Brandenburg

Zwölfjähriger Mattis verliert Hände und Füße – und träumt trotzdem weiter vom Fußballplatz

Eine Salmonellen-Sepsis veränderte das Leben des Brandenburger Fußballtalents dramatisch. Ein Spendenaufruf soll helfen. Doch wie konnte es zu dieser Blutvergiftung kommen?

6 Min
Mattis spielte in Mühlenbeck leidenschaftlich gerne Fußball – bis ihm nach einer Salmonellen-Sepsis Hände und Füße amputiert werden mussten.

Mattis spielte in Mühlenbeck leidenschaftlich gerne Fußball – bis ihm nach einer Salmonellen-Sepsis Hände und Füße amputiert werden mussten.

© privat

Mattis spielte in der D-Jugend beim SV Mühlenbeck 47, und er hätte es noch viel weiter gebracht. Darin sind sich diejenigen, die den zielstrebigen Jungen kennen, sicher. Nichts konnte den Schüler der sechsten Klasse abbringen von seiner großen Leidenschaft, dem Fußball.

Gerade hatte sich Mattis zu einem Schiedsrichterlehrgang angemeldet und dafür eine Ausnahmegenehmigung erhalten – weil Interessierte erst mit zwölf Jahren zum Schiedsrichter ausgebildet werden dürfen, sagt Michael Reichert, der Chef des Fußballkreises Oberhavel/Barnim, der Berliner Zeitung. Und der Junge aus Mühlenbeck (Oberhavel) sei erst elf gewesen.

Drei Tage vor dem Lehrgang, auf den sich das Kind so gefreut hatte, habe das Drama begonnen, erzählt Reichert, und die Bestürzung ist ihm anzuhören. Ein Drama, das das Leben des Jungen und auch seiner Familie auf drastische Weise verändern sollte. Mattis wurde schwer krank.

Am 2. Juni musste der Schüler noch vor dem Ende des Unterrichts abgeholt werden. Dem Kind ging es nicht gut, es hatte Kopfschmerzen. Zu Hause kamen Bauchschmerzen und Fieber hinzu, schließlich musste sich der Junge mehrfach übergeben.

Am nächsten Tag blieb Mattis zu Hause. Sein Vater wachte an seinem Bett. Doch die Hoffnung der Eltern, dass es ihrem Jüngsten bald besser gehen würde, erfüllte sich nicht. „Im Gegenteil, Mattis bekam starken Durchfall“, erzählt Ariane Eybe, die in Berlin-Reinickendorf lebt, seit 25 Jahren mit Mattis’ Mutter befreundet ist und nun für die Familie des Kindes spricht.

Am Nachmittag seien die Eltern mit dem erschöpften Jungen zum Kinderarzt nach Hohen Neuendorf gefahren. Der Mediziner habe sofort einen Rettungswagen gerufen. Mattis sei ins Krankenhaus in Berlin-Buch gekommen, auf die Intensivstation, erzählt die 41-Jährige.

Spezialisten der Charité wurden hinzugezogen

Dort bestätigte sich der Verdacht des Kinderarztes: Mattis litt an einer schweren Salmonellen-Sepsis. Diese Art der Blutvergiftung entsteht meist durch den Verzehr kontaminierter Lebensmittel. Dabei durchbrechen Bakterien die Darmschleimhaut und gelangen in die Blutlaufbahn. Was das Kind gegessen hatte, ist bis heute unklar.

Mattis musste beatmet werden. Die Ärzte in der Klinik sprachen von einem lebensbedrohlichen Zustand. Sie teilten den Eltern mit, dass die nächsten 24 Stunden über Leben und Tod entscheiden würden.

Der Junge wurde in ein künstliches Koma versetzt. Dann zogen die Ärzte Spezialisten der Charité hinzu, die das Kind an eine mobile Herz-Lungen-Maschine anschlossen. Dieses sogenannte Ecmo-Gerät reichert das Blut eines Patienten außerhalb des Körpers mit Sauerstoff an und zieht das Kohlendioxid heraus.

Dann wurde Mattis ins Virchow-Klinikum, das zur Charité gehört, verlegt. Zehn Tage lang bangten die Eltern um ihren Sohn. Am 17. Juni holten die Ärzte den Jungen aus dem künstlichen Koma zurück. Einen Tag später wurde Mattis zwölf Jahre alt.

