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Das große Befremden: „Ich staune, wie leichtfertig Politiker das Wir in den Mund nehmen“

Unser Autor bezweifelt, dass sich du und ich von dem kategorischen Imperativ-Wir, dessen sich vor allem Politiker inflationär bedienen, noch angesprochen fühlen.

André Vladimir Heiz
9 Min
Besucher und Mitarbeiter des Reichstags, aufgenommen in einem unterirdischen Verbindungsgang.

Besucher und Mitarbeiter des Reichstags, aufgenommen in einem unterirdischen Verbindungsgang.

© Thomas Koehler/imago

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Die Welt werde unregierbar, wird moniert. Und die Demokratie sei ernsthaft in Gefahr. Keine Rettung in Sicht? Liegt es etwa am inflationären Gebrauch des Wortes „Wir“? Hält es noch, was es angeblich verspricht? Oder fällt der beschwörende Rundumschlag zunehmend auf taube Ohren? Ich nehme die Fährte auf: Wir im freien Fall ...

Geteilte Ansichten

Niemand sagt „ich“ zu mir. Ich muss es selber sagen, um zu Wort zu kommen. Ich bin es jedoch gewohnt, mit „du“ angesprochen zu werden. Zwei Rollen sind mir damit gleichzeitig auf den Leib geschrieben; ich weiß spielend damit umzugehen. Wenn zwei Ichs entscheiden, füreinander ein Du zu verkörpern, kommt es zu einer gegenseitigen Vereinbarung. Sie lassen sich auf ein Wir ein. Bald erfüllt es sich wunschgemäß, bald zieht sich ein Du in sein eigenes Ich zurück. Das duale Wir gehört zu den archetypischen Lebenserfahrungen an Leib und Seele. Als Paradoxon zwischen Traum und Verwirklichung, Bedingungen und Möglichkeiten, Wunsch und Form. Es ist in seinem gegenseitigen Entsprechen für du und ich nachvollziehbar.

Fußballer und Fans

Fußballer und Fans

© Justus Stegemann/imago

„Wir“ sagt etwas.

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Mit einem einzigen Wir komme ich nicht durchs Leben. Weitere ereignen sich: in der Verwandtschaft, am Arbeitsplatz, in der Freizeit, in der Gemeinde, in der Versammlung. Die zahlreichen Wir haben nicht alle miteinander etwas zu tun; Prioritäten werden gesetzt.

Das jeweilige Wir ist von entsprechender Bedeutung. Beim Schach oder beim Tennis etwa wissen du und ich, was Sache ist. Ein Gegenstand des Interesses gibt dem momentanen Wir einen einsichtigen Grund; es hält sich bereitwillig daran. Vorlieben und entsprechende Tätigkeiten verbinden. So beziehen sich Könner- und Kennerschaft im Beruf auf ein Gebiet, das dem Du und dem Ich vertraut ist. Das Wir hat etwas in der Hand und vor Augen.

Ich habe als eigenständige Figur einen Hintergrund. Ich komme an einem bestimmten Ort zur Welt. Die Gesellschaft bestimmt den Zusammenhang, in den ich gestellt werde. Das kollektive Wir wird mir zugeschrieben. Die Herkunft und weitere Zugehörigkeiten sind gegeben. Mit auf den Weg. Ich werde in ein gemeinschaftliches Wir eingegliedert, mit dem ich nicht in jedem Fall etwas zu tun habe. Es beharrt oft auf Unterscheidungen, die nicht immer auf einer selbst bestimmten Entscheidung beruhen. Da sehe ich mit der Zeit ein.

Wenn ich einen Stein ins Wasser werfe, bilden sich auf der Oberfläche konzentrische Kreise. Der Stein als Ursache ist aber verschwunden. Die Wellenlinien verlieren sich allmählich im Ungefähren. Wo bleibt das Zentrum des Interesses? Um welches Gebiet handelt es sich?

Berlin Mitte, Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße

Berlin Mitte, Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße

© Jürgen Ritter/imago

Und worauf bezieht sich nun das kollektive Wir genau? Wo ein fassbarer Gegenstand fehlt, um gemeinsame Sache zu machen, muss eine Idee der Gesinnung unterlegt werden. Die Voraussetzungen, die ein Wir ermöglichen, müssen vorsätzlich geschaffen werden. Vereinbarungen, Statuten, Grundgesetze drängen sich auf. Beim Gedanken an Europa drehte sich anfangs alles um Kohle und Stahl. Wahrlich Merkmale handfester Tatsachen! Ideen sind weniger robust; sie sind nicht aus Stein. Sie bedürfen einer symbolischen Ausrüstung. Dieselbe Herkunft, die gleiche Fahne. Das gleiche Geschlecht, dieselbe Mannschaft. Die gleiche Kirche, dasselbe Dorf. Die eigene Partei, das gleiche Buch. Logos haben Leuchtkraft. Gesagt und gezeigt wird, was mit dem Wir gemeint ist. Vor aller Augen.

