Als am 7. Oktober 2023 die ersten Nachrichten vom Massaker in Israel Berlin erreichten, wurden in Neukölln Süßigkeiten verteilt. Während Juden um ihre Angehörigen bangten, feierten andere auf der Sonnenallee den Terror. Elf Tage später warfen Vermummte brennende Flaschen in Richtung einer Synagoge in der Brunnenstraße. Die Täter sind bis heute unbekannt, das Verfahren wurde 2024 eingestellt. Es waren die ersten sichtbaren Zeichen einer Veränderung, deren Ausmaß damals noch nicht in Gänze abzusehen war.
Drei Jahre sind seitdem vergangen. In Berlin hat sich der Ausnahmezustand jener Wochen für viele jüdische Menschen zu einem Alltag aus Anfeindungen, Einschüchterung und immer neuen Gewaltausbrüchen verfestigt. Auf propalästinensischen Demonstrationen wird „From the river to the sea“ skandiert, an Hochschulen werden Hamas-Symbole an die Wände gesprüht. Die Folgen reichen von der Straße über die Hochschulen bis in die Politik. Und sie haben das Zusammenleben in dieser Stadt tiefgreifend verändert.
Sprungafter Anstieg von Angriffen nach dem 7. Oktober
Wie massiv die Anfeindungen gegen jüdisches Leben zugenommen haben, zeigen die Zahlen der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS). 2022 wurden in Berlin 848 antisemitische Vorfälle dokumentiert, 2024 waren es 2521. Im vergangenen Jahr ging die Zahl auf 2197 zurück und bleibt somit noch immer rund zweieinhalbmal so hoch wie im letzten vollständigen Jahr vor dem Massaker. Erfasst werden körperliche Angriffe und Bedrohungen ebenso wie Beleidigungen und Schmierereien.
Schon in den ersten Wochen nach dem 7. Oktober stieg die Zahl sprunghaft. Aus durchschnittlich 53 dokumentierten Vorfällen im Monat wurden im letzten Quartal 2023 durchschnittlich 263. Bei der überwiegenden Mehrheit der Angriffe wurden laut RIAS Juden und Israelis attackiert, die „dafür gehalten“ wurden. Eine Kippa, ein anderes sichtbares jüdisches Symbol oder ein Gespräch auf Hebräisch konnten zum Anlass eines Angriffs werden. Unter den Betroffenen waren auch Kinder und Jugendliche.
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Parallel dazu hat sich auch das Demonstrationsgeschehen in Berlin verändert. Bis Ende Mai 2025 zählte die Berliner Polizei seit dem Hamas-Massaker 674 propalästinensische Demonstrationen und 714 Gewaltdelikte, die in diesem Zusammenhang verübt wurden. Dazu zählt die zugrunde liegende Statistik auch Widerstand bei Kontrollen und Festnahmen. RIAS dokumentierte allein im vergangenen Jahr auf 239 Versammlungen antisemitische Vorkommnisse.
Schon bei den Ausschreitungen im Zusammenhang mit propalästinensischen Protesten am Abend des 18. Oktober 2023 und in der folgenden Nacht registrierte die Berliner Polizei 65 verletzte Beamte. Eine vom Senat veröffentlichte Zählung ergab für den Zeitraum seit dem 7. Oktober bis Ende März 2024 insgesamt 151 verletzte Polizeikräfte bei Einsätzen rund um Demonstrationen mit Bezug zum Nahostkonflikt.
18.10.2023: Brandanschlag auf die Synagoge in der Brunnenstraße
© Markus Waechter/Berliner Zeitung
Wie weit die Gewalt gehen kann, zeigte sich am 15. Mai 2025 bei der Kundgebung „Nakba 77“ in Kreuzberg. Nach Angaben der Polizei brachten mehrere Gewalttäter einen Beamten zu Boden und traten massiv auf ihn ein. Er musste stationär im Krankenhaus behandelt werden. Insgesamt wurden an diesem Tag elf Einsatzkräfte verletzt.
Die Einschüchterungen reichten jedoch auch schnell bis in jene Einrichtungen, die sich als Orte des offenen Austauschs verstehen. An Berliner Hochschulen dokumentierte RIAS 2021 einen antisemitischen Vorfall, 2022 zwei. Im Jahr 2023 waren es 29, davon 25 nach dem 7. Oktober. 2024 stieg die Zahl auf 51, im vergangenen Jahr auf 55. Jüdische und israelische Studenten berichteten, universitäre Räume und den Kontakt zu Kommilitonen zu meiden.
Hamas-Dreiecke in der Humboldt-Universität
Im Mai 2024 besetzten propalästinensische Aktivisten das Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität. Zurück blieben unter anderem rote Dreiecke, wie sie die Hamas in ihren Propagandavideos zur Markierung von Angriffszielen verwendet, und ein Schriftzug, der die Qassam-Brigaden, den militärischen Arm der Hamas, mit einem Herz darüber würdigte. Im Oktober desselben Jahres drangen rund 40 Vermummte in das Präsidiumsgebäude der Freien Universität ein. Mitarbeiter wurden nach Angaben der Hochschule körperlich angegriffen und bedroht, Räume verwüstet und Technik zerstört. Beschäftigte verriegelten ihre Büros von innen; die Angreifer versuchten, die Türen gewaltsam zu öffnen.
