Bürgerrechte

„Nation der Verdächtigen“: Gesichtserkennung in London verschärft Debatte über Massenüberwachung

Londons Polizei scannt Passanten per Live-Gesichtserkennung. Befürworter feiern Fahndungserfolge, Bürgerrechtler warnen vor einem Überwachungsstaat – und auch in Deutschland wächst die Debatte.

4 Min
KI-generierte Darstellung biometrischer Überwachung im öffentlichen Raum.

KI-generierte Darstellung biometrischer Überwachung im öffentlichen Raum.

© Paul Hartl/imago

Mitten im Berufsverkehr in London richten Polizisten Kameras auf Passanten. Touristen, Büroangestellte und Einkaufende laufen durch die Straßen – während ihre Gesichter in Echtzeit mit einer polizeilichen Fahndungsliste abgeglichen werden. Was wie Science-Fiction klingt, gehört in Teilen der britischen Hauptstadt inzwischen zum Alltag. Die Nachrichtenagentur Reuters begleitete einen Einsatz der Gesichtserkennung im Londoner Stadtteil Victoria.

Die Metropolitan Police bezeichnet die Technologie als „bahnbrechend“. Seit Anfang 2024 seien mit Hilfe der sogenannten Live Facial Recognition rund 2500 gesuchte Personen identifiziert und festgenommen worden, darunter Verdächtige wegen Gewalt- und Sexualdelikten.

So rechtfertigt die Polizei den Einsatz von Gesichtserkennung

Reuters schildert mehrere konkrete Fälle. Während eines Einsatzes in London schlug das System innerhalb kurzer Zeit zweimal Alarm. Ein Mann wurde nach kurzer Kontrolle wieder freigelassen. Ein weiterer Verdächtiger wurde auf offener Straße festgenommen.

Die Polizei argumentiert, die Technologie helfe dabei, gefährliche Straftäter schneller zu identifizieren. Die leitende Met-Beamtin Lindsey Chiswick verwies laut Reuters auf einen verurteilten Pädokriminellen, der mit einem kleinen Mädchen entdeckt worden sei. Durch die Gesichtserkennung sei er identifiziert worden und sitze inzwischen wieder im Gefängnis.

Die Kameras gleichen Gesichter mit einer Fahndungsliste von etwa 17.000 Personen ab. Die Polizei betont, biometrische Daten unverdächtiger Menschen würden sofort gelöscht. Von mehr als drei Millionen gescannten Gesichtern habe es innerhalb eines Jahres nur zehn Fehlalarme gegeben, erklärte Chiswick laut Reuters.

Bürgerrechtler warnen vor Überwachungsstaat

Besonders umstritten ist der Einsatz der Technologie bei Demonstrationen. Mitte Mai setzte die Londoner Polizei automatische Gesichtserkennung erstmals bei Protesten ein, darunter bei einer Anti-Migrations-Kundgebung in der Hauptstadt. Darüber berichtete der Guardian.

Bürgerrechtsgruppen kritisierten den Schritt scharf. Die Organisation Big Brother Watch warnte laut Reuters davor, Großbritannien könne zu einer „Nation von Verdächtigen“ werden, in der Menschen vom Verlassen ihrer Wohnung an biometrisch erfasst würden.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Kritiker argumentieren, die Technik untergrabe die Unschuldsvermutung, weil praktisch jeder Passant automatisch überprüft werde, ohne unter Verdacht zu stehen. Zudem könne die Technologie Menschen davon abhalten, an Demonstrationen teilzunehmen oder ihre Meinung öffentlich zu äußern.

Gericht erlaubt weitere Ausweitung

Ein britisches Gericht wies im vergangenen Monat eine Klage gegen den Einsatz der Technologie ab. Damit wurde der Weg für eine weitere Ausweitung frei. Die britische Regierung arbeitet inzwischen an einem neuen rechtlichen Rahmen für automatische Gesichtserkennung. Der Guardian berichtete zuletzt unter Berufung auf Aufsichtsbehörden, die Regulierung halte mit der schnellen Verbreitung der Technologie kaum Schritt. Kritiker sprechen von einem Flickenteppich aus Regeln und mangelnder Kontrolle.

Großbritannien gehört schon heute zu den am stärksten überwachten Ländern Europas. Vor allem London verfügt seit Jahren über ein dichtes Netz öffentlicher Überwachungskameras.

Auch in Deutschland läuft die Debatte

Auch in Deutschland wird seit Jahren über automatische Gesichtserkennung diskutiert. Sicherheitsbehörden verweisen auf mögliche Vorteile bei der Fahndung nach Straftätern und Gefährdern. Datenschützer warnen dagegen vor einer schleichenden Ausweitung staatlicher Überwachung im öffentlichen Raum.

Das Bundeskriminalamt nutzt bereits Systeme zum Abgleich von Gesichtsbildern mit Polizeidatenbanken. Der flächendeckende Einsatz von Echtzeit-Gesichtserkennung auf Straßen oder Bahnhöfen stößt in Deutschland bislang jedoch auf hohe rechtliche Hürden. Die EU-KI-Verordnung erlaubt solche Systeme nur in engen Ausnahmefällen, etwa zur Terrorabwehr oder bei schweren Straftaten.

Auch Berliner Ermittler setzten Gesichtserkennungssoftware laut Innenverwaltung bereits bei Verfahren gegen grenzüberschreitende Bandenkriminalität ein. Dabei kamen fest installierte und mobile Kamerasysteme zum Einsatz. Die Maßnahmen erfolgten auf Grundlage richterlicher Beschlüsse, hieß es.

Breiter diskutiert wurde das Thema nach der Festnahme der früheren RAF-Terroristin Daniela Klette. Polizeigewerkschaften kritisierten damals, hohe rechtliche Hürden erschwerten den Einsatz moderner Gesichtserkennung bei Ermittlungen.

BER, Südkreuz und die „Super-Recognizer“

Auch im Alltag ist biometrische Gesichtserkennung in Deutschland längst angekommen. Am Berliner Flughafen BER können Reisende seit vergangenem Jahr auf freiwilliger Basis Gesichtsscans für Sicherheitskontrollen und Lounge-Zugänge nutzen.

Besonders intensiv wurde die Debatte nach einem großangelegten Testlauf zur Gesichtserkennung am Bahnhof Berlin-Südkreuz geführt. Datenschützer warnten damals vor einem Einstieg in flächendeckende Überwachung im öffentlichen Raum.

Die Berliner Polizei setzt bislang zusätzlich auf speziell geschulte „Super-Recognizer“, die Gesichter auf Videoaufnahmen wiedererkennen können. Nach Angaben des Landeskriminalamts halfen sie bereits bei der Aufklärung schwerer Straftaten, darunter dem Diebstahl der 100-Kilo-Goldmünze aus dem Bode-Museum. Anders als bei flächendeckender KI-Überwachung würden dabei jedoch nicht automatisch Tausende Passanten biometrisch gescannt, argumentieren die Ermittler.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner