SPD-Vize Wolfgang Thierse weiß nicht so recht, ob er verstanden hat. "Tunnelieren" ist zwar die direkte Übersetzung eines tschechischen Begriffs für Wirtschaftskriminalität, erschließt sich im Deutschen aber nicht auf Anhieb. Deshalb sucht der Dolmetscher von Milos Zeman, dem Prager Parlamentspräsidenten, nach einem Synonym, das dem deutschen Gesprächspartner die Situation in den Betrieben etwas präziser beschreibt. "Aussaugen, Aushöhlen, von innen Abzocken" sei in Tschechien zum Sport geworden und einer der Gründe, warum sich das Land in einer Phase wirtschaftlicher Stagnation befinde.Aus erster Hand Thierse nutzt jede Gelegenheit, seine "Ostkontakte zu pflegen", wie er sagt. Anläßlich einer Feierstunde zum fünften Todestag von Willy Brandt, zu der am heutigen Mittwoch viel europäische und sozialdemokratische Politprominenz in Berlin erwartet wird, arrangierte er ein ausführliches Gespräch mit Zeman, um aus erster Hand etwas über die politische Lage in Tschechien zu erfahren.Der Berliner Bundestagsabgeordnete ist zwar gut informiert. Er weiß etwa, daß die oppositionellen Sozialdemokraten, deren Vorsitzender Zeman ist, in Umfragen bei 30 Prozent und damit erstmals vor der konservativen Regierungskoalition von Premier Vaclav Klaus liegen derzeit sprechen nur noch 25 Prozent der Bevölkerung der Regierung ihr Vertrauen aus. Wolfgang Thierse will es aber genauer wissen. Ob die Partei sich in den letzten Jahren modernisiert habe und die Regierung im Zweifel auch übernehmen könne, fragt er seinen tschechischen Genossen, "schließlich wissen wir aus eigener Erfahrung, daß da eine Lücke klaffen kann." Bei seinem ersten Besuch in Prag kurz nach der Wende habe er die CSSD schließlich noch als "völlig zerstrittenen Haufen" erlebt.Ein-Drittel-Amputation Zeman bestätigt, daß seine Partei "mitgliedermäßig noch immer schwach" sei. Die Sozialdemokraten hätten jedoch begriffen, daß sie sich neue Verbündete suchen müßten, nachdem sie die kleineren Oppositionsparteien weitgehend "absorbiert" hätten. Nun gelte es, die "zigtausend" unabhägigen Kandidaten auf kommunaler Ebene als Mitstreiter zu werben. Nur dann gebe es "gute Chancen", die kommenden Wahlen zu gewinnen.Die Bevölkerung, so Zeman, leide vor allem unter der von der Regierung verordneten "Ein-Drittel-Amputation": Ein Drittel der Krankenhausbetten würde abgebaut, ein Drittel der Schulen geschlossen, ein Drittel der Eisenbahnstrecken stillgelegt. Die schlechte Wirtschaftslage Tschechien ist mit einer Wachstumsrate beim Bruttoinlandsprodukt von rund einem Prozent mittlerweile hinter Polen (sechs Prozent), die Slowakei (fünf) und Ungarn (drei Prozent) zurückgefallen "kreiden immer mehr Leute Vaclav Klaus an", sagt Zeman. Sie würden langsam begreifen, daß die fehlgeschlagene Form der Kouponprivatisierung sowie die "fanatische Ideologie des wirtschaftlichen Liberalismus" die Staatsfinanzen und damit öffentliche Dienste kaputtmache."Haben die Kommunisten dadurch größeren Wählerzuspruch?", fragt der deutsche Sozialdemokrat noch. Zeman glaubt nicht daran. Die Partei läge noch bei zehn Prozent, Tendenz stark fallend. Warum? "Die wichtigen Leute sind jetzt in der Wirtschaft tätig und mächtig am Tunnelieren." Nun hat Thierse verstanden.
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