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Die Berliner S-Bahn und unsere Gesellschaft: Wenn niemand mehr etwas erwartet

Von Verspätungen im öffentlichen Nahverkehr bis zur Transformation Ostdeutschlands: Ein Essay über die stille Normalisierung von Resignation.

Michael Thomas
9 Min
Wartende Fahrgäste am S-Bahnhof Treptower Park in sogenannter „Duldungsstarre“

Wartende Fahrgäste am S-Bahnhof Treptower Park in sogenannter „Duldungsstarre“

© Liesa Johannssen/photothek.net/Imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


In Berlin regt man sich tagtäglich über vieles auf, lässt sich vielfach beunruhigen. Dreck, Rücksichtslosigkeit, Stau überall, Lärm. Aber Ruhe?

Es war vor einigen Tagen im S-Bahnhof Treptower Park. Laut Anzeige endete die Ringbahn dort. Die meisten der Fahrgäste nahmen den Weg zum anderen Bahnsteig. Auf dem Display wurde die mögliche Weiterfahrt bis Tempelhof angezeigt – in vier Minuten, in drei Minuten, in einer Minute. Dann wechselte die Anzeige wieder auf vier Minuten, drei Minuten … Laut Durchsage würde dann die Weiterfahrt Richtung Südkreuz mit einer anderen Bahn erfolgen – „im Abstand von jeweils 20 Minuten“.

Da wollte ich hin, dann mit dem Regio zu einem wichtigen Termin. Das konnte laut dieser Ansage („Taktfrequenz 20 Minuten“) knapp werden. Entsprechend war ich etwas nervös. Die meisten Leute auf dem Bahnsteig schienen das nicht zu sein. Weder riefen die wechselnden Minutenanzeigen auf dem Display noch die Ansage zum Intervall der möglichen Weiterfahrt besondere Reaktionen hervor. Ebenso nicht die Tatsache, dass wir uns schließlich in eine schon recht volle Bahn quetschen mussten. Durchaus rücksichtsvoll, aber auch irgendwie stoisch, gelangweilt, oder auch mit leichtem Lächeln hinter Handy und Kopfhörer. Alles irgendwie normal. In meiner ungewissen Aufgeregtheit war es aber genau das, was mich beunruhigte und zum Nachdenken brachte.

Auf den Osten bezogen hatte jemand mal von der ungewöhnlichen „Duldungsstarre“ gesprochen. War es das, konnte es so etwas wie ein Déjà-vu sein? Diese Art Ruhe signalisierte in der Tat resignierte Hinnahme, ging in eine Apathie über, die offensichtlich jegliche Erwartung einer wirklichen Besserung solcher Umstände wie Verspätungen und Zugausfälle gegen null schraubte. Soziologisch nennt man das „Normalitätsmodus“. Es ist, wie es ist, und wir müssen da halt durchkommen.

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Antworten, fragen oder mitteilen kann man nicht

Im angeführten Beispiel oder auf Bahnhöfen generell ist ein schlagender Beleg dafür, dass Ansprechpersonen nicht vorhanden sind. Wenn man Glück hat, kommt eine verständliche Stimme aus dem Lautsprecher – antworten, fragen oder vielleicht was mitteilen kann man nicht. Das ist in der Tat beunruhigend, und genau so wird dieses eher alltägliche Beispiel zur übergreifenden Metapher für eine Gesellschaft, die erheblich an Vermögen zur kommunikativen Vermittlung eingebüßt hat. Das hat nichts mit Ruhe an sich zu tun.

Ich erinnere mich an ein anderes Beispiel. Als ich in den frühen Wendemonaten 1990 täglich in Berlin auf dem Weg zu einem Institut im Westen der Stadt die Grenze passieren musste (konnte), war vor allem auch Ruhe gefragt: bei den noch für einige Wochen erforderlichen Ausweiskontrollen. Mehr aber noch war es der alltägliche Anblick, dass im Osten der Stadt immer und überall angestanden wurde: beim Resteverkauf des Ostens, den neuen Sortimenten aus dem Westen oder dann eben dem „richtigen“ Geld. Das aber war eine ganz andere Ruhe, und auch das Schlangestehen war mit konkreten Erwartungen verbunden.

