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Der Abend des 5. April 2012: Burak Bektaş steht mit vier Freunden in der Rudower Straße in Neukölln. Sie unterhalten sich. Den Zeugenaussagen zufolge läuft ein Mann mittleren Alters und mitteleuropäischen Aussehens an ihnen vorbei. Er zieht eine Pistole und schießt fünf Mal auf die Gruppe. Der 22-jährige Burak Bektaş stirbt.
Die Tat fällt in eine Zeit, als die Bundesrepublik unter dem Eindruck einer rechtsextremen Mordserie steht. Ein halbes Jahr zuvor ist der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) aufgeflogen. Wurde Burak Bektaş ebenfalls aus rechtsradikalem Motiv ermordet? Diese Frage stellen sich seitdem Freunde und Familie des Toten. Bis heute gehört die Tat zu den wenigen Tötungsdelikten, die nicht aufgeklärt sind.
Zwei Profiler boten an, einen rechtsextremen Hintergrund zu prüfen
Dabei ist die Aufklärungsquote bei Mord und Totschlag hoch: 2020 lag sie in Deutschland bei 93,5 Prozent. Denn bei den allermeisten Tötungsdelikten standen Opfer und Täter vorher in irgendeiner Beziehung zueinander und hatten einen Konflikt. Um das herauszufinden, erledigten die ermittelnden Polizisten auch bei den zehn NSU-Morden, die sich zwischen 2000 und 2007 ereigneten, zunächst ihre Arbeit: Sie beleuchteten die Geschäftsbeziehungen der Getöteten. Wollten wissen, ob sie Feinde hatten. Untersuchten, ob die Erschossenen vielleicht selbst in kriminelle Geschäfte verwickelt waren.
Ausländerfeindliche Motive aber hatten die Ermittler, die in verschiedenen Bundesländern mit den Fällen betraut waren, nicht auf dem Schirm. „So eine ungeheuerliche Mordserie konnte sich niemand vorstellen“, sagt ein bayerischer Ermittler, in dessen Bundesland der NSU sein erstes Mordopfer fand. Allerdings hatten sich damals schon zwei Profiler der Polizei angeboten, die auch einen rechtsextremen Hintergrund bei diesen Taten in Betracht ziehen wollten. Gehör fanden sie nicht.
Einen Zusammenhang der Morde stellten die Behörden nicht einmal dann her, als Spurenvergleiche an Patronenhülsen und Geschossen in der BKA-Datenbank zeigten, dass mehrmals dieselbe Waffe verwendet wurde. Als Ermittler endlich einen Zusammenhang zwischen den Taten erkannten, suchten sie das Verbindende. Und schockierten Hinterbliebene, als sie den Opfern unterstellten, in die Organisierte Kriminalität verwickelt gewesen zu sein. Das Verbindende an den Taten war aber Rassismus.
Würde die Polizei die Sonderkommission heute immer noch „Halbmond“ nennen?
Auch zwischen dem Abtauchen des NSU-Trios und den zehn Morden stellten die Behörden keinen Zusammenhang her. Der Informationsaustausch zwischen den Polizeien war ebenso lückenhaft wie der zwischen den Verfassungsschutzämtern. Mehrere von ihnen hatten ohne Absprache im Umfeld der NSU-Zelle eigene V-Leute eingesetzt. Doch jeder behielt seine Erkenntnisse für sich.
Auch nachdem der NSU am 4. November 2011 aufgeflogen war, hätten sich die Ermittlungen zu sehr auf das NSU-Kerntrio Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe konzentriert, stellte ein zweiter Bundestags-Untersuchungsausschuss 2017 in seinem Abschlussbericht fest. Verantwortlich war demnach auch ein vom Bundesgerichtshof ausgegebenes Beschleunigungsgebot, weshalb der Fokus auf einer zügigen Anklage von Beate Zschäpe und dem engsten Unterstützerkreis lag. Deshalb wurde nicht der Frage nach weiteren Tatbeteiligten und NSU-Unterstützern, weiterreichenden rechtsterroristischen Netzwerken oder Bezügen zur Organisierten Kriminalität nachgegangen.
Der Staatsschutz in der Mordermittlung
Gleichwohl hat die NSU-Affäre die Arbeit der Landeskriminalämter grundlegend verändert, um Motive wie Rassismus oder etwa Hass gegen Homosexuelle oder Obdachlose schneller zu erkennen. 2015 wurden die Empfehlungen des NSU-Untersuchungsausschusses des Bundestages in ein Gesetz gegossen. Jetzt kann der Generalbundesanwalt schneller Ermittlungen übernehmen. Staatsanwaltschaften müssen bei Anhaltspunkten, die für die Zuständigkeit der Generalbundesanwaltschaft sprechen, verpflichtet werden, diesem die Ermittlungsakte vorzulegen.
Nach Bekanntwerden der NSU-Morde wurden in allen Bundesländern unaufgeklärte Tötungsdelikte auf einen möglichen NSU-Hintergrund geprüft, so auch in Berlin. Anhaltspunkte dafür fand das Berliner Landeskriminalamt nicht.
In Bayern, wo die Mordserie ihren Anfang nahm, bindet die Mordkommission jetzt bei allen Tötungsdelikten den Staatsschutz ein. „Bleiben die laufenden Ermittlungen ohne belastbaren Erklärungsansatz, wird grundsätzlich eine bis dato nicht mit dem Fall betraute Kommission zum Zweck der ‚Parallelbewertung‘ zur erneuten Prüfung der Motiv- und Spurenlage hinzugezogen“, sagt Markus Feder vom Polizeipräsidium Mittelfranken. „Auch hier fließt die Staatsschutzexpertise mit ein.“
Auch in Berlin seien als Konsequenz aus der Mordserie die Abläufe grundlegend geändert worden, sagt Stefan Redlich, Vize-Chef des Berliner LKA. „Weil eine Mordkommission nicht in jedem Fall erkennen kann, ob eine Tat auch einen Staatsschutz-Hintergrund haben könnte, werden nun sämtliche Tötungsdelikte dem Staatsschutz zur Analyse übermittelt.“ Im Jahr sind das 100 bis 120 Taten, die sich in Berlin ereignen. Mittlerweile arbeiten im Staatsschutz Ermittler, die früher Mordkommissionen geleitet haben und entsprechende Erfahrung einbringen.
Im Fall von Burak Bektaş gibt es bis heute keinen Hinweis auf Täter oder Motiv. Der Anwalt der Familie mutmaßte vor einigen Jahren, dass es sich um eine NSU-Nachahmer-Tat gehandelt haben könnte. Doch Polizei und Staatsanwaltschaft können nach eigenem Bekunden ein rassistisches Tatmotiv nicht ausschließen, haben aber auch keine Anhaltspunkte dafür. Redlich sagt: „Wir ermitteln in alle Richtungen.“
Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.
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