Krisenbürgermeister

Blackout, Tennis, Unwahrheiten: Der politische Niedergang von Kai Wegner

Wegner wurde zum Wahlrisiko: Von 28 Prozent auf 17 Prozent. Reformen blieben wirkungslos, Personal ging, Haushalt wackelt. Ein politischer Nachruf.

13 Min
Berlins Bürgermeister Kai Wegner wird nicht erneut kandidieren.

Berlins Bürgermeister Kai Wegner wird nicht erneut kandidieren.

© Bernd von Jutrczenka

Es ist ein Satz, der in die Geschichte der Bundesrepublik eingegangen ist, gesprochen am 9. September 1948 vor den Trümmern des Reichstags, vor dreihunderttausend Menschen, die für eine Stadt einstanden, die man ihnen nehmen wollte: „Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt!“

Ernst Reuter, damals gewählter, aber von der sowjetischen Besatzungsmacht am Amtsantritt gehinderter Oberbürgermeister, verdichtete in diesem Appell das Wesen politischer Führung in der Krise: die Fähigkeit, das eigene Schicksal in eine größere Sache zu übersetzen und die Bürger nicht hinter sich, sondern neben sich zu versammeln.

Achtundsiebzig Jahre später, am 7. Januar 2026, saß ein anderer Berliner Regierungschef vor den Kameras und erklärte der Öffentlichkeit, warum er am Tag des schwersten Stromausfalls seit Kriegsende von 13 bis 14 Uhr Tennis gespielt habe: „weil ich einfach den Kopf frei kriegen wollte“. Zwischen diesen beiden Sätzen liegt nicht nur eine Epoche.

Zwischen ihnen liegt der ganze Abstand zwischen öffentlichem Ruhm und privater Rechtfertigung – und in diesem Abstand lässt sich der politische Niedergang Kai Wegners präzise vermessen, der, wie er am 10. Juli dieses Jahres in seiner Abschiedskonferenz als CDU-Spitzenkandidat sagte, nur „authentisch bleiben“ wollte.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Ein Sieg, der Geschichte schrieb

Man muss sich die Ausgangslage in Erinnerung rufen, um das Ausmaß des Versagens zu ermessen. Bei der wegen gravierender Organisationspannen angeordneten Wiederholungswahl zum Abgeordnetenhaus am 12. Februar 2023 errang die CDU 28,2 Prozent der Zweitstimmen und gewann 52 Mandate.

Die Sozialdemokratie fuhr das schlechteste Ergebnis ihrer Berliner Geschichte ein. Erstmals seit mehr als zwei Jahrzehnten war die Union wieder stärkste Kraft in einer Stadt, die als konservatives Ödland galt, als kaum eroberbares Terrain für Christdemokraten.

Ein Foto aus Wegners besseren Tagen: Nach dem Wahlsieg 2023.

Ein Foto aus Wegners besseren Tagen: Nach dem Wahlsieg 2023.

© IMAGO / Mike Schmidt

Der Sieg war mehr als eine Berliner Angelegenheit. Es war zweifelsohne ein besonderer Erfolg, der über die Landesebene hinaus bundespolitische Signalwirkung entfaltete – ein Prestigegewinn für die gesamte CDU unter Friedrich Merz. Am 27. April 2023 wurde Wegner zum ersten christdemokratischen Regierenden Bürgermeister seit über zwanzig Jahren gewählt.

Und doch trug dieses Kapital von Beginn an einen Konstruktionsfehler in sich. Beobachter merkten damals an, dass die CDU „ohne viel eigenes Zutun“ vor allem von der Unzufriedenheit mit dem rot-grün-roten Senat profitierte.

Wegners persönliches Ansehen blieb selbst im Triumph blass, kaum vor jenem der abgewählten Franziska Giffey und weit entfernt von der Strahlkraft der großen Namen der Berliner Nachkriegsgeschichte. Das Kapital war real, aber es war geliehen. Es beruhte auf dem Missmut über die Vorgänger, nicht auf dem Zutrauen in den Nachfolger.

Die Etappen eines Vertrauensverlusts

Wer politisches Kapital verliert, verliert es selten mit einem Paukenschlag. Er verliert es in Raten. Der erste Riss zeigte sich bereits bei der Amtseinführung: Wegner wurde erst im dritten Wahlgang gewählt – ein Vorgang, der an seiner formalen Legitimität nichts änderte, den Eindruck einer geschlossenen Machtübernahme jedoch beschädigte, noch ehe die Regierung die Arbeit aufgenommen hatte.

