Die Forschung an militärisch genutzten Raketen ist zurück in Peenemünde: Auf dem historisch belasteten Gelände auf Usedom forscht das Unternehmen Polaris an Raketenantrieben und Raumflugzeugen, die auch militärisch eingesetzt werden können. Das Unternehmen entwickelt Raumflugzeuge und Hochgeschwindigkeitsfluggeräte mit neuartigen Raketentriebwerken. Wie der Nordkurier berichtet, zählt auch die Bundeswehr zu den Auftraggebern der Firma. Die Linke in Mecklenburg-Vorpommern reagiert mit scharfer Kritik auf die Aktivitäten an dem Standort, der wie kaum ein anderer für die Verbrechen des Nationalsozialismus und die Folgen militärischer Aufrüstung steht.
Ein Sprecher des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr erklärte diesbezüglich: „Der Standort Peenemünde eignet sich aufgrund seiner abgelegenen Lage und der geringen Besiedlung grundsätzlich für damit zusammenhängende Flugversuche.“ Art und Inhalt der Aktivitäten seien „aus Gründen der militärischen Sicherheit“ allerdings geheim.
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Die Wahl des Standorts stößt jedoch auf heftige Kritik, denn während des Zweiten Weltkriegs war Peenemünde das Zentrum der NS-Raketenentwicklung. Hier wurden die V2-Raketen konstruiert, die von den Nationalsozialisten als sogenannte „Wunderwaffen“ propagiert und tausendfach gegen Städte – vor allem gegen London – eingesetzt wurden. Die Produktion dieser Waffen war untrennbar mit dem Einsatz von Zwangsarbeitern verbunden, die unter menschenunwürdigen Bedingungen schuften mussten und zu Tausenden ums Leben kamen. Der Ort gilt heute als Mahnmal für die Opfer des NS-Regimes und die zerstörerische Kraft unkontrollierter Rüstungsentwicklung.
Landesregierung weiß über Projekt Bescheid
Alexander Kopp, Gründer und Inhaber der Firma Polaris mit Hauptsitz in Bremen, bestätigt gegenüber dem Nordkurier allerdings: Sein Unternehmen arbeite durchaus „im Auftrag der Bundeswehr“ an einem zweistufigen Hyperschallforschungsflugzeug. Ob dies auch in Peenemünde geschehen werde, sei „noch unklar“. In Peenemünde finden jedoch „regelmäßig Flugerprobungen“ von Prototypen bzw. „skalierten Raumflugdemonstratoren“ statt – auch im Auftrag der Bundeswehr.
Polaris führt bereits seit Jahren Testflüge auf dem Gelände durch – bisher nur zur zivilen Nutzung. Doch dies soll sich ändern. Nun werde an Fluggeräten mit einem Aerospike-Raketenantrieb geforscht, Erstflüge sind bis Ende 2027 geplant. Darauf deutet zudem hin, dass über dem Ort eine großflächige Flugverbotszone ausgewiesen wurde. Bis zum Ende des Jahres 2028 sind in diesem Gebiet außer dem Forschungsprojekt sämtliche anderen Flüge (inklusive Modellflug) untersagt. In der Sommerzeit gilt dies von 8 bis 20 Uhr, in der Winterzeit von 8 bis 18 Uhr.
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Auch die Landesregierung ist beim Projekt mit an Bord: Wie das Wirtschaftsministerium des Bundeslandes mitteilte, unterstütze man das Unternehmen, das viele Arbeitsplätze in der Region schaffen wolle. Man habe auch Kenntnis von der Forschung von Polaris für die Bundeswehr, sei aber „nicht involviert“. Die Rede ist zudem von Technik für Weltraumflugzeuge, die „sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden könne“.
„Falsches und hoch problematisches Signal“
Bei der Linken, die in Mecklenburg-Vorpommern selbst Teil der Regierungskoalition mit der SPD ist, stößt die Raketenforschung an diesem historisch belasteten Ort auf deutliche Kritik: „Vor dem historischen Hintergrund Peenemündes ist es ein falsches und hoch problematisches Signal, den Standort erneut für Raketentests zu nutzen“, erklärte der Landesvorsitzende der Linken in Mecklenburg-Vorpommern, Hennis Herbst, in einer Mitteilung seiner Partei. Die Zusammenarbeit eines privaten Rüstungsunternehmens mit der Bundeswehr an einem solchen Ort verstärke die Tendenz zur Militarisierung und werde der historischen Verantwortung Deutschlands nicht gerecht.
Herbst stellte die Aktivitäten in einen größeren friedenspolitischen Zusammenhang: „Unsere Lehre aus der Geschichte muss sein: Mehr Waffen schaffen keinen Frieden, sondern vergrößern das Leid. Peenemünde darf deshalb nicht erneut zu einem Symbol militärischer Aufrüstung werden.“
Die Forschungsaktivitäten von Polaris in Peenemünde reihen sich ein in eine breitere Debatte über die zunehmende Militarisierung in Deutschland. Seit der von der Bundesregierung ausgerufenen „Zeitenwende“ fließen erhebliche Mittel in die Verteidigungsindustrie, private Rüstungsunternehmen erhalten verstärkt öffentliche Aufträge.
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