Wer gehört zur Elite? Und wer nicht? In Deutschland entscheidet darüber häufig nicht nur die persönliche Eignung, sondern auch die Herkunft. Ostdeutsche sind ausweislich des Leipziger Elitenmonitors weiterhin deutlich unterrepräsentiert. Wie kann das 36 Jahre nach der Wiedervereinigung sein?
Der neue Studienband „Die Unterrepräsentation Ostdeutscher in Spitzenpositionen in Deutschland“, erschienen bei Springer VS, sucht die Antwort nicht erst bei der Besetzung der Spitzenposten, sondern viel früher in den Karrierewegen. Dabei zeigt sich: Wer als Ostdeutscher aufsteigen will, verbessert seine Chancen häufig, wenn er seine Heimat verlässt. Ein Teufelskreis.
Wie groß die Ost-West-Lücke in der Elite ist
Kurz die Zahlen: 2024 waren 12,1 Prozent der vom Elitenmonitor erfassten Positionseliten ostdeutsch, bei rund 19 Prozent Bevölkerungsanteil. Selbst in Ostdeutschland stellen sie mit 47,4 Prozent weniger als die Hälfte, im Westen weniger als drei Prozent. Grundlage sind unter anderem biografische Daten zu 4728 Personen in 3403 Spitzenpositionen. Bei den ab 1970 Geborenen liegt ihr Anteil zwar bei 19,5 Prozent, ohne Politik und Verwaltung aber nur bei 11,4 Prozent. Dafür seien nach Einschätzung der Forscher auch föderale Rekrutierungswege mitverantwortlich. In der Wirtschaft führte 2024 dagegen kein Ostdeutscher eines der 191 größten erfassten Unternehmen.
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Dass Ostdeutsche im Schnitt andere Bildungs- und Berufswege haben, erklärt die Lücke nur zum Teil. In einem Modell der Forscher kommen auf 100 westdeutsche Aufsteiger zunächst 46 ostdeutsche. Wird der Bildungsgrad berücksichtigt, sind es 58, nach zusätzlicher Berücksichtigung des Einstiegsberufs 76. Ein statistisch signifikanter negativer Effekt der ostdeutschen Herkunft bleibt also bestehen.
Warum Netzwerke über den Aufstieg entscheiden
Die Forscher suchen einen Teil der Ursache deshalb lange vor der eigentlichen Besetzung einer Spitzenposition. Karrieren verliefen nach ihrer Analyse meist stufenweise. Wer nach oben wolle, müsse zuvor Positionen erreichen, auf denen er Verantwortung übernehme, sichtbar werde und sich für den nächsten Schritt profilieren könne. Für den Sprung in die erste Eliteposition schildern alle 15 befragten ostdeutschen Elitenangehörigen denselben Mechanismus: Sie wurden angesprochen. Keiner sei nach eigener Aussage selbst die treibende Kraft gewesen. Die Autoren nennen das „Geholt- und Gefragt-Werden“.
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Ein ostdeutscher Professor berichtet, er habe rund 40-mal angesprochen werden müssen. Erst dann habe er zugesagt. Mit seinem „Selbstwertverständnis“ habe er sich selbst nicht in einer Leitungsfunktion gesehen. Er führt das auch auf seine Sozialisation zurück: „Wir wurden ja im Osten auch anders erzogen, was Hierarchien angeht.“
Geholt werden könne allerdings nur, wer den Entscheidern bereits bekannt sei. Und hier bekomme die Karrierefrage eine geografische Dimension. Die besten Möglichkeiten, solche Netzwerke aufzubauen, fänden sich nach Analyse der Forscher vor allem in westdeutschen Zentren wie Hamburg, Köln oder München sowie in Berlin. Dort lägen viele große Unternehmenszentralen, renommierte Hochschulen und führungsnahe Stationen der Bundesverwaltung. Junge Ostdeutsche stünden deshalb schon früh vor der Frage, ob sie für Studium und Karriere ihre Heimat verlassen.
Im Handlungskapitel schreiben die Autoren: Die Umlenkung von Talenten an karriereträchtige Stationen im Westen könne zwar deren persönliche Aufstiegschancen erhöhen, zugleich aber der Entwicklung Ostdeutschlands und seiner demografischen Struktur schaden.
Wie der Osten selbst Eliten hervorbringen kann
Was also tun? Die Autoren schlagen unter anderem vor, dort früher anzusetzen, wo spätere Karrierewege vorbereitet werden. Der Bund finanziert 13 Begabtenförderungswerke. In Regionen mit besonders wenigen Bewerbern oder Geförderten könnte er sie über ihre Zuwendungsverträge verpflichten, stärker um Talente zu werben. Bei der Studienstiftung des deutschen Volkes, dem größten Begabtenförderungswerk, liegt der Anteil Ostdeutscher unter den Geförderten laut Band bei weniger als zehn Prozent. Ein Stipendium bringe dabei nicht nur Geld. Es eröffne früh Zugang zu Netzwerken, die später für Karrieren wichtig werden könnten.
Doch es reicht nicht, mehr Ostdeutsche durch dieselben Karrierewege zu schleusen, die bislang vor allem im Westen stattfinden. Ein Nachahmen westdeutscher Aufstiegsmechanismen kann das bestehende System festigen und zugleich zum Verlust besonderer Erfahrungen und Fähigkeiten führen.
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Entscheidend ist, wo sie ausgebildet werden, ihre ersten Netzwerke knüpfen, sich bewähren und schließlich für Spitzenpositionen entdeckt werden. Ostdeutsche Elite kann nicht nur heißen: aus dem Osten kommen und anschließend in den westdeutschen Machtzentren neu sozialisiert werden. Sie muss auch aus Lebensläufen entstehen können, die im Osten geprägt wurden und von dort aus bis an die Spitze führen. Sonst wird aus „Made in GDR“ letztlich immer wieder „weiterverarbeitet im Westen“.
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