Nicht weniger trifft das auf die Tage unmittelbar nach dem 9. November 1989 zu. Nachdem sich die plötzliche Erregung gelegt hatte, gingen die meisten im Osten in Ruhe ihrer Arbeit nach, um dann in der Freizeit den Westen zu erkunden. Weit mehr noch als in den Wochen vor der Grenzöffnung, als wachsende Ausreisezahlen erhebliche Lücken aufrissen und in vielen Einrichtungen Berlins Arbeitsplatzbesetzungen oder Schichtwechsel erheblich „aus dem Tritt“ gerieten, ging nunmehr alles „seinen Gang“.

Schlangestehen fürs Begrüßungsgeld im Jahr 1989

Schlangestehen fürs Begrüßungsgeld im Jahr 1989

© Imagebroker/Imago

Dann beginnt der gesellschaftliche Kitt zu bröckeln

Das sind zwei sehr unterschiedliche Erinnerungen oder Assoziationen. Zweifellos weist das angeführte Erlebnis auf dem Bahnhof nicht darauf hin, dass alles „aus dem Tritt“ gerät. Aber es hat auch nichts von der offenen, positiven Erwartung der ersten Wochen 1990. Zu spüren war eher eine beunruhigende Normalität. Und das hat nicht nur mit der Bahn zu tun.

Nehmen wir nochmals das Beispiel aus den 90er-Jahren. Darin wie auch im Schlangestehen lag ein Zukunftsversprechen (zumindest eine diesbezügliche Erwartung) von Ankommen, nicht nur dem willkommenen Begrüßungsgeld, von Teilnehmen in einem geöffneten gesellschaftlichen Horizont. Üblicherweise spricht man hier dann von Vertrauen, das sich zeigt beziehungsweise bildet. Und ebenso sieht man üblicherweise genau darin den sozialen „Kitt“, der ein Gemeinwesen zu einem solchen macht. Wenn aber die Normalität darin liegt, dass nichts mehr erwartet wird, gerade auch deshalb, weil von einem nichts mehr erwartet wird, dann beginnt dieser Kitt zu bröckeln.

Genau deshalb musste die Ruhe auf dem Bahnhof über dieses konkrete Ereignis hinaus so beunruhigend wirken. Mit Gleichgültigkeit, Resignation, Apathie lässt sich Vertrauen nicht verbinden. Die Ruhe auf dem Bahnhof mag für sich eher irrelevant sein, keiner Aufregung oder Mitteilung wert. Und niemand ist dafür anzuklagen. Es ist aber diese Ruhe, die für viele andere und alltägliche Beispiele als symptomatisch gelten kann. Es sind die vielen einzelnen kommunikativen Auslassungen und Entgleisungen, die immer wieder bestätigte Abgehobenheit, ja Fremdheit einer „großen Politik“ gegenüber den Erfahrungen der „kleinen Leute“, die dann die kommunikativen Röhren zur Dissonanz und den gesellschaftlichen Kitt eben zum Bröckeln bringen.

Wenn gesellschaftliche Teilhabe blockiert wird

Karl Polanyi, der wichtigste Konzept- oder Stichwortgeber für das, womit in Wissenschaft, Politik und zum Teil auch in der Öffentlichkeit gesellschaftliche Veränderungen gelabelt werden – als Transformation –, wollte vor allem ein Modell gesellschaftlicher Entwicklung für die gewöhnlichen Leute entwerfen. Ein zukunftsoffener gesellschaftlicher Umbau (also die Transformation) sollte für diese und zu einem großen Teil gerade auch durch diese Leute erfolgen. Die Gesellschaft sollte ihr Projekt werden.

Es liegt wohl nicht nur an Verständnisschwierigkeiten, wenn genau davon heute kaum etwas zu spüren ist. Für diese Leute, das mag zum Teil noch gelten oder wird zumindest so deklariert (die Wähler sind hin und wieder wichtig), aber mit diesen Leuten und durch diese Leute – das wohl kaum. Darauf wird staatlicherseits und vonseiten der meisten politischen Parteien zu wenig vertraut. Diesbezüglich scheinen die Röhren in der Tat verstopft. In besonderem Maße gilt das für den Osten.

Ein knapper Rückblick auf die jüngere Geschichte unseres Landes bringt wiederum aufschlussreiche Erinnerungen. Es sind vor allem solche, die die angeführte und in der Tat für sich so wichtige Interpretation über die zukunftsoffene Erwartung unmittelbar nach dem November 1989 in ein anderes Licht stellen. Verwiesen wurde auf eine „normale“ Aufrechterhaltung des Arbeitslebens durch die „Werktätigen“ – man leistete seine Arbeit im Osten und ging danach zur Erkundung in den Westen –, ein verbreitetes und eben stabil gebliebenes Arbeitsethos, vor dem man nur den Hut ziehen konnte. Umso befremdlicher (wenn nicht mehr) mussten gegenüber den Ostdeutschen Feststellungen wirken wie die, dass sie nunmehr „endlich richtig arbeiten könnten“ oder dass es nunmehr an der Zeit wäre, „mal richtig zu arbeiten“.

Überflüssig, dem noch die vielfach zitierte Pointe des Historikers Arnulf Bahring hinzuzufügen, dass die Ossis freilich selbst dafür eigentlich kaum tauglich wären, habe das System sie doch „verhunzt und verzwergt“. Sich erneut darüber aufzuregen, ist eher unnötig, denn – um bei dem Wort zu bleiben – eine ganze Anzahl von „Überflüssigen“ (Menschen, die schlicht nicht mehr gebraucht werden, so etwa Heinz Bude) hatte der Systemumbruch gebracht.

Weniger wichtig demgegenüber also das Maß von Denunziation oder offenem Hass à la Bahring und Co. Viele von denen, die ihrer Arbeit auch nach dem 9. November 1989 diszipliniert nachgegangen waren, dies vielleicht gerade jetzt wollten, haben diese Arbeit über Nacht verloren. Kein gutes Ankommen im Westen, wenn zwar Transferleistungen noch verteilt, tatsächliche gesellschaftliche Teilhabe jedoch massiv blockiert wird. Die „Helden der Arbeit“ waren ohne Arbeit auch keine Helden mehr: können also doch nicht arbeiten! Das ist sehr holzschnittartig.

Eine Einladung für die Ostdeutschen gab es nicht

Heute ist einerseits vieles anders, oder leider in vielen Gegenden im Westen gerade auch nicht anders. Nichts ist so besonders am Osten. Aber dennoch: Es hat sich etwas eingebrannt im Erfahrungshaushalt. Ich hatte Mitte der 90er-Jahre diesen Modus der Transformation in Ostdeutschland mit der Metapher einer kupierten Transformation charakterisiert, andere sprachen von Verriegelung, Blockade, oder schlicht von Mehltau. „Kupiert“ meinte: Wie man dem Hund den Schwanz abschneidet und vielleicht seine vergeblichen Anstrengungen, noch zu wedeln, belacht, ihn möglicherweise dennoch auffordert, mit dem Schwanz zu wedeln, so hat man den Ostdeutschen ihre Betätigungsmöglichkeiten genommen und ihnen häufig dann noch Untätigkeit vorgeworfen.

Trotz der vielen und beachtlichen Gegenbeispiele – eine Einladung zu gleichberechtigter Mitwirkung an der Gestaltung dieses Landes war die Transformation für viele Ostdeutsche nicht. Sie haben folglich häufig resigniert oder ihre eigenen und dann nicht immer nur erfreulichen Wege gesucht.

So gibt es im Osten auch eine Vielstimmigkeit, die nicht in die verstopften Röhren demokratischer Kommunikation passt. Das ist mehr und das ist beunruhigender als die eine oder andere S-Bahn-Verspätung. Wie aber für die Beseitigung der Verspätungen vor allem deren Ursachen zu beheben sind, erheblich in eine widerstandsfähige Infrastruktur zu investieren ist, so gilt das nicht weniger für die soziale Infrastruktur unseres Gemeinwesens. Bei der Bahn wurde über Jahrzehnte versäumt, abgebaut, statt investiert. Und in der Gesellschaft?

Michael Thomas, Philosoph, Soziologe, Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften, forscht und publiziert zu Transformation, Regionalentwicklung, Ostdeutschland. Im Erscheinen: Michael Thomas und Michael Brie (Hg.): „Welt(un)ordnung und Transformationen. Fallstudien zu (Ost)Deutschland im Stau und Lernprozessen in China.“ 

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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