Marica Verjaal hat eine Firma mit harter Arbeit, ostdeutsch geprägter Sozialisierung und Robotern zum Erfolg geführt. Im Interview spricht die Frau aus Mecklenburg-Vorpommern über eine gesunde Unternehmenskultur und darüber, warum Ostdeutsche oft besser mit Veränderung umgehen können.
Frau Verjaal, herzlichen Glückwunsch zu den Top 100. Freudentage in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin – was genau hat es damit auf sich?
Die Top 100 sind eine der renommiertesten Auszeichnungen für innovative und wachstumsstarke mittelständische Unternehmen in Deutschland. Jedes Jahr werden bundesweit nur 100 Firmen in verschiedenen Kategorien ausgewählt, die besonders in Digitalisierung, Automatisierung und mutiger Transformation überzeugen. Für uns ist das eine große Ehre und Anerkennung unserer harten Arbeit der letzten Jahre. Unsere Firma good-stock ist jetzt unter diesen Top 100 – das macht mich natürlich sehr stolz. Es ist eine schöne Anerkennung dafür, dass der Weg, den wir eingeschlagen haben, erfolgreich war.
Was genau macht die Firma?
Wir sind ein Fulfillment-Unternehmen, was bedeutet, dass wir für Kunden Waren lagern und Aufträge aus Webshops abwickeln. Wir machen also Pick und Pack, Versand und auch das Retourenmanagement. Unsere Muttergesellschaft hat diese Firma vor einigen Jahren von einem anderen süddeutschen Unternehmen gekauft und damals hatte diese Firma noch eine andere Ausrichtung. Früher lag der Fokus auf der Herstellung von Datenträgern wie zum Beispiel Videokassetten, Fulfillment war hier eher ein Randprodukt. Die Datenträgerproduktion haben wir ausgelagert und good-stock als eine reine Fulfillment-Marke aufgebaut und stark automatisiert.
Wie genau haben Sie das gemacht?
Wir konnten die tatsächlich genutzte Fläche um die Hälfte reduzieren – die zweite Halle konnten wir untervermieten. Die alte Mehrgeschossanlage mit manuellen Pick-Prozessen haben wir komplett abgeschafft. Früher liefen die Mitarbeiter 20.000 Schritte am Tag, in Peak-Zeiten noch viel mehr. Das gibt’s jetzt nicht mehr. Roboter holen die Kisten, bringen sie direkt an den Arbeitsplatz, und die Menschen müssen nur noch greifen. Bedeutet: Weniger Lagervolumen, weniger Wege, deutlich mehr Effizienz.
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50 Roboter fahren hin und her
Wie genau darf man sich das vorstellen?
Stellen Sie sich einen großen Kubus vor, zum besseren Verständnis vielleicht einfach einen Würfel. Oben auf der Fläche fahren 50 Roboter hin und her. Unter ihnen sind zigtausende Kisten übereinandergestapelt – mit T-Shirts, Hoodies, Nahrungsergänzungsmitteln, CDs, was auch immer. Die Roboter holen die richtige Kiste, bringen sie an einen Port, wo ein Mitarbeiter steht. Der nimmt die Ware raus, bestätigt auf dem Display, und schon flitzt die Kiste wieder weg. Wir haben sogar Ports, an denen gleichzeitig drei Kisten bearbeitet werden können. Es ist wie ein riesiges, lebendiges Tetris-Spiel.
Was kostet so ein Roboter?
Keine Krankheiten, keine Streiks, keine Diskussionen: die Roboter bei der Arbeit
© zVg/ good stock
Um die 35.000 Euro, was erstmal nicht billig ist. Aber dafür sind sie, einmal am Start, extrem genügsam. Sie brauchen nur ein bisschen Pflege durch Wartungsverträge, sonst nichts. Bedeutet: keine Krankheiten, keine Streiks, keine Diskussionen.
Sie sind in Berlin-Pankow geboren, in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen, ostdeutsch sozialisiert und haben als Geschäftsführerin jetzt ein ehemals süddeutsches Unternehmen erfolgreich transformiert. Haben Ostdeutsche durch die Erfahrung der Wende einen Vorteil, wenn es um große Veränderungen geht?
