Weihnachtsessen für Bedürftige

Wildgulasch und Kartoffelklöße gegen die Einsamkeit und Traurigkeit

Berliner Armutsbeauftragter lädt seit 2013 in die Tee- und Wärmestube zum Festessen ein.

Kerstin Hense
5 Min
Es gibt Wildgulasch und Klöße für 45 bedürftige Berliner und Berlinerinnen.

Es gibt Wildgulasch und Klöße für 45 bedürftige Berliner und Berlinerinnen.

© Sabine Gudath

Heiligabend war Michael K. alleine in seiner Wohnung. An die Einsamkeit hat sich der 54-Jährige gewöhnt. Seit zehn Jahren verbringt der Berliner Single das Fest ohne Freunde und Verwandte, seine Eltern sind vor ein paar Jahren verstorben. An diesem zweiten Weihnachtsfeiertag ist er in Gemeinschaft. Die Abwechslung tut ihm gut. Die Tee- und Wärmestube in Neukölln hat ihn zu Wildgulasch und Kartoffelklöße eingeladen. Seine einzige Einladung an diesem Fest.

In den Räumen in der Weisestraße 34 sind die Tische festlich mit bunten Tellern und Kerzen dekoriert. Auch ein Weihnachtsbaum wurde liebevoll geschmückt. Es gibt Wildgulasch, Rotkohl und Klöße und zum Nachtisch ein Dessert. Seit 2013 organisiert der Berliner Armutsbeauftrage des Diakoniewerks Simeon und Kirchenkreises Neukölln, Thomas de Vachroi, das Festessen für bedürftige und einsame Menschen in Berlin. Ein Großteil von ihnen kommt das ganze Jahr über fünfmal die Woche für eine warme Mahlzeit hierher. Und auch an Feiertagen wie Weihnachten.

„Es ist schön, hier andere Menschen zu treffen und etwas Leckeres zu essen zu bekommen“, sagt Michael K. Er sitzt mit Gästen zusammen am Tisch, die er bereits von früheren Weihnachtsfeiern  in der Tee- und Wärmestube kennt. Sie wollen nach dem Essen noch Schach spielen. Wie in jedem Jahr. Michael K. hat wie viele andere Menschen hier nur wenig Geld zur Verfügung. Er bezieht Grundsicherung und kann sich ein Essen wie Wildgulasch im Alltag nicht leisten.

Aus Platzgründen und auch coronabedingt findet die Feier an drei aufeinander folgenden Tagen, vom 25. bis  27. Dezember, statt. An diesem zweiten Weihnachtsfeiertag sind 45 Gäste eingeladen. „Es sind überwiegend Menschen, die allein sind und niemanden mehr haben oder bei denen der Kontakt zur Familie abgebrochen ist“, erklärt Thomas de Vachroi.

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Martina W. hat Heiligabend mit ihrem Lebensgefährten verbracht. Sie sind seit 22 Jahren ein Paar, erzählt sie. Sie freut sich über die vielen sozialen Kontakte hier, aber auch über das Festessen: „Ich muss meine Rente mit Hartz IV aufstocken und für mich ist so ein Essen etwas Besonderes.“

Gekocht und auch finanziert wird das Festmahl von den Mitarbeitern des Edeka-Marktes Laurmann am Steubenplatz in Westend. Seit neun Jahren verzichtet das Team auf die zweite Hälfte des eigenen Weihnachtsfestes, um Menschen, denen es schlechter geht, zu helfen. Vergangenes Jahr stand Edeka-Mitarbeiterin Beatrix Hartwig sogar schon kurz vor Weihnachten stundenlang in der Küche, weil sie 160 Rouladen einwickeln musste.

Das Menü wird in einer Gaststätte zubereitet, in einer Küche, die für diese Mengen ausgestattet ist. Anschließend fahren es die Mitarbeiter mit ihren eigenen Autos nach Neukölln. Dass sie nur Heiligabend bei ihren Familien sein können, störe die Mitarbeiter nicht, sagt Beatrix Hartwig. Die ehrenamtliche Arbeit gebe ihnen viel zurück. „Wenn sich die bedürftigen Menschen freuen und sich hinterher mit einem Lächeln verabschieden, macht das auch uns sehr glücklich.“

Jeder Gast erhält auch eine Winterjacke und gefütterte Schuhe

Die Gäste sollen heute verwöhnt werden. Das vierköpfige Team kocht nicht nur, sondern serviert auch das Essen am Tisch. Dabei wird es von Mitarbeitern des Sozialausschusses der BVV Neukölln unterstützt. Im Anschluss erhält jeder Gast noch eine Tüte mit Süßigkeiten – und das Wichtigste: eine Winterjacke, ein paar gefütterte Schuhe und ein paar Wollsocken. Die warme Kleidung haben ein Berliner Unternehmen und eine Loge gespendet. In diesem Jahr sei die Armut besonders schlimm, sagt Thomas de Vachroi und verweist auf die Preissteigerungs- und Energiekrise.

Martina W. packt einen Schokoladen-Weihnachtsmann aus.

Martina W. packt einen Schokoladen-Weihnachtsmann aus.

Der Berliner Armutsbeauftragte erzählt, dass eine Besucherin der Tee- und Wärmestube dieses Jahr nicht dabei sein kann, weil sie krank geworden ist. Aus Sorge. „Sie saß wochenlang in der ausgekühlten Wohnung und hat kaum etwas gegessen, weil sie sparen wollte.“ Etwa 60 Menschen pro Tag besuchen die Einrichtung in Neukölln. Momentan sind es sogar 100, sagt de Vachroi. Manche kommen schon seit vielen Jahren, haben es nicht mehr aus der Langzeitarbeitslosigkeit herausgeschafft und leben sogar auf der Straße.

Nicht nur zu Weihnachten wird an die Bedürftigen der Tee- und Wärmestube gedacht. Zu Ostern gibt es einen Brunch, im Mai ein Kuchenbüfett, im Sommer werden sie zu einem Ausflug eingeladen und im Herbst gibt es ein Hähnchenessen. Das Edeka-Team gehört mit zu den Hauptsponsoren. „Es ist für sie eine Herzensangelegenheit. Sie haben in ihrem eigenen Geschäft genug zu tun und trotzdem lassen sie es sich nicht nehmen, anderen zu helfen“, betont de Vachroi.

Doch nicht alle Unternehmen und Privathaushalte sind derzeit noch in der Lage beständig zu helfen. Die Krise zeigt sich auch an der nachlassenden Spendenbereitschaft. „Früher haben wir unsere Besucher ausschließlich mit den Lebensmitteln versorgt, die wir von den Discountern bekommen haben. Nun müssen wir von unseren Spendengeldern noch etwas dazu kaufen“, sagt de Vachroi.

Das Dessert, Schokoladenpudding, schafft Michael K. nicht mehr. „Das Wildgulasch war eine große Portion und hat sehr satt gemacht“, sagt er und lächelt. Das Festmahl und die Gespräche haben ihn glücklich gemacht. Für einen Moment haben sie die Einsamkeit aus seinem Herzen vertrieben.

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