Wie offen einzelnen jüdischen Studenten die Zugehörigkeit zur Universität abgesprochen wird, zeigt ein im RIAS-Bericht für 2025 dokumentierter Fall. Zwei Kommilitoninnen beschimpften eine jüdische Studentin als „Kindermörderin“, nachdem sie erfahren hatten, dass diese auch die israelische Staatsbürgerschaft besitzt. Sie solle verschwinden, bevor ihr etwas geschehe.
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Bundesweit für Schlagzeilen sorgte der Angriff auf den jüdischen FU-Studenten Lahav Shapira. Im Februar 2024 schlug ihn ein Kommilitone in Berlin-Mitte nieder und trat ihm gegen den Kopf. Shapira erlitt Gesichtsfrakturen und eine Hirnblutung. Das Amtsgericht bewertete die Tat als antisemitisch und verurteilte den Angreifer zu drei Jahren Haft. Im Berufungsverfahren reduzierte das Landgericht die Strafe im April 2026 auf zweieinhalb Jahre und stellte plötzlich kein antisemitisches Motiv mehr fest. Die Staatsanwaltschaft legte Revision ein, das Verfahren läuft noch immer.
Wer angesichts dieser Entwicklung bestreitet, dass sich Berlin seit dem 7. Oktober verändert hat, muss all das ausblenden. Entsprechend ist die Frage, ob die Hauptstadt nach dem Massaker der Hamas eine andere geworden ist, keine Frage der politischen Perspektive. Die Zahlen und die dokumentierten Übergriffe sprechen für sich.
Propalästinensische Demonstranten haben sich im Innenhof am Zaun der Berliner Humboldt-Universität (HU) versammelt.
© Soeren Stache
All das lässt sich aber nicht losgelöst von der Linkspartei betrachten. Sie gibt der propalästinensischen Protestbewegung politischen Rückhalt, ihre Vertreter beteiligten sich von Anfang an in vorderster Front bei propalästinensischen Demonstrationen. Wie schwer sich die inzwischen stärkste Partei Berlins mit der Abgrenzung gegen Antisemitismus tut, zeigte sich schon im Oktober 2024.
Damals verließen Klaus Lederer, Elke Breitenbach, Sebastian Scheel, Carsten Schatz und Sebastian Schlüsselburg die Partei. In ihrer gemeinsamen Austrittserklärung erklärten sie, dass sie sich mit ihren Positionen immer weniger durchsetzen konnten, insbesondere mit Blick auf das Bekenntnis einer klaren Haltung gegen Antisemitismus.
Zuvor war auf dem Landesparteitag ein Antrag gegen Antisemitismus durch Änderungen so abgeschwächt worden, dass die Antragsteller ihn zurückzogen. Gestrichen wurde unter anderem die Forderung, jüdisches Leben „unter Einsatz rechtsstaatlicher Mittel“ zu schützen. Lederer und andere verließen den Saal. Wer verstehen will, wie sehr sich die Linke seit dem 7. Oktober verändert hat, sollte sich diesen Vorgang vergegenwärtigen.
Enorme Widersprüchlichkeiten der Partei
Auf dem Bundesparteitag in Potsdam im Juni dieses Jahres wurde der Wandel äußerlich sichtbar. Viele junge Delegierte trugen das sogenannte Palästinensertuch, die Kufiya. So prägt die Solidarität mit Palästina mittlerweile das Bild der Partei. Zugleich erklärte die Linke die Bewertung des israelischen Vorgehens in Gaza als Völkermord zur offiziellen Position. Der Beschluss bekannte sich auch zum Existenzrecht Israels und zum Schutz jüdischen Lebens. Doch solche Bekenntnisse müssen sich daran messen lassen, wie die Partei im eigenen Umfeld mit der Verherrlichung von Terror umgeht.
Die enormen Widersprüchlichkeiten der Partei zeigten sich erst kürzlich aufs Neue. Auf der Wahlparty der Linkspartei in diesem September ließ sich der Linke-Abgeordnete Ferat Koçak mit Ibrahim Ibrahim fotografieren. Nach Recherchen der Dokumentationsplattform democ trat Ibrahim mehrfach als Redner bei Demonstrationen der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) auf, die von der EU als Terrororganisation eingestuft wird. Zudem soll er den von der IDF getöteten Hamas-Anführer Yahya Sinwar als „Märtyrerhelden“ bezeichnet haben.
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Koçak distanzierte sich anschließend von gewalt- und terrorverherrlichenden Aussagen. Die Partei verwies auf den öffentlichen Zugang zur Veranstaltung und erklärte, Ibrahim sei nicht eingeladen und nach seiner Identifizierung hinausgewiesen worden.
Mit solchen Erklärungen mag sich die Partei zufriedengeben. Die Nähe zu Akteuren, die Terror verherrlichen, lässt sich jedoch nicht mit dem Versprechen vereinbaren, jüdisches Leben schützen zu wollen. Wer sich erst distanziert, wenn es nicht mehr anders geht, macht dieses Versprechen zu einer leeren Phrase. Mit einer linken Regierenden Bürgermeisterin bekämen diese Widersprüche eine neue Tragweite. Ausgerechnet jene Partei, in der die Abgrenzung gegen Antisemitismus zu Parteiaustritten und einem erbitterten Streit führte, könnte künftig bestimmen, wie Berlin dieser Bedrohung begegnet.
So fällt die Bilanz drei Jahre nach dem 7. Oktober mehr als bitter aus: Für jüdische Berliner ist die Stadt unsicherer geworden. Der Linkspartei hat sie den Weg ins Rote Rathaus ermöglicht.
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