Sodann wurde das Versprechen eines politischen Wechsels, eines Neuanfangs für die Stadt gebrochen. Die CDU hatte gegen den amtierenden Senat gewonnen – und regierte anschließend mit einem seiner Teile, der SPD, weiter.

Das war machtpolitisch legitim. Aber es setzte den Symbolwert herab: Aus dem versprochenen Neuanfang wurde eine Umbesetzung im Roten Rathaus. Ein Gutteil der Glaubwürdigkeit war damit verbraucht, ehe die erste große Bewährungsprobe kam.

Bei den Berlinerinnen und Berlinern kam kaum etwas an

Es folgte, was man die Kluft zwischen Output und Outcome nennen könnte. Die schwarz-rote Koalition brachte einen beachtlichen legislativen Ertrag zustande: Verwaltungsreform, Vergabegesetz, Gewalthilfegesetz, Klimaanpassungsgesetz, Mietpreisprüfstelle, Mietenkataster. Doch der politische Test lautet nicht allein, was beschlossen wurde, sondern was im Alltag der Menschen erkennbar besser wurde.

Und hier blieb die Bilanz dünn. Selbst das Prestigeprojekt der Verwaltungsreform, zum 1. Januar 2026 in Kraft getreten, musste – nach eigenem Eingeständnis der Senatskanzlei – von den Behörden erst gelernt und implementiert werden.

Die Reform sollte das Behörden-Pingpong zwischen Senat und Bezirken beenden, Zuständigkeiten klar regeln und die Verwaltung schneller, effizienter und bürgerfreundlicher machen. Tatsächlich bekamen die Bürgerinnen und Bürger davon jedoch kaum etwas zu spüren: Termine beim Amt blieben rar, die Wartezeiten waren oft irrwitzig und die Nerven lagen vielerorts weiterhin blank.

Finanzpolitisch lebte die Wegner-Koalition von Rücklagen

Die Haushaltspolitik kaufte Zeit, aber sie kaufte kein Vertrauen. Die Regierungsbilanz dokumentierte, dass die Koalition zunächst lieber Rücklagen auflöste und Konflikte vermied, statt frühzeitig zu konsolidieren.

Der Rechnungshof warnte 2025 vor Finanzierungslücken von rund 5,3 Milliarden Euro für 2026 und 5,0 Milliarden für 2027 – während der Doppelhaushalt 2026/27 mit einem Volumen von 45,5 beziehungsweise 46,5 Milliarden Euro und mehr als zwölf Milliarden Euro Investitionen eine Stabilität suggerierte, die die Struktur nicht hergab.

Der Schwund des politischen Personals

Und dann kam das Personal. Es liest sich wie eine Chronik der Erosion: Manja Schreiner, Verkehrssenatorin, trat 2024 zurück, nachdem ihr die Universität Rostock den Doktortitel wegen wissenschaftlicher Mängel aberkannt hatte. Joe Chialo, Kultursenator und einer der prominentesten Köpfe des Senats, warf 2025 aus Protest gegen die Kulturkürzungen hin.

Seine Nachfolgerin Sarah Wedl-Wilson musste 2026 gehen, nachdem ein Rechnungshofbericht die Vergabepraxis bei Fördermitteln gegen Antisemitismus scharf gerügt hatte.

Hinzu kamen die Abgänge von Staatssekretären – die Digitalisierungsstaatssekretärin Martina Klement wechselte als Ministerin nach Brandenburg, ihr Nachfolger Matthias Hundt bat nach 69 Tagen im Amt um Entlassung, nachdem Zweifel an seinem Lebenslauf und Ermittlungen im Zusammenhang mit früheren Firmeninsolvenzen bekannt geworden waren.

Gerade auf dem Feld der Modernisierung, für das Wegner Kompetenz reklamierte, häuften sich die Belege mangelhafter Vorprüfung.