Ob das im Allgemeinen so gültig ist, kann ich nicht beurteilen, aber ich glaube schon, dass es meinen persönlichen Werdegang deutlich beeinflusst hat. Die Ostdeutschen haben am eigenen Leib erlebt, wie von einem Tag auf den anderen ein komplettes System zusammenbricht. Regeln, die gestern noch galten, waren plötzlich falsch. Abschlüsse zählten nichts mehr, Berufe verschwanden, das Geld wurde getauscht. Das ganze Leben wurde auf links gedreht.
Wer das als Kind oder Jugendlicher miterlebt hat, lernt tief drin: Veränderung ist normal. Und nicht nur normal – sie kann auch eine Chance sein. Diese innere Flexibilität und diese Transformationsbereitschaft fehlt vielen Menschen – vielleicht noch etwas stärker den Menschen im Westen, weil sie jahrzehntelang in stabilen, wohlhabenden Verhältnissen gelebt haben.
„In meiner DDR-Schule war alles sehr strukturiert“
Wie hat die Wende Sie persönlich geprägt? Sie sind 1981 geboren.
Meine Eltern haben kurz nach dem Mauerfall entschieden, in den Westen zu gehen. Wir sind nach Lübeck gezogen – ich war acht Jahre alt. Das war für mich als Kind spannend und ein Schock zugleich. Plötzlich eine völlig andere Schule, andere Regeln, andere Menschen. In meiner DDR-Schule war alles sehr strukturiert, streng, fast drillartig. In Lübeck war die Schule viel freier: Wenn du mit deiner Aufgabe fertig warst, durftest du an den Spieltisch gehen und spielen. Für mich war das erstmal fremd – ich war es gewohnt, dass man durcharbeitet und Fleiß und Ordnung benotet werden.
Noch beeindruckender war aber etwas anderes: In meiner Klasse in Lübeck gab es plötzlich Kinder aus Polen, aus der Türkei und anderen Ländern. Das kannte ich aus der DDR an meiner Schule nicht. Das war für mich etwas Exotisches und gleichzeitig sehr Schönes. Ich habe eine polnische Freundin gefunden und ganz neue Welten entdeckt. Nach fast einem Jahr sind wir wieder zurück in meinen Heimatort gegangen. Dieses Hin und Her – erst DDR, dann Westen, dann wieder Ost – hat mich früh geprägt. Ich habe gelernt, dass man sich anpassen kann, ohne sich selbst zu verlieren. Es war wie eine Medaille mit zwei Seiten: Das Vertraute wiederzufinden war schön, aber die neuen Eindrücke habe ich sehr vermisst.
Zahlt diese Biografie heute noch auf Ihren Führungsstil ein?
Definitiv. Als ich 2000 Abitur gemacht habe, war die Situation für Ausbildungsplätze dramatisch anders als heute. Ich habe aus purer Angst 50 Bewerbungen geschrieben – und wurde tatsächlich zu fast allen eingeladen. Heute kämpfen Unternehmen um gute Leute. Diese Prägung „Man muss sich anstrengen, nichts fällt einem in den Schoß“ ist bei mir tief verankert.
Ich bin ein sehr leistungsorientierter Mensch. Ich finde es richtig, dass man für Erfolg auch etwas tun muss. Natürlich hat nicht jeder dieselben Voraussetzungen – das ist mir klar und das ist auch in Ordnung so. Aber grundsätzlich glaube ich an das Prinzip: Wer sich einsetzt und in Bewegung bleibt, der kann auch etwas erreichen. Ich gönne Menschen, die leistungsbereit sind, mehr als denen, die einfach nur alles fordern, ohne etwas dafür zu tun.
Der Druck, sich neu zu erfinden
Sehen Sie da einen Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschen?
