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Darum ist die Lektüre eines Meisterwerks von Paul Bowles wertvoller denn je

Vor 70 Jahren erschien der Roman „Haus der Spinne“. Unser Autor erklärt, warum dieses Buch einem dabei hilft, die gegenwärtigen Konflikte besser zu verstehen.

Ralf Gebel
8 Min
Regisseur Bernardo Bertolucci (l.) und Paul Bowles am Set von „Der Himmel über der Wüste“

Regisseur Bernardo Bertolucci (l.) und Paul Bowles am Set von „Der Himmel über der Wüste“

© Ronald Grant/imago

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Fez, 1954: Die französische Kolonialherrschaft über Marokko neigt sich ihrem Ende entgegen. Über der Stadt lastet eine Atmosphäre großer Anspannung. Gewalt liegt in der Luft, jeden Tag muss mit blutigen Unruhen zwischen der marokkanischen Unabhängigkeitsbewegung und der Kolonialmacht gerechnet werden.

In dieser Situation treffen die drei Hauptfiguren des Romans aufeinander: Amar, 15 Jahre alt, Analphabet, Repräsentant der fest in ihren Traditionen verankerten muslimischen Gesellschaft, begegnet der jungen amerikanischen Touristin Lee Veyron und dem amerikanischen Schriftsteller John Stenham.

Lee verkörpert den westlichen Fortschrittsglauben der Epoche ungebrochen, findet in ihrer Oberflächlichkeit keinen Zugang zu der Kultur des Landes, in dem sie irgendwie auf ihrer Tour durch die Welt zwischengelandet ist.

In Stenham erkennen wir das Alter Ego Paul Bowles’: Stenham lebt seit langem in der Stadt, ist tief in ihre Kultur eingetaucht und fürchtet um den Verlust der aus seiner Sicht wahren marokkanischen Identität. Er sieht sie durch die nach Unabhängigkeit strebenden Nationalisten in gleichem Maße bedroht wie durch die französischen Kolonialherren.

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„Über zwei Jahrzehnte lang hatte ich darauf gewartet, das Ende der französischen Herrschaft in Marokko anbrechen zu sehen“, so Bowles in einem 1981 verfassten Nachwort zu seinem Roman. „Ganz naiv“ hätte er erwartet, dass das Land dann wieder in seinen ursprünglichen, vorkolonialen Zustand zurückfallen würde. Aber daran hätten die marokkanischen Nationalisten kein Interesse gehabt. Ihr Ziel „war es im Gegenteil, Marokko europäischer zu machen, als es die Franzosen getan hatten“. Diese grandiose Fehleinschätzung zeigt, dass Bowles kein sehr politischer Mensch war.

„Das Haus der Spinne“ ist auch sein einziger Roman, der politische Fragen behandelt. Aber seine von ihm selbst später eingestandene Naivität schmälert nicht seinen Wert. Im Gegenteil – sie bereichert ihn um eine Perspektive auf Kolonialherrschaft und die Frage, was Unabhängigkeit hätte bedeuten können.

Eine satirische Illustration aus dem Jahr 1903

Eine satirische Illustration aus dem Jahr 1903

© United Archives/imago

Werk und Biografie faszinieren gleichermaßen

Paul Bowles wurde 1910 in New York geboren. Er startete seine künstlerische Laufbahn zunächst als avantgardistischer Komponist, bevor er mit seinem ersten Roman „Der Himmel über der Wüste“ 1949 einen Bestseller landete und als Schriftsteller schlagartig berühmt wurde. Die opulente Verfilmung dieses Buches durch Bernardo Bertolucci 1989/90 hat Bowles auch dem deutschen Publikum noch einmal nähergebracht.

Heute scheint er wieder weitgehend vergessen. Dabei faszinieren Werk und Biografie gleichermaßen. Bowles konnte dem american way of life nichts abgewinnen. Bevor er sich mit seiner schillernden Frau Jane, einer ebenfalls aus New York stammenden talentierten Schriftstellerin, homosexuell wie ihr Ehemann, um 1950 für den Rest seines Lebens im marokkanischen Tanger niederließ, hatte Paul als kulturschaffender Globetrotter die halbe Welt bereist.

