Rund 55.000 Jugendliche dürfen am 20. September erstmals an der Abgeordnetenhauswahl in Berlin teilnehmen. Das hatte das Parlament Ende 2023 beschlossen. Damit bekommt diese Altersgruppe der 16- und 17-Jährigen nun auch auf Landesebene eine Stimme.
In Marzahn treiben die jugendlichen Erstwähler ganz unterschiedliche Themen um. Die 16-jährige Laura H. hat ihre Stimme schon per Briefwahl abgegeben, da sie sich am 20. September als Wahlhelferin engagiert. Ihre Schwester sei ihr ein Vorbild gewesen, außerdem wolle sie die Demokratie stärken. „Die Politik muss mehr auf die jüngere Generation eingehen“, sagt sie mit Blick auf Arbeitsmarkt und Rente. „Die jüngere Generation bestimmt schließlich die Zukunft.“
Eine aktuelle Umfrage von Infratest dimap im Auftrag der RBB24-„Abendschau“ und von RBB 88.8 zeigt, dass es vielen jungen Menschen so geht: Die Berliner Politik beschäftige sich laut 76 Prozent der Befragten zwischen 16 und 34 Jahren nicht ernsthaft mit ihren Anliegen. Nur 15 Prozent fühlen sich gut verstanden.
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„Besprechen in der Schule Vergleiche zu früher“
Laura H. berichtet, das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt habe ihr Angst gemacht. „Wir besprechen in der Schule regelmäßig die Vergleiche zu früher, als die NSDAP so erfolgreich war.“ Das bereite ihr ein sehr unwohles Gefühl. Sie habe Angst um ihre Zukunft, auch weil sie Familie in der Ukraine habe. Bei ihnen bekomme sie hautnah mit, wie sie Dinge und Menschen verlieren. „Herzzerreißend“ nennt sie dieses Gefühl. So lehnt sie auch einen verpflichtenden Wehrdienst klar ab. „Es sollte nicht verpflichtend sein, Menschen zu töten“, meint Laura H.
Laut der Umfrage halten es 54 Prozent aller Befragten für richtig, den Männern die Entscheidung zum Wehrdienst nach einer verpflichtenden Musterung selbst zu überlassen. Diese Meinung teilen nur 34 Prozent der Jüngeren, hier sind 53 Prozent gegen diese Regelung.
Der 17-jährige Max B. findet beispielsweise, Deutschland brauche ein besseres Militär. Dennoch denkt auch er, jeder sollte selbst entscheiden können, ob er einen Wehrdienst leistet oder nicht. Sicherheit ist auch im Alltag für ihn ein Thema: „Meine Freundin darf nachts nicht raus, ihre Eltern verbieten das“, erzählt der Schüler. In Marzahn sei es jedoch noch in Ordnung.
Die Reform von 2023 hat das Wahlalter für die Abgeordnetenhauswahl auf 16 herabgesetzt (Archivbild).
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
Migrationspolitik und Sicherheit
Zufriedener zeigt sich Max B. mit dem Wahlsieg der AfD am vergangenen Wochenende. Es sei gut, um zu sehen, ob die Partei in der Regierung ihre Versprechen einhalte. „Ich habe nichts gegen Migration, ich habe viele ausländische Freunde“, meint er, doch vor allem die Migrationspolitik sei es, die ihn zur AfD treibt. Der Umgang mit straffälligen Einwanderern müsse härter werden.
Auch Amie S. wird wählen gehen. Die 18-Jährige ist der Meinung, dass Politiker ohnehin „sagen, was sie wollen“. Zwar finde sie es beängstigend, dass die AfD ein so gutes Wahlergebnis eingefahren hat, jedoch wolle sie sich jetzt überraschen lassen, was denn tatsächlich von den Ankündigungen der Partei umgesetzt wird.
Prinzipiell ist sie, wie Laura H., der Meinung, dass „nicht wirklich Rücksicht auf die Jugend genommen wird“. Um ein bezahlbares Leben zu führen, womöglich in einem oder zwei Jahren auszuziehen, wünsche sie sich mehr Entgegenkommen von der Politik. Allein werde sie sich das nicht leisten können.
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„Jede Wahl zählt“
Ein interessantes Verhältnis zur Wahl hat Rinat G. Der 17-jährige Ukrainer würde seine Stimme gerne abgeben, ist jedoch nicht wahlberechtigt. Vor allem gegen die AfD, betont er, zähle „jede Stimme“. Er sei aufgrund des Wahlsieges der AfD in Sachsen-Anhalt sehr geschockt gewesen. „Das waren nicht meine Erwartungen“, sagt er. Auch in der Schule und in seinem Freundeskreis sei Politik ein wichtiges Thema.
Den Großteil seiner Informationen zur Politik bekomme er auf Social Media. Das berichten auch die anderen Gesprächspartner. Wenn ihn ein bestimmtes Thema interessiere, schaue er ein Video an, in dem sich die Kandidaten dazu äußern. Oft würden ihm auch vom Algorithmus Inhalte vorgespielt.
Einig sind sich die jungen Marzahner darüber, dass sie auf jeden Fall zur Wahl gehen wollen. Die inhaltlichen Vorstellungen der Befragten gehen zwar weit auseinander, doch alle fühlen sie sich von der Politik nur zweitrangig behandelt.
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