Landwirtschaft

Zwischen Kuhstall und Bundestag: Unterwegs mit einem Bauernlobbyisten

Der Landwirt Reinhard Jung kämpft als Lobbyist für kleine Bauern – gegen Bürokratie, Großinvestoren und den Wolf. Doch wie viel Einfluss hat er wirklich in Berlin?

7 Min
Reinhard Jung ist Landwirt und Lobbyist: Er kämpft für die Interessen der Bauern und gegen  ausufernde Bürokratie.

Reinhard Jung ist Landwirt und Lobbyist: Er kämpft für die Interessen der Bauern und gegen  ausufernde Bürokratie.

© Kate Schultze für Ostdeutsche Allgemeine

Reinhard Jung steht am Brandenburger Tor. Gleich hat der Landwirt aus der Prignitz einen Termin bei der Abgeordneten Dr. Saskia Ludwig (CDU) in ihrem Büro. Er trägt ein graues Hemd und Jeans. Schon häufiger war er hier, sagt er. Er kennt das Prozedere. Die Wache am Eingang händigt ihm den Gastausweis aus. Wenige Minuten später wird Jung von einer Mitarbeiterin der Abgeordneten abgeholt.

Reinhard Jung ist Lobbyist für den Bauernbund Brandenburg und vertritt die Interessen von etwa 480 Bauern in Brandenburg. Jung weiß, dass sein Verband nur ein kleiner Fisch unter den Verbänden ist. Trotzdem lohne es sich, für die Interessen seiner Mitglieder zu kämpfen. Neben der Medienarbeit gehöre dazu auch der Austausch mit Politikern. „Lobbyismus ist legitim – aber er muss unabhängig und transparent sein“, betont er. „Wir geben den Politikern eins zu eins wieder, was die Leute an der Basis denken.“ Und deswegen trifft er sich an diesem sonnigen Tag auch mit der Bundestagsabgeordneten. Die beiden begrüßen sich freundlich. 20 Minuten habe sie Zeit, sagt Saskia Ludwig, dann müsse sie zur Fraktionssitzung eilen.

Die CDU-Abgeordnete und der Landwirt besprechen Details einer neuen Verordnung. Wo weht der Wind her, will der Lobbyist wissen. Müssen seine Verbandsmitglieder mit neuen Auflagen rechnen? Insbesondere eine im Zusammenhang mit den EU-Agrarsubventionen eingeführte Foto-App stößt den Mitgliedern des Bauernbundes sauer auf. Wöchentlich werden alle Felder von Satelliten überflogen, jetzt sollen die Bauern dabei festgestellte Unregelmäßigkeiten auch noch mit eigenen Fotos aufklären. Für Jung ein Unding. Diese Foto-App zwinge Landwirte zur Selbstüberwachung und Beweiserbringung unter hohem Zeitdruck. Das Vorhaben sei der ausufernden Bürokratie geschuldet, einen praktischen Nutzen sieht Jung nicht. „Wir gehen hier den Weg des Rechtsstreits“, sagt er bestimmt. Auch darüber will er mit Saskia Ludwig sprechen.

Reinhard Jung im Gespräch mit der Bundestagsabgeordneten Dr. Saskia Ludwig (CDU).

Reinhard Jung im Gespräch mit der Bundestagsabgeordneten Dr. Saskia Ludwig (CDU).

© Kate Schultze für Ostdeutsche Allgemeine

Die Sympathien der CDU-Wirtschaftspolitikerin hat er sicher. „Verbände müssen für ihre Interessen werben“, sagt Saskia Ludwig. Ob sie sich normalerweise nicht nur mit Vertretern größerer Verbände trifft? „Eigentlich nicht, mit seinen 480 Mitgliedern hat der Bauernbund Brandenburg eine tolle Größenordnung“, betont Ludwig. Entscheidend sei, dass Jung familiengeführte Unternehmen vertrete, die in Brandenburg beheimatet seien und ihre Höfe an die nachkommende Generation übergeben wollten und so auch wirtschafteten. „Ich finde das eine beeindruckende Hausnummer, wie die gegen große Agrarstrukturen kämpfen.“ Dann nimmt sich die Abgeordnete ein paar Minuten Zeit, um mit Jung die geplante Verordnung zu besprechen. Ausgang ungewiss.