Die Liste derer, die ihm dabei begegneten, liest sich wie das „Who’s who“ der künstlerischen Elite seiner Zeit. Neben amerikanischen Größen von Aaron Copland und Truman Capote bis zu Allen Ginsberg finden wir ihn im Kreis um Gertrude Stein in Paris, aber auch bei der Vertonung von Gedichten von Kurt Schwitters in Hannover und in Berlin. Dort traf er Walter Gropius und freundete sich mit dem englischen Schriftsteller Christopher Isherwood an, der mit seinem Roman „Goodbye to Berlin“ ein faszinierendes Porträt der Stadt in den wilden Zwanzigern schrieb.

Bowles’ Aufenthalte in Berlin blieben jedoch Episode – er mochte die Stadt nicht: „Niemals zuvor hatte ich einen Ort erlebt, an dem ich mich so entschieden unerwünscht fühlte wie hier.“ Er beklagte die Aggressivität der Passanten, ständig fühlte er sich zu Unrecht angeschnauzt und zurechtgewiesen. Das „Ausmaß der unkontrollierten Armut“ außerhalb der wohlhabenderen Gegenden im Westen schockierte ihn, die Stadt kam ihm vor wie „ein riesiges Elendsquartier, eine monströse Anhäufung unbewohnbarer Gebäude“. Deutlich spürte er neben der sozialen das Nahen der politischen Katstrophe – und zog weiter.

Weitere Reisen führten ihn unter anderem nach Mexiko und Asien, wo das Ehepaar sogar für einige Jahre Eigentümer einer kleinen Insel im Indischen Ozean war. Aber die Traumstadt Pauls und zugleich realer Lebensmittelpunkt sollte Tanger werden. Hier lebte Bowles nahezu ein halbes Jahrhundert bis zu seinem Tod 1999.

Gebet mit Gewaltfantasien

In Nordafrika spielen viele seiner brillanten Kurzgeschichten und drei seiner vier Romane. Bowles zeigt sich darin als intimer Kenner Marokkos.

Das erste Drittel von „Haus der Spinne“ ist ganz aus der Perspektive Amars geschrieben. Hier wird deutlich, dass Bowles zwar vom vorkolonialen Marokko geträumt haben mochte, aber die von ihm zurückersehnte Gesellschaft wahrlich nicht positiv verklärte. Amars Welt in der Darstellung Bowles’ ist von strengem Glauben, Aberglauben und Gewalt, von Verachtung für Frauen, Juden und Christen geprägt. Amar träumt nicht, wie die jungen, Coca-Cola trinkenden Kämpfer des Untergrunds „von Kairo mit seiner unabhängigen Regierung, seiner Armee, seinen Zeitungen und Kinos“, sondern von Mekka, dem religiösen Zentrum des Islam. Auch Amar wünscht den Franzosen den Tod an den Hals – in einem Gebet von schauderhaft zu lesenden Gewaltfantasien. Aber die Revolutionäre sind mit ihrem Glauben an „Fortschritt“ für Amar genauso schwer zu verstehen wie die „Ungläubigen“.

Das wiederum verbindet ihn mit Stenham, der befürchtet, dass die Marokkaner bei einem Sieg der Nationalisten aufhören würden, Marokkaner zu sein. Stenham alias Bowles fürchtet um den Verlust von Authentizität, den Untergang einer gewachsenen Kultur. Er hasst die Überläufer, „die von Bildung und Fortschritt faselten und liebend gern das Konzept einer statischen Welt zugunsten einer dynamischen aufgegeben hätten“.

Fast zärtlich beschreibt der Erzähler die Fähigkeit der Marokkaner, ganz in der Gegenwart aufzugehen und etwa bei der Betrachtung einer Landschaft oder eines Brunnens in eine ganz „glückliche Stimmung“ zu geraten: „Es war die Welt hinter der Welt, wo Reflexion die Notwendigkeit von Aktion ausschließt, wo die Ruhe, die alle Dinge im Tod suchen, für kurze Zeit als Zufriedenheit erscheint“. Ihr Fatalismus, gipfelnd in dem immer wieder zu hörenden Satz: „Es stand so geschrieben“, faszinierte ihn, und Stenham muss sich eingestehen: „Wenn diese Leute vernünftige Wesen wären, wäre das Land uninteressant.“

War Bowles ein Teil des Problems

Natürlich hat das etwas ausgesprochen Dandyhaftes an sich. Aus heutiger Perspektive wird einem spätestens dann unwohl, wenn man diese Sicht der Dinge mit manchen Aspekten der Lebensweise von Bowles in Tanger abgleicht.