Zwiespältige Aussichten

Vor lauter Ideen kein hauptsächliches Wir! Der Begriff lässt vieles offen; das Bild bleibt fluid. Ein ausschließliches Wir kann die unterschiedlichen Prägungen kaum umfassen. Sie lösen sich mit der Kreisbildung auf der Wasseroberfläche zusehends auf. Aber das Wir bleibt, wo es der Fall ist. Menschen in der Stadt oder auf dem Land haben eigene Vorstellungen von einem kollektiven Wir. Wenn etwa von meiner Nationalität die Rede ist, kommt mir nicht zwingend ein Wir in den Sinn; nur gelegentlich im Ausland, wenn ich auf Landsleute treffe.

Das kollektive Wir schließt ein und aus. Es will den ausufernden Kreisbildungen Einhalt gebieten. Ein übersichtliches Weltbild zeichnet die großen Linien aus. Die Leitkultur umfasst die verbindlichen Referenzen. Dabei besinnt sich das übergeordnete Wir nostalgisch auf das, was es einst war. Oder es stimmt idealisierend auf das ein, was es sein wird. Was es in einer lebensweltlichen Gegenwart bedeutet, sagt es selten.

Die Erde ist bekanntlich keine Scheibe. Die Topographie jedoch, die mich auf der Stelle erfasst, beschränkt sich auf eine graphische Darstellung in der zweiten Dimension. Ich bin die Zielscheibe eines simplen Fadenkreuzes. Eine waagrechte und eine senkrechte Achse nehmen mich ins Visier. Ich werde flach gehalten. Die Grundstruktur macht es sich einfach: die da oben und die da unten, jene zur linken und diese zur rechten Seite. Und in der Mitte? Halte ich es in diesem schwarzen Loch auf Dauer aus? Ich bleibe beileibe nicht stehen, wo die Darstellung mich vermutet. Ich denke nicht „wir“, also bin ich. Ich bewege mich in mehreren Konstellationen.

Jens Spahn vor Presse und Journalisten im Bundestag

Jens Spahn vor Presse und Journalisten im Bundestag

© Achille Abboud/imago

Ich staune, wie leichtfertig Hüter der Interpretations-Hoheit und Politiker das Wir in den Mund nehmen. Ein Wir, das auf jedem Podium und in der Agora beschwörend vorgibt, auf den Punkt zu kommen und den Kreis zu schließen. Fühlen sich du und ich von einem kategorischen und imperativen Wir noch angesprochen? Könnte diese befremdende Wir nicht der Anlass sein, diffuse Vorstellungen und ausufernde Konnotation zu vermeiden, um auf weitere Verunklärungen zu verzichten?

Das kollektive Wir hat zunehmend einen unsicheren Stand. Ein fassbarer Gegenstand liegt nicht in Sichtweite. Das bezeichnete Gebiet zeigt in seiner Einheit Risse und Unschärfen.

Die herkömmlichen Formen der Repräsentation stehen damit zunehmend unter Verdacht. Sie halten offenbar nicht mehr, was sie versprechen. Abklärungen statt Aufklärung!

Enthüllt der inflationäre Gebrauch des Wir nicht etwa die systematische Redundanz seiner Implikationen? Setzen sogenannte Demokratien in ihren Verfassungen ein Wir nicht selbstverständlich voraus, ohne dieses sinnstiftend beim Namen zu nennen? Wer ist damit aber faktisch gemeint? Wir alle? Und die Anderen? Feinbilder geben allen Anlass, nicht darauf reinzufallen. Ist das unversehrte Ich nicht das Anzeichen und das Fallbeispiel einer primären Minderheit an sich? Jedes einzelne Ich hat seine eigene Stimme; nicht jedes Ich aber findet im Chor sein Echo. Ganz Wir zu sein ist keine Alternative. Ein Zugeständnis ist kein Einverständnis: jedem Ja ein Aber, jedem Nein ein Doch! Was nämlich mit einem Wir gut gemeint ist, kann auch böse enden.

