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Seit Februar muss ich für die Arbeit ein, zwei Tage die Woche in Chemnitz verbringen, der drittgrößten Stadt des Bundeslandes Sachsen. Nach fast zwanzig Jahren in Berlin fühlt sich die Tatsache, dass ich ausgerechnet in Chemnitz einen Job gefunden habe, wie ein fernes Winken in Richtung Metaphysik an. Im Anschreiben zu dieser Stelle hatte ich etwas vage Poetisches hineingeschrieben: dass sich vielleicht ein Kreis schließt, der begann, als mein Großvater in den Siebzigerjahren als Gastarbeiter nach Hamburg kam, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen.
Genau wie mein Großvater kam auch ich, etwa fünfunddreißig Jahre nach ihm, ohne ein einziges deutsches Wort am Flughafen Berlin an und stand vor einem völlig neuen Abenteuer, dessen Ausgang ich nicht vorhersehen konnte. Besonders unheimlich finde ich, dass die Eröffnungsgeschichte meines (noch unfertigen und unveröffentlichten) Kurzgeschichtenprojekts „Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ in Chemnitz spielt, einer Stadt, die ich vor meinem Vorstellungsgespräch nie betreten hatte.
Anstatt das Ganze in ein metaphysisches Universum zu verlegen, in dem eine viel ältere Großmutter von mir alles, was sie gesehen hatte, in einen fliegenden Teppich webte, der eines Tages im Hintergrund eines verschollenen Vermeer-Gemäldes verewigt worden wäre, nenne ich es einfach Zufall und mache weiter.
Gehwege, deutlich breiter als die in Berlin
Als Industriestandort wurden in Chemnitz während des Zweiten Weltkriegs einundvierzig Prozent der Gebäude zerstört. Nach dem Krieg lag die Stadt in der DDR und wurde nach den Prinzipien sozialistischer Stadtplanung von Grund auf wiederaufgebaut.
Eines der auffälligsten Merkmale dieser Planung ist die schiere Breite der Straßen und Gehwege, an manchen Stellen mit Radwegen, die deutlich breiter sind als die in Berlin. Anders als ich es gewohnt bin, unterscheidet sich die Oberflächenfarbe mancher dieser Radwege kaum vom übrigen Gehweg; die einzige Grenzmarkierung ist eine Reihe kleiner Steine. So kam es, dass ich, noch neu in der Stadt, eines Morgens auf dem Weg vom Hauptbahnhof zur Arbeit über die hallenartig breiten Gehwege in Chemnitz marschierte, ohne die Grenze des Radwegs zu bemerken. Bis mich ein Radfahrer höflich zur Ordnung rief.
Man stelle sich einen großen, breitschultrigen Mann mittleren Alters vor, geboren, wie es scheint, um Rad zu fahren: Helm auf, eine Sonnenbrille so groß, dass sie fast als Solarpanel durchgehen könnte, gepolsterte Radlerhose und Laufschuhe. An jenem Morgen, während ich mit hängenden Schultern zur Arbeit schlurfte, schoss genau dieser Typ mit hoher Geschwindigkeit an mir vorbei, keine zehn Zentimeter von meinem Ellbogen entfernt, begleitet von einem lauten Sausen. Ich war völlig perplex.
Eine kurze Abschweifung: Dieser Typus, wie man ihn überall in Westeuropa antrifft, kommt mit einer moralischen Überlegenheit daher, die er sich allein durchs Radfahren selbst verleiht, mit einer unerschütterlichen Selbstgerechtigkeit und der Überzeugung, dass er, sobald er auf der Straße unterwegs ist, im Recht ist, egal was er tut. Es ist eine ausgesprochen kleinbürgerliche Haltung, die in Deutschland durchaus etwas gilt.
Wichtige Frage, die man sich hier in Chemnitz stellt.
© Robert B. Fishman/Imago
Ich fahre selbst hin und wieder Rad, aber mich Menschen überlegen zu fühlen, die es nicht tun, oder mit halsbrecherischem Tempo bergab zu rasen, kommt mir nicht in den Sinn. Meistens bin ich schweißgebadet, schaue auf die Uhr und frage mich, wann die Fahrt endlich vorbei ist. Dieser Typ Radfahrer dagegen fährt weder aus Liebe zum Radfahren noch aus Klimabewusstsein. Was er liebt, ist das Drama einer klassenübergreifenden Illusion von Selbstermächtigung, eine Selbstgefälligkeit, die auf der Annahme beruht, er wisse über fast jedes Thema alles und habe in fast jeder Frage recht.
Das wäre weniger anstrengend, wenn diese Selbstgefälligkeit wenigstens durch etwas Substanz gedeckt wäre, ist sie aber selten. Allein durchs Radfahren glaubt dieser Typ, er befinde sich auf der höheren Seite der ideologischen Wippe: eine alltägliche Haltung, unhinterfragt übernommen und zur Stütze des eigenen Wohlbefindens umgedeutet. Er wird dir bereitwillig die Geschichte deines eigenen Landes erklären, darauf bestehen, dass du im Unrecht bist, wenn du widersprichst, und dir alles von deinem Einkauf bis zu deinem Liebesleben erklären wollen, mit endloser Genugtuung dabei. Weil er glaubt, jedes Recht dazu zu haben.
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Zumindest ein bisschen integriert
Genau wie jener überdimensionierte Lance Armstrong bei meinem ersten Besuch in Chemnitz, der, nachdem er zehn Zentimeter an mir vorbeigerast war, „Arschloch!“ rief, weil ich versehentlich im Radweg gelaufen war, und dann im gleichen Tempo weiterfuhr. Zugestanden, er hatte recht, ich hätte den Radweg bemerken sollen. Aber warum einfach nur „Arschloch“ rufen und davonsprinten, oh, Eroberer der Straßen? Du hättest wenigstens anhalten und mir die Chance geben können, dir ein Gegen-Arschloch entgegenzuschleudern. Vielleicht wären wir in eine Schlägerei geraten, und mit den Muskeln, die du dir durch fünfhundert Kilometer Radfahren am Tag antrainiert hast, hättest du mich mit einem Schlag zu Boden schicken und dich danach viel besser fühlen können. Ist das nicht eine verpasste Gelegenheit, selbst nach deinen Maßstäben, du selbsternannte Fahrrad-Moralpolizei von Chemnitz, die keinen einzigen Regelverstoß ungestraft lassen kann?
So kam es, dass ich an meinem allerersten Arbeitstag in Chemnitz „Arschloch“ genannt wurde. Damals fühlte es sich nicht wie der Beginn einer wunderbaren Freundschaft an. Aber jetzt, sechs Monate später, während ich das hier schreibe, merke ich, dass ich Chemnitz gegenüber aufgetaut bin. Da ich für alles sechs Monate brauche, um aufzutauen, muss das bedeuten, dass ich mich zumindest ein wenig in Deutschland integriert habe, anders als mein Großvater, der nach zehn Jahren zurück in sein Dorf ging.
Deniz Arslan ist ein in Berlin lebender Autor, Journalist und Übersetzer. Er schreibt Kurzgeschichten, Essays und Drehbücher und leitet die Kommunikation einer NGO. Bislang sind zwei Bücher von ihm in türkischer Sprache erschienen.
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