Philosophische Kolumne

Zum 1. Mai: Dein persönlicher Kapitalismus

Der Begriff „Work-Life-Balance“ psychologisiert den Interessengegensatz von Kapital und Arbeit. Dient das der sozialen Marktwirtschaft?

Michael Andrick
3 Min
Das „Arbeit-Leben-Gleichgewicht“ ist ein logischen Monstrum, meint unser Autor

Das „Arbeit-Leben-Gleichgewicht“ ist ein logischen Monstrum, meint unser Autor

© Unsplash

Jeder Begriff kann definiert werden. Auf einer zweiten, allgemeineren Bedeutungsebene kann aber auch die bloße Existenz eines bestimmten Begriffes eine ganze Diagnose der Gesellschaft enthalten, die ihn verwendet.

Solch einen Begriff, der zugleich Sozialdiagnose ist, sehe ich in „Work-Life-Balance“ (dt. „Arbeit-Leben-Balance“). Was soll dieser Begriff bedeuten und was sagt sein Gebrauch über unsere Gesellschaft aus?

So stimmig wie „Gurke-Gemüse-Balance“

Die Arbeit wird in diesem Begriff separat vom Leben angesprochen und soll mit diesem im Gleichgewicht stehen können. So weit, so unsinnig. „Arbeit-Leben-Gleichgewicht“ ist ein ebenso stimmiger Begriff wie „Tasse-Gefäß-Gleichgewicht“ oder „Gurke-Gemüse-Balance“. Der Begriff „Tasse“ fällt unter den allgemeineren Begriff „Gefäß“, eine Gurke ist ein Gemüse und Arbeit ist Teil des Lebens – „Leben“ aber der Oberbegriff aller Erfahrung, die wir machen. Und neben Arbeit umfasst die noch vieles andere mehr.

Es ist deshalb falsch, Arbeit und Leben in einer Wortschöpfung zum Schein auf dieselbe Abstraktionsebene zu stellen; und nur diese logische Stümperei erlaubt dann, von einem „Gleichgewicht“ des Ganzen (des Lebens) mit seinem Teil (der Arbeit) zu fantasieren. Wir haben es bei „Arbeit-Leben-Gleichgewicht“ mit einem logischen Monstrum zu tun.

Erkannte Entfremdung

Dass „Work-Life-Balance“ diskutiert wird, besagt aber doch etwas über unsere Gesellschaft. Offensichtlich haben wir die Entfremdung unserer Erwerbsarbeit von der Gesamtheit unseres Lebens gründlich verinnerlicht.

In der sozialistischen Denktradition wäre das nur vernünftig: Der Arbeiter verkauft seine Arbeitskraft stundenweise, was sein schöpferisches Potenzial ihm selbst und seinem unmittelbaren Lebenskreis entfremdet; und auch der spezielle Beitrag des Einzelnen zum komplexen Endprodukt, etwa zu einem Automobil oder einem Verwaltungshandeln, muss nüchtern als vom Endprodukt entfremdet betrachtet werden. Viele Menschen erscheinen sich selbst im Erwerbskontext nicht ohne Grund als austauschbar und unauthentisch.

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Wer die Balance zwischen Arbeit und „dem Rest des Lebens“ als Aufgabe sieht, der hat offenbar den Verdacht, dass in der Industriegesellschaft Kräfte am Werk sind, die uns gern mit all unserer Lebenskraft in die Erwerbstätigkeit einspannen möchten. Für diese Kräfte gibt es einen aus der Mode gekommenen Namen: Es ist das Kapital, also die Besitzer der „Produktionsmittel“ (Marx), denen abhängig Beschäftigte ihre Arbeitskraft verkaufen. Die Kapitalseite hat ein nachvollziehbares Interesse daran, dass wir möglichst viel unserer Energie in die Erwerbsarbeit stecken.

Gerechtigkeit? Dein Problem

Der Begriff „Arbeit-Leben-Balance“ ist die verteilungspolitisch kastrierte, psychologisierte Version des objektiven Interessengegensatzes von Kapital und Arbeit. Statt vom politischen Ausgleich von Kapitaleigner- und Arbeiterinteressen wird jetzt gern von einer individuellen „Balancierungsaufgabe“ des abhängig Beschäftigten geredet.

Das ist schlecht. Denn statt eines gemeinsamen Interesses, das friedlich mit den legitimen Interessen der Kapitalseite auszugleichen ist, haben die Arbeit-Leben-Seiltänzer bloß je ein persönliches Problem – ihren persönlichen Kapitalismus, sozusagen. Das schadet der Verhandlungsmacht der Arbeitsseite, und damit einer sozialen Marktwirtschaft.

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