Als „Expat“ profitierte er mit starkem Dollar von den niedrigen Preisen und lebte selbst als Künstler mit schwankenden Einnahmen mit Hauspersonal, ergab sich dem günstigen Kif ebenso wie dem in Tanger problemlos verfügbaren Alkohol und der homosexuellen Prostitution. Bowles war ein Privilegierter, der seine Herkunft bei der Betrachtung und Darstellung der marokkanischen Gesellschaft nie ablegen konnte. War Bowles damit Teil des Problems, das Edward Said in seiner Gründungsschrift der postkolonialen Studien von 1978 als „Orientalismus“ bezeichnete?

Danach trug westliche Orientbegeisterung nicht nur zur Schaffung stereotyper, falscher Bilder bei, sondern wäre sogar als Teil der Strategie zur Beherrschung dieser Gesellschaften zu sehen. Der Westen habe den Orient, so die Kritik Saids, verzerrend auf eine statische Gesellschaft reduziert. Wir finden in Bowles’ Werk Belege für Letzteres, und die Selbstkritik Bowles’ aus dem Jahr 1981 ist ein Zeugnis nicht nur für seine Naivität in Bezug auf die politischen Machtverhältnisse, sondern auch dafür, dass er die Dynamik der marokkanischen Kultur und Gesellschaft in den Fünfzigerjahren falsch eingeschätzt hatte.

Bowles erfasste 1959 systematisch marokkanische Folklore-Musik.

Bowles erfasste 1959 systematisch marokkanische Folklore-Musik.

© Depositphotos/imago

Tiefes Interesse an der nordafrikanischen Kultur

Andererseits war Bowles ein glaubwürdiger Kritiker der westlichen Lebensweise, insbesondere der amerikanischen. Auch die französische Kolonialherrschaft lehnte er ab. Sein Interesse an der nordafrikanischen Kultur war tief und nicht von westlichem Überlegenheitsgefühl geprägt.

Mit einem Stipendium der Rockefeller-Stiftung verschaffte er sich Aufnahmetechnik und erfasste 1959 systematisch schwer zugängliche marokkanische Folklore-Musik in den Bergen und Dörfern des Landes. Auszüge der 250 Aufnahmen erschienen erst 1972 als „Music of Morocco“, sind aber heute noch in Streamingdiensten abrufbar.

Auch als „Literatur-Ethnologe“, so Jens Rosteck, Biograf von Paul und Jane Bowles, erwarb er sich Verdienste. Er erstellte eine große Enzyklopädie des „mundstellerischen“ Erzählens im Maghreb und machte somit die Erzählkultur der Region einem westlichen Publikum zugänglich.

Ist es Zufall, dass im gleichen Jahr wie „Haus der Spinne“ auch das bahnbrechende Buch „Traurige Tropen“ des französischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss erschien? Es hielt dem Westen den Spiegel bei der Zerstörung indigener Völker und ihrer viel differenzierteren als zuvor geglaubten Kultur in Südamerika vor. Lévi-Strauss und Bowles waren beide Vertreter der westlichen kulturellen Elite, die den westlichen Lebensstil infrage stellten und auf seine verheerenden Auswirkungen auf andere Kulturen hinwiesen.

War Bowles also möglicherweise Teil des „Problems Orientalismus“, zugleich aber auch Bewahrer und Vermittler orientalischer Kultur und damit ein interkultureller Brückenbauer? Philip Schuyler, ein Ethnomusikwissenschaftler und Freund Bowles’, fasste es so: „Seine Ansichten mögen romantisch, orientalistisch oder ganz einfach falsch gewesen sein, aber seine Bewunderung und Liebe für die marokkanische Musik und Kultur waren aufrichtig.“

Ralf Gebel ist Historiker und lebt in Berlin.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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