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Doch das Überleben hatte einen hohen Preis. Schon im Koma habe sich abgezeichnet, dass Mattis’ Hände und Füße nicht richtig mit Blut versorgt worden seien, erzählt die Freundin der Mutter. „Mattis’ Mama hat am Krankenbett ständig die Arme und Beine ihres Kindes massiert, damit sie durchblutet werden.“ Das konnte jedoch nicht verhindern, dass die Gliedmaßen nekrotisch wurden.

Zwar sei Mattis’ Familie vorgewarnt gewesen. „Aber der Schock war groß, als das Unfassbare Wirklichkeit wurde“, erzählt Ariane Eybe. Anfang Juli teilten die Ärzte Mattis’ Eltern mit, dass sie die Hände des Kindes nicht mehr retten könnten. Um das Übergreifen der Gewebezerstörung auf den gesamten Körper zu verhindern, mussten sie amputiert werden. Wenige Tage später war klar: Mattis würde auch seine Füße verlieren.

„Natürlich haben sich die Eltern und der Bruder und auch wir Freunde uns gefragt: Warum Mattis? Warum muss der Junge alles hergeben?“, beschreibt Ariane Eybe die Gefühle nach den Amputationen. Dabei mussten Mutter und Vater ihrem Kind in dieser Zeit Mut zusprechen. „Mattis ist ein Kämpfer, er ist für sein Alter so unglaublich stark“, sagt Eybe.

Nach ihren Worten benutzte der Junge schon kurz nach den Operationen sein Tablet, um zu spielen. Dafür habe ihm sein Großvater Manschetten für die Arme gebaut, durch die Mattis mit darin eingeklemmten Touchstiften das Tablet nutzen konnte. „Er hat auch schon wieder Vokabeln gelernt. Am liebsten würde Mattis sofort wieder zur Schule gehen“, sagt Ariane Eybe.

Wenn der Junge noch immer Schiedsrichter werden will, werden wir ihn unterstützen und einen Weg finden.

Michael Reichert, Vorsitzender des Fußballkreises Oberhavel/Barnim

Im gerade begonnenen neuen Schuljahr wäre der Zwölfjährige aufs Gymnasium gewechselt. Doch nun wird der Junge, der immer noch im Krankenhaus liegt und mit dem Rollstuhl an die frische Luft gefahren werden muss, die sechste Klasse wiederholen müssen. Zuvor aber warten auf Mattis noch Therapien und Rehas, um mit den für ihn angefertigten Prothesen zurechtzukommen.

„Mattis soll einmal ein ganz normales, selbstständiges Leben führen können“, sagt Ariane Eybe. Sie hat für den Jungen eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Mit dem Geld sollen das Elternhaus von Mattis barrierefrei umgebaut und Hilfsmittel für den Zwölfjährigen finanziert werden. Spendenziel der Aktion #gemeinsamfürmattis sind 200.000 Euro.

Die Anteilnahme bei Nachbarn, Freunden, Mitschülern und Fußballkameraden ist riesig. An diesem Sonntag hat der SV Mühlenbeck 47 zu einem Benefizturnier für Mattis eingeladen. Zwölf Mannschaften der D-Junioren werden auf dem Sportplatz Mühlenbeck in der Berliner Straße von 10 bis 17 Uhr für einen guten Zweck kicken. „Wir können ihm nicht zurückgeben, was er verloren hat. Aber wir können ihm zeigen, dass er nicht alleine kämpfen muss“, heißt es in der Turnierankündigung.

Nach mancher Partie als bester Spieler geehrt

Michael Reichert erzählt, dass er damals, als er vom Schicksal des jungen Fußballtalents hörte, Tränen in den Augen gehabt habe. „Das war der totale Schock. Ich kenne den Jungen. Ein überdurchschnittlich guter Fußballer für seine Altersklasse“, sagt der Chef des Fußballkreises Oberhavel/Barnim, in dem 80 Vereine zusammengeschlossen sind. Mattis, so Reichert, sei nach mancher Partie als bester Spieler ausgezeichnet worden.

„Wenn der Junge noch immer Schiedsrichter werden will, werden wir ihn unterstützen und einen Weg finden“, verspricht der 62-jährige einstige Berufssoldat. Intelligent sei Mattis, und er habe Ahnung vom Fußball. „Ich bin überzeugt, dass er den Lehrgang bestehen wird“, sagt Reichert.

Dann berichtet er von einem Schiedsrichter, den er kenne und der bei einem schweren Verkehrsunfall ein Bein verloren habe. „Er hat eine Prothese und pfeift ganz normal Spiele im Männerbereich.“

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