Der 3. Januar 2026: Von der Sachkrise zur Vertrauenskrise

Um 6.13 Uhr an jenem Samstag brach nach einem Brand an einer Kabelbrücke nahe dem Kraftwerk Lichterfelde die Stromversorgung im Berliner Südwesten zusammen. Betroffen waren zunächst 45.400 Haushalte und 2.200 Gewerbekunden in Nikolassee, Zehlendorf, Wannsee und Lichterfelde (Senatsverwaltung für Wirtschaft); der spätere Expertenbericht sprach von über 100.000 betroffenen Menschen.

Stromnetz Berlin nannte es den längsten Ausfall seit Ende des Zweiten Weltkriegs; erst nach rund 100 Stunden war die Versorgung vollständig wiederhergestellt. Ermittler behandelten den Fall als Brandanschlag – wenige Monate nach einem ähnlichen Anschlag in Johannisthal im September 2025, auf den der Senat erst im Dezember 2025 mit einem Resilienzplan reagiert hatte.

Stromausfall, Kommunikationsausfall

Der Stromausfall selbst war Wegner nicht anzulasten. Ein Anschlag auf kritische Infrastruktur trifft jede Regierung unvorbereitet. Was ihm anzulasten ist, ist die Geschichte, die er darüber erzählte.

Am Tag danach erklärte Wegner, er sei „den ganzen Tag am Telefon“ gewesen und habe sich in seinem Büro zu Hause der Koordination gewidmet. Am 7. Januar präzisierte er gegenüber Welt TV: „Ich habe in der Tat um 8.08 Uhr begonnen, die Telefonate zu führen. Ich habe mit den Krisenstäben telefoniert, mit Stromnetz.“ Auch die Bundesregierung sei eingebunden gewesen. Dazwischen, so räumte er ein, habe er eine Stunde Tennis gespielt.

Es war die zweite Stufe, die den Sturz einleitete. Recherchen zahlreicher Medien und schriftliche Auskünfte von Stromnetz Berlin ergaben ein anderes Bild: Dokumentiert war lediglich ein Telefonat Wegners mit einem Mitglied der Entscheidungsgruppe des Krisenstabs – um 22.37 Uhr. Die Senatskanzlei nannte Kontakte ab 19.30 Uhr.

Kai Wegner (rechts) bei seiner typischen Krisenkommunikation.

Kai Wegner (rechts) bei seiner typischen Krisenkommunikation.

© IMAGO / Berlinfoto

Bereits am 15. April 2026 berichteten die Ostdeutschen Allgemeine Zeitung und die Berliner Zeitung, Wegner habe am Vormittag des 3. Januar keine dienstlichen Telefonate geführt, sondern lediglich Textnachrichten versandt. Diese Erkenntnis fand Widerhall in der Berichterstattung vieler anderer Medien bis hin zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk Berlin-Brandenburg. Und der behauptete Kontakt zum Bundeskanzler? Die Bundesregierung stellte klar, Friedrich Merz sei zwar in die Kommunikation eingebunden gewesen, ein unmittelbares Gespräch mit Wegner habe jedoch nicht stattgefunden. Der Bürgermeister mauerte immer und immer wieder, sagte, es sei „alles gesagt“ zu den Unwahrheiten und Widersprüchen.

Damit lagen mindestens drei überprüfbare Widersprüche offen: die Behauptung, „den ganzen Tag am Telefon“ gewesen zu sein, gegen das dokumentierte Tennismatch; der angebliche Beginn dienstlicher Telefonate am Morgen gegen die spätere Einräumung, dass am Vormittag keine solchen Telefonate stattfanden; und der erweckte Eindruck eines direkten Kontakts zum Kanzler gegen dessen amtliches Dementi.

Wegner wies die Vorwürfe im März 2026 zurück, verweigerte genaue Angaben und drohte mit rechtlichen Schritten. Es war die Haltung eines Mannes, der die Kontrolle über seine eigene Erzählung verloren hatte. Er behielt diese Linie bis zum Ende bei.

Noch gut eine Stunde, bevor er seine Spitzenkandidatur am Freitag dieser Woche niederlegte, suggerierte er bei einem Termin vor dem Roten Rathaus auf Nachfrage  mit der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung und der Berline Zeitung Normalität: Man solle bis zum Abend abwarten, sagte er.

Krisenmanagement: Das vernichtende Urteil der Experten

Der im Juli 2026 vorgelegte Expertenbericht „Resilienz in Berlin“ verweigerte ihm die Entlastung. Zwar sei die Lage bewältigt worden, doch Berlin sei an die Belastungsgrenze gekommen; wichtige Ressourcen seien teils erst nach der formalen Feststellung der Großschadenslage am 4. Januar um 15 Uhr verfügbar geworden.

