Am Sonntagabend spielte Florence + The Machine in Reading gegen einen Wolkenbruch an. Bis in den Montagmorgen regnete es weiter.
Und dann trafen Zehntausende junge Britinnen und Briten dieselbe Entscheidung: Ein nasses Zelt ist ein Problem, das man am besten dort lässt, wo es steht.
Wie das aussieht, hat der Drohnenfilmer Chris Gorman festgehalten, der unter dem Namen Big Ladder Photographer arbeitet. Seine Vorher-Nachher-Aufnahmen vom Gelände an der Richfield Avenue zeigen erst ordentliche Zeltreihen, dann ein Feld, über das jemand eine Schicht Nylon gekippt zu haben scheint. Das Musikmagazin NME verbreitete die Bilder.
Reading und Leeds 2026: Hunderte Zelte blieben stehen
Das Festival lief vom 27. bis 30. August, allein nach Reading kamen rund 100.000 Menschen. Zeitgleich läuft das Schwesterfestival im Bramham Park bei Leeds. Noch am Dienstag danach waren nach Recherchen der BBC Hunderte Zelte auf dem Reading-Gelände zu sehen.
Dabei hatte der Veranstalter Festival Republic vorher ein eindeutiges Ziel ausgegeben: kein einziges zurückgelassenes Zelt. „No Tent Left Behind“ stand auf den Hinweisseiten. Wer sein gepacktes Zelt am Campingplatz vorzeigte, bekam einen Supermarktgutschein.
Berliner Verbindung: Der Lollapalooza-Chef ist derselbe
Für Berlin ist das keine ferne Insel-Geschichte. Veranstalterin des Lollapalooza im Olympiapark ist die FRHUG Festival GmbH & Co. KG, ihr Geschäftsführer heißt Melvin Benn – derselbe Mann, der als Chef von Festival Republic auch Reading und Leeds verantwortet.
Das Berliner Festival hat das Zeltproblem nur deshalb nicht, weil es keinen Campingplatz gibt. Die Gäste fahren abends mit der S-Bahn nach Hause.
Der Irrtum mit der Zeltspende
Der hartnäckigste Mythos der Festivalsaison lautet: Zelt stehen lassen, jemand nimmt es mit, ein Obdachloser freut sich. Eine britische Besucherin hat dem nach dem Wochenende auf Tiktok widersprochen. Ihre Antwort an alle, die das glauben: Schlechte Nachricht, das Zelt gehe auf die Deponie. Das Portal Teesside Live berichtete über das Video.
Sie hat recht. Ein Teil der Ausrüstung wird tatsächlich gespendet, der große Rest wird entsorgt. Die Stadt Reading weist ihre Gäste seit Jahren darauf hin, dass die Mehrheit der Zelte auf der Kippe landet.
8750 Strohhalme: So viel Plastik steckt in einem Zelt
Festival Republic rechnet es seinen Gästen inzwischen vor. In einem durchschnittlichen Zelt steckt so viel Plastik wie in etwa 8750 Trinkhalmen. Landet es im Restmüll, entspricht das dem CO2-Ausstoß einer Autofahrt von mehr als 160 Kilometern.
Die Bilanz des Festivals: 2024 fielen nach Veranstalterangaben 702 Tonnen Abfall an, ein Jahr zuvor waren es 780 Tonnen. Auf Zelte entfielen zuletzt rund 71 Tonnen. Immerhin, 2025 nahmen zwei Drittel der Gäste in Reading ihr Zelt wieder mit.
In Leeds arbeiteten am Wochenende Freiwillige dagegen an. Ehrenamtliche des Repair Café Leeds flickten am Campingplatz Zeltstangen und Luftmatratzen. Eine Helferin der Initiative Litter Free Leeds erzählte der Zeitung Yorkshire Evening Post, ihre Dreiergruppe habe in einer einzigen Schicht 20 volle Müllsäcke gefüllt.
Southside, Parookaville, Nature One: Deutschland räumt auch nicht auf
Wer jetzt auf die britische Jugend zeigen möchte, sollte kurz nach Neuhausen ob Eck schauen. Nach dem Southside Festival im Juni lagen auch dort Zelte und Campingstühle auf den Wiesen, der Schwarzwälder Bote dokumentierte den Montagmorgen in einer Bilderstrecke.
Die Deutsche Umwelthilfe hat im Juni zehn der größten deutschen Festivals zu ihrem Abfallmanagement befragt. Auf neun von zehn Geländen wird der Müll in den öffentlichen Bereichen nicht getrennt, nur die Hälfte erhebt ein Müllpfand.
Besonders schlecht schnitten Parookaville und Nature One ab. Beim Parookaville fallen an einem Wochenende nach Angaben der Organisation rund 850.000 Einwegbecher und Getränkedosen an. Mit konsequentem Mehrweg ließen sich allein bei diesen beiden Festivals etwa 40 Tonnen Abfall vermeiden.
Gelobt wurden die Fusion und das MS Dockville, vor allem für ihre Komposttoiletten. Beim Wacken Open Air liegt deren Anteil bei einem Prozent.
Was Sie mit Ihrem Zelt tatsächlich machen sollten
Wer nach dem Festival wirklich etwas Gutes tun will, gibt intakte Ausrüstung an den Sammelstellen ab, die viele Veranstalter inzwischen betreiben. In Norddeutschland sammelt die Hilfsorganisation Hanseatic Help auf Festivals Schlafsäcke, Isomatten und Zelte für obdachlose Menschen ein – beim Hurricane kamen zuletzt rund 500 Stücke zusammen, beim Deichbrand etwa 750.
Und das kaputte Zelt? Das gehört trotzdem eingepackt und mitgenommen. Ein Label wie Tentation macht aus dem Nylon Regenjacken und Taschen. Auf dem Feld macht es gar nichts, außer 20 Jahre lang liegen zu bleiben.
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