Ich sehe einen Unterschied in den Menschen. Es ist erst einmal egal, woher man kommt, welches Geschlecht man hat oder wie man aussieht. Es gibt eben solche und solche. Speziell auf den Westen bezogen, glaube ich, dass vieles lange Zeit sehr komfortabel war. Man konnte es sich leisten, in alten Mustern zu denken. Das ist aber im Wohlstand begründet. Bei uns im Osten war der Druck, sich neu zu erfinden, existenziell.
Viele Ostdeutsche haben diese „Ich-pack-das-schon“-Mentalität entwickelt. Das macht uns oft robuster gegenüber Veränderungen – sei es in der Wirtschaft, in der Digitalisierung oder bei der Automatisierung. Wir sind weniger anfällig dafür, an alten Strukturen festzuhalten, nur weil sie früher funktioniert haben. Natürlich ist das keine Pauschalaussage, aber ich sehe diesen Vorteil sehr deutlich – auch bei mir selbst. Und ich sehe Parallelen zu Ländern wie zum Beispiel China: Wo man noch nicht alles hat, ist der Antrieb größer. Man strebt eben etwas an. Bei uns Ostdeutschen war das ähnlich.
Ihr persönlicher Antrieb als Geschäftsführerin?
Geld verdienen ist natürlich Punkt eins. Aber fast genauso wichtig ist es mir, ein guter Arbeitgeber zu sein, spannende Projekte zu realisieren und am Ende Kunden mit guten Produkten und Dienstleistungen glücklich zu machen. Ich finde es einfach erfüllend, etwas aufzubauen und weiterzuentwickeln. Wir müssen die Veränderungen um uns herum nicht nur akzeptieren, sondern die Chance ergreifen, diese mitzugestalten. Und wenn man dann auf ein gutes Team zurückgreifen kann, ist das umso schöner.
Charme und Gelassenheit können starke Waffen sein
Als Frau in einer solchen Position im Jahr 2026 – spielt das Geschlecht noch eine Rolle?
Auch wenn es uns nicht gefällt: Solange Kriterien wie Geschlecht oder Äußerlichkeiten nicht gleichmäßig verteilt sind, erfahren wir diese unterproportional vertretene Gruppe als etwas Exotisches oder Außergewöhnliches oder gar Komisches. Ich möchte nicht missverstanden werden, denn ich bin kein Freund von festgelegten Quoten, aber wir dürfen nicht außer Acht lassen, wer etwas bewertet oder über etwas entscheidet. Das hat erst einmal nichts mit richtig oder falsch zu tun, aber eine Gruppe 50-jähriger Männer wird sehr wahrscheinlich anders urteilen als eine Gruppe 30-jähriger Frauen. Und es geht dabei nicht darum, festzuhalten, wer nun recht hat. Es geht um Perspektive, Sozialisierung, persönliche Ziele, Chancen oder auch Vorurteile – im positiven wie auch im negativen Sinne.
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Es passiert nicht oft, aber kürzlich doch gerade erst wieder, dass ich mit „Herr Verjaal“ angeschrieben werde, besonders von Lieferanten oder Technikfirmen. Selbstverständlich kann es sich auch einfach um ein Versehen oder einen Schreibfehler handeln, aber ich glaube, das hat auch nicht selten mit Vorurteilen oder einer Kompetenzvermutung zu tun. Und was mich persönlich manchmal verärgert und manchmal auch belustigt, ist, dass dasselbe Verhalten, das bei Männern als „durchsetzungsstark“ gilt, bei Frauen schnell als „zickig“ oder „aggressiv“ bewertet wird. Als Frau muss man oft mehr beweisen.
Gleichzeitig habe ich gelernt, dass Charme und Gelassenheit auch starke Waffen sein können. Und ich freue mich besonders, wenn junge Frauen bei uns Lust haben, Verantwortung zu übernehmen. Ich unterstütze sie sehr bewusst.
Ein letztes Wort?
Nichts ist für immer. Wir leben im Hier und Jetzt, aber sollten auch respektvoll mit unserer Vergangenheit und Zukunft umgehen. Wer das verinnerlicht hat, kann vieles schaffen.
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