Der Bericht empfahl besseren Schutz kritischer Infrastruktur, Katastrophenschutz-Leuchttürme und ein mindestens 72 Stunden krisenfestes Mobilfunknetz. Das Fazit war doppelt bitter: Der Staat lernte dazu – der Bürgermeister verlor an Autorität.

Selbstbild und Fremdbild

Hier öffnet sich die eigentliche Wunde. Wegners Selbstwahrnehmung blieb bis zuletzt die des handlungsorientierten Modernisierers: mehr Sicherheit, mehr Tempo beim Wohnungsbau, ein handlungsfähiger Staat. Die Außenwahrnehmung war eine andere. Infratest dimap bescheinigte ihm im April 2026 einen Tiefstwert, den niedrigsten je gemessenen BerlinTrend-Wert eines Bürgermeisters. Im Juli 2026 waren noch 18 Prozent mit seiner Arbeit zufrieden, 16 Prozent mit dem Senat, 78 Prozent nicht. Die CDU, 2023 mit 28,2 Prozent triumphierend, lag in der Sonntagsfrage bei 17 Prozent – hinter Linken, Grünen und AfD.

Aus dem Wahlsieger von 2023 war ein kaum noch regierender Bürgermeister in der Dauerdefensive geworden. Nirgends zeigt sich das schärfer als in der Gegenüberstellung mit Reuters Appell. Reuter übersetzte die Berliner Krise in eine moralisch-politische Weltfrage; Wegner verteidigte am 3. Januar 2026 seine persönliche Tagesplanung. Der Vergleich ist nicht deshalb hart, weil die Lagen gleich wären – die existenzielle Bedrohung der Blockade und ein mehrtägiger Blackout sind schlechterdings nicht vergleichbar –, sondern weil er den Unterschied im Verständnis des Amtes offenlegt: Der eine sammelte eine Stadt, der andere rechtfertigte sich vor ihr.

Die Bilanz nach Feldern

Eine faire Wertung muss die Erfolge benennen. Die Wirtschaft wuchs 2025 preisbereinigt um 1,1 Prozent und damit deutlich stärker als die deutsche Gesamtwirtschaft (0,2 Prozent); das nominale BIP stieg auf 218,3 Milliarden Euro. Doch die Arbeitslosenquote verharrte bei 10,3 Prozent – Wachstum, das ankam, aber Berlins altes Arbeitsmarktproblem nicht löste. Der größere Teil dieser Dynamik ist einem langjährigen Strukturwandel geschuldet, nicht der aktuellen Regierung zurechenbar.

Im Wohnungsbau genehmigte Berlin 2025 fast 14.000 Wohnungen und bewilligte in zwei Jahren jeweils mehr als 5.000 Sozialwohnungen. Fertiggestellt wurden jedoch nur rund 11.000 Wohnungen – der stärkste Einbruch im Zehnjahresvergleich, von der Senatsverwaltung selbst „nicht zufriedenstellend“ genannt. Die mittlere Angebotsmiete lag laut IBB bei 15,78 Euro pro Quadratmeter. Auf dem Feld, das 30 Prozent der Berliner im Juli 2026 als wichtigstes Wahlthema nannten, blieb das Hauptproblem sichtbar ungelöst.

Konnte sich stets gut inszenieren: Kai Wegner.

Konnte sich stets gut inszenieren: Kai Wegner.

© Bernd von Jutrczenka

Bei der Infrastruktur stehen Rekordinvestitionen – über zwölf Milliarden Euro im Doppelhaushalt, 2,86 Milliarden für das Stromnetz bis 2029 – gegen eine Verwundbarkeit, die der Anschlag brutal offenlegte. Die öffentliche Sicherheit verzeichnete 2025 laut Polizeilicher Kriminalstatistik einen Rückgang der Straftaten um 6,7 Prozent auf 502.743 Fälle, doch stiegen einzelne schwere Deliktfelder, und die moderne Sicherheitsfrage – Krisenfestigkeit, KRITIS-Schutz – traf die Regierung empfindlich.

