Ukraine-Krieg

Russland feuert „Oreschnik“ auf Kiewer Gebiet: Selenskyj meldet Schäden an 300 Orten

Bei einem der schwersten russischen Luftangriffe seit Kriegsbeginn wurden in Kiew fast 300 Schäden registriert. Allein in der Hauptstadt wurden nach ukrainischen Angaben 87 Menschen verletzt.

4 Min
Kiew: Freiwillige des Roten Kreuzes helfen einer verletzten Frau in einem Schutzraum nach einem russischen Angriff.

Kiew: Freiwillige des Roten Kreuzes helfen einer verletzten Frau in einem Schutzraum nach einem russischen Angriff.

© Evgeniy Maloletka/dpa

Russland hat die Ukraine in der Nacht zum Sonntag mit einem der schwersten Luftangriffe seit Kriegsbeginn überzogen. Nach dem Einsatz der Hyperschallrakete „Oreschnik“ meldet Präsident Wolodymyr Selenskyj inzwischen Schäden an fast 300 Orten in Kiew.

Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe feuerte Russland bei den Angriffen rund 600 Drohnen und 90 Raketen ab. Mindestens vier Menschen wurden getötet, fast 100 weitere verletzt.

Selenskyj: Auch Kinder unter den Verletzten

Selenskyj erklärte am Montag auf X, die Aufräumarbeiten in den besonders schwer getroffenen Kiewer Stadtteilen Schewtschenkiwskyj und Podil liefen weiter. Insgesamt seien in der Hauptstadt fast 300 Orte beschädigt worden, die meisten davon Wohngebäude. Für rund 150 Häuser und Wohnblocks seien bereits Schadensmeldungen eingegangen. Ukrainischen Behörden zufolge wurden unter anderem das nationale Kunstmuseum, die Philharmonie sowie ein neu eröffnetes Museum zur Tschornobyl-Katastrophe.

Nach aktuellen Angaben wurden allein in Kiew 87 Menschen verletzt, darunter drei Kinder. 21 Menschen mussten demnach ins Krankenhaus gebracht werden.

Besonders schwer betroffen war laut Reuters der Stadtteil Lukjaniwka nördlich des Zentrums. Dort wurden ein Einkaufszentrum und ein Markt durch Brände zerstört. Viele Bewohner suchten während der stundenlangen Angriffe Schutz in Metrostationen.

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Ein Feuerwehrmann löscht das Feuer auf einem Marktplatz der Stadt, der von russischen Raketen während eines Luftangriffs getroffen wurde.

Ein Feuerwehrmann löscht das Feuer auf einem Marktplatz der Stadt, der von russischen Raketen während eines Luftangriffs getroffen wurde.

© Efrem Lukatsky/dpa

„Sie sind wirklich verrückt“

Bereits kurz nach den Angriffen hatte Selenskyj erklärt, Russland habe die Mittelstreckenrakete „Oreschnik“ gegen Bila Zerkwa im Gebiet Kiew eingesetzt. Es ist nach ukrainischen Angaben erst das dritte bekannte Mal seit Kriegsbeginn, dass Russland die Rakete verwendet – und der erste Einsatz gegen das Gebiet rund um die ukrainische Hauptstadt. „Sie sind wirklich verrückt“, schrieb Selenskyj am Sonntag auf Telegram. „Es ist wichtig, dass das für Russland nicht ohne Folgen bleibt.“

Westen spricht von „Eskalation“

Die „Oreschnik“ gilt als moderne russische Mittelstreckenrakete mit mehreren tausend Kilometern Reichweite. Nach Einschätzung westlicher Experten kann sie mehrere konventionelle oder nukleare Sprengköpfe tragen und ist wegen ihrer Geschwindigkeit nur schwer abzufangen.

EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas sprach von einer „politischen Einschüchterungstaktik“ und „leichtsinnigem nuklearen Säbelrasseln“. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz sowie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron verurteilten den Einsatz als weitere Eskalation des Kriegs.

Russland erklärte laut Reuters, der Angriff sei eine Reaktion auf ukrainische Attacken gegen Ziele auf russischem Gebiet gewesen. Das Verteidigungsministerium in Moskau sprach von Schlägen gegen militärische Infrastruktur, Luftwaffenstützpunkte und Einrichtungen des ukrainischen Geheimdienstes. Die Ukraine weist dagegen Vorwürfe zurück, gezielt Zivilisten anzugreifen.

Was die „Oreschnik“ so gefährlich macht

Die „Oreschnik“ gehört nach russischen Angaben zu den modernen Mittelstreckenraketen mit Hyperschallgeschwindigkeit. Kremlchef Wladimir Putin erklärte, die Rakete könne Ziele in bis zu 5000 Kilometern Entfernung treffen und sowohl konventionelle als auch nukleare Sprengköpfe tragen. Nach russischen Angaben erreicht sie Geschwindigkeiten von mehr als 12.000 Kilometern pro Stunde und sei mit heutigen Luftabwehrsystemen kaum abzufangen.

Experten gehen davon aus, dass die Rakete mehrere Gefechtsköpfe gleichzeitig transportieren kann. Beim ersten bekannten Einsatz gegen die ukrainische Stadt Dnipro Ende 2024 waren auf Aufnahmen mehrere Einschläge nahezu zeitgleich zu sehen. Westliche Militäranalysten vermuten allerdings, dass Russland die Rakete bislang vor allem zur Einschüchterung und Machtdemonstration einsetzt.

Die Existenz der „Oreschnik“ hatte Russland erstmals im November 2024 öffentlich gemacht. Damals griff Moskau mit der Rakete eine Rüstungsanlage in Dnipro an. Nach russischen Angaben läuft inzwischen die Serienproduktion. Belarus erklärte Ende 2025 zudem, die Rakete auf eigenem Staatsgebiet stationiert zu haben.

Selenskyj fordert neue Schritte gegen Moskau

Selenskyj drängte nach dem Angriff erneut auf härtere Maßnahmen des Westens. „Entscheidungen sind nötig – von den Vereinigten Staaten, von Europa und anderen“, schrieb der ukrainische Präsident.

Außenminister Andrij Sybiha forderte Dringlichkeitssitzungen des UN-Sicherheitsrats und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Die EU arbeitet derzeit an einem neuen Sanktionspaket gegen Russland. Nach Informationen des Kyiv Independent sollen darin auch Unternehmen erfasst werden, die an der Produktion russischer Raketen beteiligt sind oder Moskau bei der Umgehung bestehender Sanktionen helfen.

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