Bewegende Einsichten

Ich bin mit meinen Vorbehalten und Beobachtungen nicht allein. In den Augen meiner Mit-Menschen tauchen ähnliche und weitere auf. Die Lust an der Frage verbindet. Wir schauen einander in die Augen. Wir blicken in dieselbe Richtung. Du und ich halten sich zunehmend in parallelen Sphären auf. Sie überschreiten Grenzen, weil sie sich in den herkömmlichen Referenzsystemen nicht mehr erkennen. Sie entziehen sich der ideologischen Zuversicht und dem metaphysischen Überbau. Den Ansprüchen eines maßlosen Wir wird eine Absage erteilt. Zur Sache! Pragmatische und praktische Fundierungen gehen vor.

Ich und du kommen allmählich als solche zu sich; sie bekennen Farbe. Bedingungslos lassen sie sich auf das Versprechen durch ein kollektives Wir nicht mehr ein. Sie sind auf ihrem eigenen Weg. Was in einem Quartier, in einem Arrondissement, in einem Kiez, in einer Nebenstraße oder an der Peripherie beginnt, kommt in der Welt schließlich groß heraus. Als Zeichen der Emergenz in der Gegenwart. Ich und du öffnen den Kreis. Als Nomade auf dieser Welt kann ich es eindrücklich feststellen. An jeder Bushaltestelle, an jeder Straßenecke, an jedem Kneipentisch behaupten sich du und ich bewusst selbst.

Das gefällige Wir muss sich von der unmittelbaren Wahrnehmung unterwandern lassen, bevor ihr ein Kommentar voreilig ins Wort fällt. Ich bemerke selbstredend, dass ich zu einem kollektiven Wir selten aushole. Sobald es den konkreten Zugriff verfehlt oder die Reichweite meiner Zuständigkeit übersteigt, erübrigt es sich. Mich über andere selbstherrlich zu erheben, liegt mir fern.

Menschen genießen einen Sommertag in Berlin.

Menschen genießen einen Sommertag in Berlin.

© Emmanuele Contini/imago

Wie weit will ein kollektives Wir im Singular noch gehen? In seinen ideellen Ansprüchen? In seinen Anforderungen an Zugehörigkeit? Mit seinen Bedingungen an Eingliederung? Sind du und ich dem maßgebenden System nicht längst entwachsen? Der herkömmlichen Weltanschauung in ihrer statischen Fügung stünde die Heisenbergsche Unschärfe-Relation gut an. Das Wir kann sich nicht auf eine stabile Einheit berufen. Es geht als Ereignis aus der Interferenz von Zustand, Zuständigkeit und Prozess erst hervor. Mit jedem Entwurf als Meilenstein. Wir: ein Werk, eine Werkstatt, ein Werkzeug! Es will sich finden und erfinden – in einem ununterbrochenen Prozess. Dynamische Formen des Zusammenlebens haben zunehmend das Sagen. Die Mit-Bestimmung wird selbstverständlich. Die Selbst-Organisation wird zur Regel. Du und ich sind an sich ganz in Ordnung; sie brauchen nicht ununterbrochen an ein Über-Wir erinnert zu werden.

Das Wir ist ein Wort, dessen Währung nicht durch einen festen Wert gedeckt ist.

Der Kurs muss in jedem Fall überprüft werden. Jeder Stein ein willkommener Anstoß essentieller und existentieller Fragwürdigkeit! Wer bist Du? Was bin ich? Was macht ein Wir aus uns? Ein Paar? Eine Familie? Ein Geschlecht? Ein Geschäft? Einen Clan? Einen Club? Eine Truppe? Eine Gattung? Eine Mannschaft ? Eine Partei? Eine Gesellschaft? Eine Glaubensgemeinschaft? Ein Volk? Eine Nation? Eine Demokratie? Eine Diktatur? Wer spielt noch länger mit? Dem genuinen Ich bleibt in seiner autonomem Selbst-Behauptung die Möglichkeit vorbehalten, in jedem Fall „ich n-Ich-t“ zu sagen.

André Vladimir Heiz setzt Zeichen. In Wort und Bild. Literarisch und wissenschaftlich. Als Autor, Künstler und Forscher. Seit seinem „Satz zum Gesamtkunstwerk“ für Harald Szeemann sind seine zahlreichen Publikationen den Prozessen der Wahrnehmung und der Erkenntnistheorie verpflichtet. Seine „Grundlagen der Gestaltung“ in vier Bänden gelten international als Standardwerk. Im Herbst ist bei Ralph Klever in Wien sein neuestes Essay erschienen: „Immer ich. Eine Unabhängigkeitserklärung“. 

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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