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Diese Frage quält den Ostberliner: „Wie lange braucht man, um Westler zu werden?“

Michael G. Fritz erzählt in seinen Miniaturen von Teilung, Anpassung und der schwierigen Suche nach Identität zwischen Ost und West.

Andreas H. Apelt
4 Min
Westberliner Touristen und Soldaten der Grenztruppen der DDR an der Berliner Mauer im Jahr 1986

Westberliner Touristen und Soldaten der Grenztruppen der DDR an der Berliner Mauer im Jahr 1986

© Sommer/Imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Diese Frage quält den Ostberliner Ich-Erzähler bereits im ersten, der acht als Miniaturen ausgegebenen Textblöcke: Wie lange braucht man, um Westler zu werden? Da schlendert er gerade vom Lehrter Bahnhof kommend durch das alte von der Mauer gezeichnete Berlin und erklimmt eines der Holzpodeste am Brandenburger Tor. Von hier aus öffnet sich wie für Zoobesucher ein Blick über die Mauer in den großen Käfig. Nur sind dort keine wilden Tiere, sondern seine Landsleute zu sehen.

Ein merkwürdiges Gefühl muss den Mann beschleichen, der einiges auf sich nimmt für diesen Blick. Denn nach jahrelangem Antragstellen hat er nur ein Visum für die Bundesrepublik erhalten, nicht aber für die andere Hälfte seiner Stadt. Mit dem Geld der Patentante fliegt er unerlaubt und unbehelligt von den DDR-Grenzbehörden von München aus in die „selbständige politische Einheit Westberlin“, wie es offiziell heißt, um dann den gleichen Weg zurückzunehmen. Mit präzise gesetzten Worten beschreibt Fritz die Absurditäten deutsch-deutscher Realität, die auch sein Leben gezeichnet haben.

Er, der 1953 in Ostberlin geborene, der in Freiberg studierte und wegen seiner kritischen Einstellung vom Studium relegierte Autor, den es dann nach Dresden verschlägt, wo er zunächst als Lagerarbeiter, später als Bibliothekar arbeitet. Als Autor und hoch sensibler Beobachter zeitgeschichtlicher Entwicklungen macht er sich bereits mit ersten Veröffentlichungen in der DDR einen Namen.

Ungewöhnliche Einsichten

Fritz drängt sich nie in den Vordergrund, sondern erweist sich als stiller Beobachter. Dabei ist der Autor ebenso zerrissen wie das geteilte Land. Spätestens dann, wenn er auf dem Holzpodest steht und an seinen Freund Martin denkt, der einst aus der DDR geflohen, nun versucht, der bessere Westler zu sein.

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Etwa als er bei der Verkostung von Wein, die abgewählten Weinflaschen mit der Geste der Selbstverständlichkeit in den Ausguss schüttet und beim Beobachter den Eindruck hinterlässt, dass man sich im Westen diese Verschwendung jederzeit leisten könne. Besorgt fragt sich der Ich-Erzähler, ob dies „eine Form der Anpassung“ sei, um zu überleben.

Fritz blickt nicht nur zurück, so sehr seine Erinnerungen an die Kindheit oder an so große fast vergessene Dichter wie Franz Fühmann auch nachhaltige Wirkung zeigen. Der Autor schenkt uns ganz ungewöhnliche Einsichten auf politische Begebenheiten. Fühmanns Maxime, die Wahrheit zu wählen, so in seinen Grabstein gemeißelt, könnte sich auch Fritz zueigen machen. Er schaut hinter die Dinge, beobachtet still und lässt uns Anteil an den Figuren und ihren Zwängen haben. Zu Recht stellt Marko Martin in seinem Nachwort fest: „Hier schreibt ein illusionsloser Menschenfreund, dessen immerwährende Neugier ansteckend ist.“

Fritz beschönigt nicht, er verklärt nicht

Fritz nimmt den Leser mit in die Gedankenwelt seiner Protagonisten, lässt sie mitfiebern, mitleiden, lässt sie in den Zwängen der Zeit nach Luft ringen. Offen und schonungslos nähert er sich den Figuren. Seine Stärke ist die Beschreibung, hier ist kein Wort zu viel. Dabei ist er keineswegs aufdringlich, er beschönigt nicht, er verklärt nicht.

An anderer Stelle bekennt Fritz: „Was für die Generation vor mir Krieg und Nachkrieg, ist für meine die Mauer. Geschichten, immer diese Geschichten, sie hängen uns an: Es gibt kein Entrinnen, als wäre es unsere Bestimmung, immer Teil dieser Geschichten zu sein, aus denen unser Leben besteht.“

Michael G. Fritz: Die Stille ist das Rieseln des Sandes. Miniaturen aus unserer und einer anderen Zeit. Kurze Prosa. Mitteldeutscher Verlag Halle. 126 Seiten. 16 Euro.

Andreas H. Apelt, Schriftsteller und Publizist, promovierter Politikwissenschaftler, DDR-Oppositioneller, zahlreiche Veröffentlichungen zur deutschen Zeitgeschichte, zuletzt: „Sechsunddreißig Seelen“, Roman.

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