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Kampf gegen Bürokratie und Agrarkonzerne

Noch am selben Tag fährt Jung wieder zu seinem Hof nach Lennewitz im Landkreis Prignitz, rund zwei Autostunden von Berlin entfernt. Er hat Zeit zu reden. Neben dem Widerstand gegen die Foto-App hat er weitere Anliegen. Große Agrar-Investoren sind dem „kleinen Lobbyisten“, wie er sich nennt, ein Dorn im Auge. Er setzt sich für die Stärkung kleiner und mittlerer Familienbetriebe ein. Deshalb will er die Agrarsubventionen für ortsfremde Betriebe einschränken. Erst im Mai 2026 deckten Investigativjournalisten des Netzwerkes DeSmog auf, dass die Herrscherfamilie von Abu Dhabi über den emiratischen Staatsfonds ADQ riesige Agrarflächen in Rumänien erworben hat, mehrere Zehntausend Hektar. Zwischen 2019 und 2024 erhielten die Investoren mehr als 71 Millionen Euro aus dem Topf der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU. Für Jung ist das ein Skandal. Auch deswegen setzt er sich dafür ein, dass die EU-Agrarsubventionen nur an ortsansässige Landwirte und nur bis zu einer Obergrenze pro Betrieb gezahlt werden.

Eine weitere Forderung des Bauernbundes ist der erleichterte Abschuss des Wolfes. Nach den Vorstellungen des Lobbyisten sollen die Tiere entnommen werden, wenn sie sich Weidetieren oder Siedlungen nähern – „nicht erst nach einem Nutztierriss“. Die meisten Bauern in Ostdeutschland dürften das ähnlich sehen, ist sich Jung sicher.

Zudem treibt den Lobbyisten ein zeitgemäßes Wassermanagement um. Brandenburg war in den vergangenen Jahren von Trockenheit geplagt. Jung will, dass die Landesregierung in die Ertüchtigung von Stauen, Querbauwerken und Wasserregulierungssystemen investiert. Das gebe Landwirten und Wasser- sowie Bodenverbänden mehr Handlungsspielraum bei der regionalen Wassersteuerung.

Nach dem Gespräch mit der Abgeordneten verlässt Reinhard Jung das Bundestagsbüro im Matthias-Erzberger-Haus.

Nach dem Gespräch mit der Abgeordneten verlässt Reinhard Jung das Bundestagsbüro im Matthias-Erzberger-Haus.

© Kate Schultze für Ostdeutsche Allgemeine

Außerdem plädiert Jung für eine stärkere Begrenzung von Agrarimporten, insbesondere aus Brasilien und der Ukraine. Es gelte, die regionale Vermarktung zu stärken und die Monopole der Lebensmittelbranche zu zerschlagen. Wenn er von den Kernforderungen seines Verbandes spricht, wird Reinhard Jung fast schon emotional. Für diese Vorhaben kämpfe er und betont: „Wir wollen für unsere bäuerlichen Betriebe einen gerechten Platz in der Gesellschaft.“

Lobbyismus hält Reinhard Jung nicht nur für legitim, sondern auch für notwendig. „Aber er muss unabhängig und ehrlich sein.“ Beim einflussreichen Bauernverband, dem er personelle und finanzielle Verflechtungen mit Politik und Industrie attestiert, sieht er das nicht. „Die sind zu nah an der Macht, um wirklich knallhart Agrarlobbyismus zu betreiben.“ Zwar fahre man den gleichen Trecker, aber dazwischen liegen Welten. Der Bauernbund Brandenburg sei als Gegenentwurf entstanden. Man sei christlich, konservativ und heimatverbunden. Und vor allem überparteilich. Selbstverständlich rede man auch mit Parteien wie der AfD, sagt Jung. Dabei finanziere sich der Bauernbund ausschließlich über Mitgliedsbeiträge. Man sei weder systemkonform noch obrigkeitshörig.

Kaum einer beim Bauernbund bewirtschaftet Flächen von mehr als 1000 Hektar. „Klartext in Grundsatzfragen, mühsame Interessenvertretung und gute Partys unter Gleichgesinnten“ – das mache seinen Bauernbund aus. Und so sagt Jung auch: „Wir brauchen nicht wenige große, sondern viele starke Betriebe.“

Vom PR-Berater zum Bauern in der Prignitz

Im knapp 30 Einwohner zählenden Ort Lennewitz lebt Reinhard Jung mit seiner Frau auf einem schmucken Vierseitenhof. Eigentlich stammt er aus dem ländlich geprägten Schleswig-Holstein, hat Geschichte studiert und war lange Zeit für PR-Agenturen in Hamburg tätig. Schon immer habe er mit dem Gedanken gespielt, Landwirt zu werden, erzählt Jung in seiner Küche bei Kaffee und Kuchen.

Heimatverbunden und bodenständig: Reinhard Jung in seiner Küche

Heimatverbunden und bodenständig: Reinhard Jung in seiner Küche

© Kate Schultze für Ostdeutsche Allgemeine

Den Hof in Brandenburg habe er aber erst nach der Wende übernommen und mit seiner Familie in viel Eigenleistung liebevoll saniert. Sukzessive habe er dann Land gekauft. Inzwischen sind es rund 40 Hektar Grünland und Ackergras sowie 50 Mutterkühe und Mastrinder. „Ich bin nur ein kleiner Bauer“, sagt er und lacht. Trotzdem arbeite sein Hof wirtschaftlich. Inzwischen hat er auch seine betagten Eltern zu sich nach Brandenburg geholt.

„Der Familienbetrieb ist die ökonomisch und ökologisch leistungsfähigste Form, weil er Privatinitiative auf überschaubaren Einheiten bündelt.“

Wie sieht sein Arbeitspensum aus? „Ich arbeite 60 Stunden in der Woche“, sagt Reinhard Jung. Die Hälfte der Zeit verbringe er mit seinen Tieren und seiner Landwirtschaft, die übrige Zeit mit seinem Verband – Pressearbeit, Veranstaltungen und Gespräche mit Politikern.

Reinhard Jung hält Mutterkühe: Für ihn ist Landwirtsein mehr als nur ein Beruf.

Reinhard Jung hält Mutterkühe: Für ihn ist Landwirtsein mehr als nur ein Beruf.

© Kate Schultze für Ostdeutsche Allgemeine

Trotz aller Widrigkeiten – Wettbewerb mit Großkonzernen, undurchsichtige Bürokratie und Ärger mit Verordnungen – blickt der überzeugte Landwirt positiv in die Zukunft. „Die nächste Generation steht schon mit Gummistiefeln hinter uns – deshalb sind wir nachhaltig.“ Besonders stolz macht ihn die Tatsache, dass sein jüngster Sohn in seine Fußstapfen treten und ebenfalls Landwirt werden will. Er habe sich bereits einen Lehrbetrieb in der Nähe ausgesucht.

Und auch seinen Bauernbund sieht Reinhard Jung gut aufgestellt. Letztes Jahr habe mit Lutz Wercham aus dem Oderbruch ein junger Präsident das Ruder übernommen. Er selbst sei gerade 60 geworden und denke noch nicht ans Aufhören, habe aber schon jemanden im Auge, den er als Nachfolger einarbeiten will.

„Reich wird man mit diesem Lebensmodell nicht“, sagt Jung, das ist ihm aber auch egal. Sein Dasein sieht er als selbstbestimmt, Arbeiten und Wohnen seien auf dem Land eben eng verbunden. Er ist auf seine Weise trotzdem reich.

Transparenzhinweis: Dr. Saskia Ludwig ist als Kolumnistin für die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung tätig.

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