Die Verwaltungsreform ist der substanziellste institutionelle Eingriff seit Jahren, aber ihre Alltagswirkung steht noch aus. Die Finanzen bleiben der schwächste Punkt: Der vorläufige Jahresabschluss 2024 wies ein Finanzierungsdefizit von 3,027 Milliarden Euro aus. Im Verkehr immerhin meldete die BVG 2025 eine Trendwende, im ersten Quartal 2026 gar 99 Prozent Zuverlässigkeit bei Bus und Tram.

Und der gesellschaftliche Zusammenhalt? Wo 78 Prozent mit dem Senat unzufrieden sind und 21 Prozent keiner Partei mehr die Lösung der Probleme zutrauen, ist die integrative Kraft des Regierens erodiert.

Es ist der Kontrast zu Klaus Wowereit, der hier aufscheint: Wowereit verkaufte Berlin, verlieh ihm eine Marke; Wegner wollte es reparieren. Dass die Reparaturerzählung nicht durchschlug, gehört zu den Gründen seiner Schwächung. Und wo Willy Brandt Berlins politische Reichweite vergrößerte und Richard von Weizsäcker eine überparteiliche, brückenbauende Autorität verkörperte, blieb Wegner der parteiliche, defensive Verwalter. Mit Eberhard Diepgen verbindet ihn allein die CDU-Linie im Rathaus.

Die Kosten und die Ansprüche

Der teuerste Verlust ist der des Vertrauens: von 28,2 Prozent im Triumph zu 17 Prozent in der Krise. Wirtschaftlich wiegen die unbewältigten Strukturprobleme schwer – hohe Wohnkosten als Standortnachteil, Blackout-Risiken, Förder- und Haushaltskonflikte. Finanziell muss Berlin bei anhaltenden Defiziten zugleich Resilienz und Katastrophenschutz nachschärfen. Nicht jede dieser Lasten ist Wegner anzulasten – wohl aber die Verantwortung dafür, sie mit einer glaubwürdigen Prioritätensetzung zu bewältigen.

Zur nüchternen Schlussfrage, was Wegner bei einem Ausscheiden gesetzlich zustünde: Nach § 16 des Berliner Senatorengesetzes hätte er Anspruch auf Übergangsgeld – für so viele Monate, wie er Amtsbezüge erhielt, höchstens jedoch 24 Monate; die ersten drei Monate in voller Höhe, danach zur Hälfte, mit Anrechnung privater Erwerbseinkünfte ab dem zweiten Monat.

Die aktiven Bezüge des Bürgermeisters liegen laut Berliner Besoldungsanpassung bei 17.463,99 Euro monatlich, zuzüglich eines etwaigen Familienzuschlags. Ein Ruhegehalt nach § 17 SenG setzt mindestens vier Jahre Senatszugehörigkeit voraus; bei weniger als zehn Jahren ruht der Anspruch in der Regel bis vor Vollendung des 55. Lebensjahres.

Da Wegner seit dem 27. April 2023 im Amt ist, wäre diese Vierjahresschwelle bei einem Ausscheiden vor dem 27. April 2027 noch nicht erreicht – dann bliebe es beim Übergangsgeld. Hinterbliebenenversorgung (§ 18) und Unfallfürsorge (§ 19) sind gesetzlich gesichert.

Was von Kai Wegner politisch bleiben wird

Das historische Kapital Kai Wegners bestand 2023 darin, dass er für viele Berliner den Machtwechsel verkörperte – nach zwei Jahrzehnten CDU-Abstinenz, nach Wahlchaos und Verwaltungsfrust. Verbraucht hat er es dort, wo Machtwechsel in Vertrauen übersetzt werden muss: im Alltag, in der Haushaltswahrheit, in der Auswahl seines Personals und, vor allem, in der Krise.

Reformen sind kein Selbstzweck; sie müssen sich in Vertrauen verwandeln, und genau diese Verwandlung misslang. Der 3. Januar 2026 wird als der Tag in Erinnerung bleiben, an dem sich offenbarte, wie dünn das Band zwischen Führungsanspruch und Glaubwürdigkeit geworden war. Nicht der Blackout stürzte Wegner, sondern die Geschichte, die er darüber erzählte.

Ernst Reuter rief einer bedrohten Stadt zu, die Welt möge auf sie schauen. Kai Wegner musste erklären, warum er in der Stunde der Not nicht hinsah.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner