Der Künstler Esteban Velázquez von Wilhelm ist bekannt für seine ungewöhnlichen Kunstaktionen. In einer Einzelausstellung „Der Entzug des Blicks“ zeigte der aus Venezuela stammende und seit zwölf Jahren in Deutschland lebende Künstler erstmals eine Auswahl seiner Werke aus der Dunkelkammer. Zu sehen waren diese im Mai in den Räumen seiner von-Wilhelm-Manufaktur am Badergraben 16 in Wurzen, einer sächsischen Kleinstadt in der Nähe von Leipzig. Es scheint paradox: Malen ohne zu sehen, ohne den kontrollierenden Blick. Von Wilhelm lässt sich ganz bewusst darauf ein. Sein reges künstlerisches Schaffen und seinen bewegenden Lebensweg stellte die OAZ bereits in einem Porträt vor. Nun macht der Künstler wieder von sich reden.
Esteban Velázquez von Wilhelm schenkt der Stadt Wurzen ein Ensemble aus 14 großformatigen Gemälden, deren Gesamtwert ihm zufolge stattliche 532.000 Euro beträgt. Die monumentalen Kunstwerke sollen im Rahmen der Sanierung des maroden Bahnhofstunnels entlang der Wände angebracht werden, wodurch das Areal neu gestaltet und für Besucher wie Einheimische attraktiver werden soll. Die offizielle Übergabe mit der Enthüllung des ersten Gemäldes und der Schenkungsurkunde an die Stadt fand bei der Eröffnung des Wurzener Weinfestes im August statt. „Ich möchte mit meiner Kunst etwas retten. Hier geht es nicht nur um Sehen und Betrachten, sondern auch darum, der Infrastruktur am Wurzener Bahnhof zu helfen und die Region wieder mehr glänzen zu lassen“, sagt von Wilhelm. Es gehe dabei um Strukturaufbau aus eigener Kraft.
Begonnen hat es mit der Gründung der 2000 Quadratmeter großen Von-Wilhelm-Manufaktur in der ehemaligen Lampenfabrik in Wurzen. Der Künstler war auf der Suche nach einem großen Atelier. „Mein erster Eindruck von Wurzen war schrecklich, als ich die Bahnhofsunterführung sah. Hier wollte ich kein Atelier haben“, erzählt er. Doch als er dann die großen, freien Hallen in den früheren Manufakturhöfen am Badergraben sah, sei das fantastisch gewesen. Drei Jahre ist das jetzt her. Inzwischen ist das ursprünglich geplante private Atelier zu einem öffentlichen Kulturort der Stadt Wurzen geworden, an dem Malen für Kinder, Kunstmärkte mit Künstlern aus ganz Deutschland, Tschechien, Lettland, Spanien, Brasilien und Venezuela sowie Rundgänge durch das weiträumige Atelier stattfinden.
Außerdem stellt von Wilhelm kostenfreie Ateliers für junge sächsische Nachwuchskünstler zur Verfügung und bietet Raum für Ausstellungen. „Ich habe nette Leute und hilfsbereite Nachbarn kennengelernt, die mir helfen, auch mit kleinen Sachen wie Nägeln, Stühle oder Reflektoren. Omas kommen mit Marmelade“, erzählt der Künstler. Seine Großtante Angelina, die oft in seinen Gemälden auftaucht und ihn künstlerisch förderte, sei ihm ein Vorbild. Sie spendete auch großzügig, beispielsweise an Altenheime.
„Ein schönes Gefühl, etwas zu geben“
„Es ist ein schönes Gefühl, etwas zu geben. Noch schöner in Wurzen, wo ich auch Hilfe erfahren habe. Deshalb möchte ich etwas zurückgeben, auch ein Stück Stolz der Bürger auf ihre Stadt“, so von Wilhelm. „Der Bahnhof ist der wichtigste Ort, wo man ankommt, wartet, umsteigt und den man als Erstes sieht.“ Zurzeit bietet sich Reisenden ein trister Anblick in der Bahnhofunterführung in Wurzen. Die farbigen Stadtansichten an den Wänden, die entlang der Treppen in den Tunnel führen, sind an vielen Stellen inzwischen mit Graffiti übermalt und mit Sprüchen bekritzelt, am Aufzug zum Gleis 3 liegt zersplittertes Glas.
Mitten durch das wildbunte Sprüche-Chaos rudert in einem Wandbild ein Mann in grauem Shirt, roter Rettungsweste und rotem Paddelboot mit kräftigen Ruderschlägen auf der Elbe, vorbei an einer schönen, hügeligen Landschaft mit weiten Wiesen und blauem Himmel von Wolken durchzogen. Am Ende des Tunnels steht Esteban Velázquez von Wilhelm. Er trägt einen hellen Trenchcoat, Jeans, kurzes blondes Haar und eine rote Binde auf einem Auge. In der Hand hält er eine Papierrolle mit Lageskizzen von seinen Gemälden, die hier bald hängen werden. Das Kunst-Ensemble für den Bahnhof trägt den Titel: „Wurzen: Gedächtnis in Bewegung“.
„Es werden mehr als 1000 Jahre Geschichte in den Gemälden von mir zu sehen sein. Begonnen bei den sächsischen Kurfürsten im Bistum Meißen bis zum Bischof von Saalhausen“, sagt er. Die ersten drei Gemälde stammen noch aus dem Dresdner Projekt „Neuer Fürstenzug“ und wurden neben dem Goldenen Reiter gemalt. Für dieses monumentale Projekt waren über vierzig Gemälde mit je drei Metern Kantenlänge vorgesehen. Es wurde lange vom Schlösserland Sachsen geprüft, doch letztlich unterstützte die Institution die Fortführung von Wilhelms Vorhaben nicht. Diese Gemälde greifen Motive aus der Frühzeit der sächsischen Geschichte auf. So erscheint etwa Friedrich, der Kriegerische als Beschützer des Bistums Meißen, dazu kommen Friedrich III. der Weise, Luther, der Reformator und schließlich Bischof Johann VI. von Saalhausen - als Teil der Wurzener Geschichte. Sie reichen bis hin zu Joachim Ringelnatz, dem großen Dichter aus Wurzen. Vielleicht male er auch sich selbst ins Bild, als einen Künstler der Gegenwart, so von Wilhelm.
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Der Künstler und Historiker Esteban Velázquez von Wilhelm ist bekannt für seine Auseinandersetzung mit der preußischen und sächsischen Geschichte aus einer zeitgenössischen Perspektive heraus. Er nutzt seine Kunst, um die feinen Übergänge zwischen Geschichte, Identität, Migration und interkulturellem Dialog zu erforschen, sagt er. „In meinen frühen Jahren als Geschichtsstudent an der Universität in Venezuela waren es die Werke von Wilhelm Sievers, Anton Göring, Karl Ferdinand Appun und Alexander von Humboldt, die mir mein Land wirklich nahebrachten. Dank dieser Autoren verliebte ich mich in mein Land“, erzählt von Wilhelm.
Esteban Velázquez von Wilhelm in seinem Wurzener Atelier: Der venezolanische Künstler ist durch einen Überfall in seiner Heimat auf einem Auge blind. Er begegnet seiner Angst vor der völligen Erblindung, indem er in absoluter Dunkelheit arbeitet.
© Rene Plaul für Ostdeutsche Allgemeine
„Ich bin überzeugt, dass mit meiner zeitgenössischen Malerei, die in der Dunkelkammer entsteht, in der ich meine inneren Bilder der deutschen Geschichte bewusst male und übermale, neue Generationen von Deutschen ihrem eigenen Land ein Stück näherkommen können. Denn ich glaube, die größte Tragödie einer Zivilisation ist das Vergessen ihrer Vergangenheit“, so von Wilhelm. Vielleicht brauche es dafür manchmal den Blick von außen. Er wurde 1979 in Venezuela geboren, erlebte ein totalitäres System, politische Verfolgung, Zensur und Haft. Von Wilhelm hat alles verloren: seine Existenz, seine Heimat, sein Hab und Gut - und sein rechtes Auge bei einem brutalen Überfall in Maracaibo, wo eine Schlägertruppe über den unkonventionell lebenden Herausgeber eines Kunst- und Lifestylemagazins hergefallen war. Von Wilhelm überlebte die traumatische Attacke nur knapp. Seitdem trägt der Künstler eine rote Augenklappe, die inzwischen zu seinem Markenzeichen geworden ist.
Geblieben ist ihm sein Geist und sein Talent. Und das Land der Ahnen. Die Flucht nach Deutschland war eine bewusste Entscheidung für die Heimat der Urgroßeltern mütterlicherseits mit deutschen Wurzeln, sagt von Wilhelm. „Dann kam die harte Landung, der klassische Weg eines Schutzsuchenden. Hürden wie extreme Bürokratie, Isolation, Restriktionen, Erlernen einer schweren Sprache und Wiederanpassung an ein neues Kultursystem“, schildert er rückblickend. Doch er nahm nie eine passive Rolle ein, sondern wandelte seine Angst, sein Trauma und seinen Schmerz in eine kulturelle Triebkraft um, die über sein Atelier hinaus in die Stadt und in die Region strahlt. „Ich möchte das geben, was ich liebe“, sagt von Wilhelm.
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Er sei sehr produktiv und male täglich. Mehr als 6000 Kunstwerke habe er inzwischen geschaffen. „Sollen sie nur im Lager und in Regalen liegen? Nein, ich will etwas damit machen“, sagte er sich. „Als ich dem Tod sehr nahe war, lernte ich etwas, das mir im Leben sehr geholfen hat: Wir wissen nicht, wie lange wir hier sein werden, aber wir wissen, dass nach uns andere kommen werden. Deshalb ist es sinnlos, Dinge anzuhäufen, wenn sie keinen dauerhaften gesellschaftlichen Nutzen bringen“, so der Künstler. „Außerdem ist nichts wertvoller als Freiheit, und ich bin frei. Alles andere ist nur Zeug“, so von Wilhelm.
Neben der Schenkung von Kunstwerken für den Bahnhof Wurzen hat von Wilhelm mit der erfolgreichen Benefizaktion „Kunst für Venezuela“ außerdem das Bündnis „Aktion Deutschland hilft“ zugunsten der Nothilfe nach dem Erdbeben in seinem Heimatland unterstützt. Er hat 101 Kunstwerke gespendet und tausende Euro gesammelt. „Es sind schon fast 7000 Euro zusammengekommen“, sagt von Wilhelm stolz. Die Spenden werden für die erste medizinische Versorgung, Wasser und Unterkunft in Zelten eingesetzt. Einhundert Prozent aus dem Verkauf der Bilder gingen an die Hilfsaktion. „Das war meine Entscheidung. Anfangs dachte ich, es würde nicht viel verkauft“, sagt er.
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„Doch dann war ich überrascht, dass selbst wichtige Persönlichkeiten aus Leipzig in mein Atelier kamen, weil sie helfen wollten und Kunst mögen. Die Hilfsorganisation war sehr glücklich über diese Resonanz.“ Jetzt ist der Künstler von Wilhelm sogar offiziell philanthropischer Partner mit einem langfristigen Kooperationsvertrag für die „Aktion Deutschland hilft“. Dabei fließt ein fester Prozentsatz aus den privaten Bilderverkäufen in weltweite humanitäre Nothilfe.
Kunstmanufaktur in Wurzen: Hier entstehen die großformatigen Bilder, die von Wilhelm der Stadt schenkt.
© Rene Plaul für Ostdeutsche Allgemeine
Mit Blick auf seine großformatigen Gemälde für den Bahnhof Wurzen sagt von Wilhelm: „Die Realisierung dieses ambitionierten Projekts eines monumentalen Bildensembles ist nur dank der Größe der Räumlichkeiten der Kunstmanufaktur hier in Wurzen möglich. Was als mein Atelier begann, entwickelte sich zu einem kulturellen Motor für die Region.“ Der Bürgermeister von Wurzen, Marcel Buchta (parteilos) steht hinter dem Vorhaben: „Unsere Bahnhofunterführung ist für viele Gäste das erste Stück Wurzen, das sie betreten – und derzeit leider keine gute Visitenkarte. Umso mehr freue ich mich, dass Esteban von Wilhelm, inzwischen fast selbst ein Wurzener, mit seiner großzügigen Kunstspende einen ganz wesentlichen Impuls für die Neugestaltung gibt. Gemeinsam wollen wir daraus wieder einen Ort machen, der einlädt und Lust auf Wurzen macht.“
Voraussichtlich im Frühjahr 2027 können sich die Einwohner Wurzens und Besucher der Stadt auf einen renovierten Bahnhof freuen, dessen Herzstück die Kunstwerke von Wilhelms sein werden. Vorher findet in der Adventszeit der 4. Wurzener Kunstmarkt mit vielen kreativen Dingen und zauberhafter Himmelstafel mit hunderten schwebenden Nussknackern am 28. und 29. November, jeweils von 10.30–20 Uhr in den Manufakturhöfen und dem Atelier statt.
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