------------Foto: Eine Fahrt auf der Havel ist entspannend - vor allem für einen Außenminister, der sonst nur im Flugzeug unterwegs ist.
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