Wie in Berlin und Brandenburg der Metaller-Streik für kürzere Arbeitszeiten begann

Arbeitskampf bei Bockwurst und Skat

Peter Kirnich Thorsten Knuf
5 Min

HENNIGSDORF/BERLIN, 17. Juni. Gleich am frühen Morgen muss Michael Wobst zeigen, dass er die Situation unter Kontrolle hat: Am Tor 6 des Hennigsdorfer Bombardier-Werkes versuchen einige Arbeiter und zwei Manager, auf das Gelände zu gelangen. Doch seit vier Uhr wird das Werk bestreikt. Die Streikbrecher haben keine Chance, denn Betriebsrats-Chef Wobst und seine Leute haben aufgepasst und im letzten Moment ein Eindringen verhindert. Auch Stunden später steht Wobst die Anstrengung noch ins Gesicht geschrieben. "Es ist gar nicht so leicht, einen solch großen Betrieb zu bestreiken", sagt er. "Wir müssen acht Tore bewachen, und dann gibt es hier auf dem Gelände noch etliche Fremdfirmen, die wir in ihre Werkstätten lassen müssen."Am Montag hat der Ausstand in der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie auch Berlin und Brandenburg erfasst. Seit Beginn der Frühschicht ruht bei fünf Betrieben in der Region die Arbeit. Der Hennigsdorfer Schienenfahrzeug-Hersteller ist einer davon. Der Arbeitskampf für die Einführung der 35- Stunden-Woche im Osten dauert bereits mehr als zwei Wochen. Bislang wurde nur in Sachsen gestreikt. Doch die IG Metall will den Druck auf die Arbeitgeber erhöhen, damit diese wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren und über einen Stufenplan sprechen. Management macht Druck"Wir hatten gehofft, dass unser Werk nicht als Streikbetrieb auserwählt wird", sagt Wobst. Der Grund: Das Unternehmen befindet sich derzeit in einem schwierigen Sanierungsprozess. Rund 300 Stellen fallen weg, 200 weitere werden ausgelagert. Insgesamt beschäftigt Bombardier in Hennigsdorf noch 2 400 Mitarbeiter. Doch die Auftragslage ist schlecht. Bei der Urabstimmung hätte sich noch eine große Mehrzahl der Mitarbeiter für den Ausstand ausgesprochen, inzwischen aber ist die Stimmung gekippt."Auf Mitgliederversammlungen in den letzten Tagen sprachen sich plötzlich viele Kollegen gegen einen Streik aus", sagt Wobst. Viele seien durch den neuerlichen Stellenabbau stark verunsichert. Zudem habe das Management die Belegschaft in den letzten Tagen unter Druck gesetzt. Jeder Kollege habe vom Management einen Brief erhalten. Darin sei damit gedroht worden, dass ein Streik und die 35-Stunden-Woche weitere Jobs kosten könnte. Es werde auch über eine Verlagerung von Teilen der Produktion nach Polen nachgedacht. "Damit wird immer gedroht, da müssen wir jetzt durch", sagt Wobst. "Wenn wir jetzt einbrechen, zeigen wir, dass wir nicht streik- und widerstandsfähig sind." Das könnte das Management bei künftigen Verhandlungen ausnutzen. "Ein wenig Angst hatten wir schon, dass der Streik schief gehen könnte", sagt Birgit Kleinert, Schwerbehinderten-Vertrauensfrau im Betrieb. "Doch zum Glück ist alles gut gegangen." Ein Mitarbeiter aus dem Engineering-Bereich berichtet, dass die Abteilungsleiter Anwesenheitslisten herumgereicht haben. Viele Kollegen hätten für die Streikzeit Urlaub oder freie Tage eingetragen. "Ich habe Streik reingeschrieben", sagt der Mann. "Ich stehe dazu." Ein bisschen mehr Rückhalt hätte er sich schon gewünscht. Früher seien bei Streiks auch Abordnungen der Stahlwerker nebenan oder der Bürgermeister vorbeigekommen, um sich solidarisch zu erklären. Doch bislang habe sich niemand blicken lassen.Betriebsratschef Wobst erzählt, dass seine Schwiegermutter auf den Tag genau vor 50 Jahren ebenfalls vor dem Werktor stand und vor allem gegen die Erhöhung der Normen gestreikt habe. Heute seien die Arbeiter vom 17. Juni 1953 Helden. "Vielleicht sind wir es ja in 50 Jahren auch", sagt Wobst. Die Metall-Arbeitgeber in Berlin und Brandenburg empfinden es allerdings als "historische Geschmacklosigkeit", ausgerechnet am 50. Jahrestag des Volksaufstandes einen Arbeitskampf in der Region zu beginnen.Doch auch beim Aufzugbauer Otis in der Berliner Chauseestraße haben die Streikenden an diesem Tag das Gefühl, in der Tradition des 17. Juni zu stehen. "Unsere Väter und Mütter haben nicht nur gegen die Normerhöhung gestreikt. Sondern gerade hier in Berlin auch dafür, dass die Lebensverhältnisse nicht noch weiter auseinander driften", sagt Betriebsratschef Peter Klausing. Der kleine, rundliche Mann setzt eine feierliche Miene auf, als er diesen Satz ausspricht. Recht gemächlich geht es bei Otis zu. Am Standort in Berlin-Mitte sind nur 65 Mitarbeiter beschäftigt. 40, vielleicht 50 Streikende befinden sich vor dem Werkstor. Außer den leitenden Angestellten und einem Notdienst ist niemand im Gebäude. Die Stimmung ist gut. Die Streikleitung hat Partyzelte aufbauen lassen. Aus einem Lautsprecher plärrt Schlagermusik, dazu gibt es Bockwürstchen und Schrippen mit Schmalz. Zum Zeitvertreib soll im Laufe des Tages ein Skatturnier organisiert werden."Fischer kriegt einen mit"Dass die IG Metall ausgerechnet diese Niederlassung bestreiken lässt, hat natürlich einen Grund. Denn Otis ist das Unternehmen von Roland Fischer, dem Verhandlungsführer der Metall-Arbeitgeber in der Region. Die Gewerkschaft will ihm gleich am ersten Streiktag zeigen, dass sie schlagkräftig ist. Und zwar nicht nur im großen Otis-Werk in Tegel, sondern ebenso hier in Ost-Berlin. "Der kriegt auch einen mit" hatte es bereits tags zuvor in der IG-Metall-Bezirksleitung geheißen.Einer der Streikenden bei Otis ist der Monteur Thomas Franke, 39 Jahre und seit 1989 im Betrieb. Er meint, dass den Ost-Beschäftigten die 35-Stunden-Woche 13 Jahre nach der Wende einfach zustehe. Manchmal gebe es bei den Montage-Einsätzen Teams aus Ost- und West-Berlinern. Dann werde der Unterschied zwischen den Beschäftigten besonders deutlich. "Wenn wir noch arbeiten, gehen die schon nach Hause", klagt Franke.Allerdings ist er auch skeptisch, ob die Arbeitszeitverkürzung tatsächlich zu neuen Jobs führen wird - so wie es die IG Metall vorhersagt. In den vergangenen Jahren sei trotz Arbeitszeitverkürzung kein neues Personal eingestellt worden. "Der positive Effekt ist vielleicht, dass wir ein Jahr länger einen sicheren Job haben", sagt der Monteur.Clement kritisiert Metaller // Am Dienstag legten nach Gewerkschaftsangaben mehr als 11 000 ostdeutsche Metaller aus 15 Betrieben die Arbeit nieder. Fünf Betriebe befanden sich in Berlin und Brandenburg. Hier waren 2 600 Beschäftigte zum Streik aufgerufen.Betroffen waren in der Region der Otis-Standort in Berlin-Mitte, in Hennigsdorf Bombardier Transportation und BT Germany, in Brandenburg/Havel ZF Getriebe und in Ludwigsfelde DaimlerChrysler.Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) wertete den Streik als Konflikt zur falschen Zeit am falschen Ort.BERLINER ZEITUNG/MIKE FRÖHLING Hier kommt keiner rein: Ein Metaller befestigt ein Transparent am Haupttor des Otis-Standortes in Berlin-Mitte.BERLINER ZEITUNG/PUSCH Metaller im Westen haben die kürzeste Arbeitszeit.

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