Chengdu, Hauptstadt der Provinz Sichuan, um das Jahr 1000. Die Münzen der Region sind aus Eisen; wer ein Pferd kaufen will, braucht einen Karren allein für das Geld. Also hinterlegen die Kaufleute ihre Münzen bei Häusern ihres Vertrauens und tragen fortan Papier: eine Quittung, jederzeit gegen das Hinterlegte einlösbar, gedeckt Stück für Stück. Das erste Papiergeld der Welt ist ein privates Versprechen, und es funktioniert, gerade weil niemand es erzwingen kann. Wer schlecht deckt, verliert das Vertrauen und das Geschäft.
Um 1023 übernimmt der Kaiserhof die Erfindung als Monopol. Die Deckung wird zur Quote, die Quote zur Empfehlung; bald löst der Schein über tausend Käsch nur noch 770 ein – die erste Inflation der Geschichte, so alt wie das erste Staatsgeld aus Papier. Unter Kublai Khan wird der Schein alleiniges Zahlungsmittel des Reiches, und die Notenpresse der Yuan treibt das Versprechen in die galoppierende Entwertung.
Geld ist ein Versprechen
Halten wir fest, was da erfunden ist. Geld ist kein Ding; Geld ist ein Versprechen. Der Schein in Ihrer Hand ist ein Anspruch auf einen Anteil an dem, was eine Volkswirtschaft leistet – „eine Anweisung auf die Gesellschaft“, wie Georg Simmel es 1900 nannte, gedeckt durch nichts als das Vertrauen, dass der Nächste sie ebenso nimmt. Darin liegt seine soziale Kraft: Geld löst aus persönlicher Abhängigkeit, man schuldet niemandem Bestimmtes mehr und kann bei jedem einlösen. Und darin seine Schwäche: Man hängt fortan an dem, der das Versprechen verwaltet. Die Geschichte des Papiergeldes ist die Geschichte einer einzigen Versuchung – mehr zu versprechen, als man hält.
Am 16. Juli 1661 gibt Johan Palmstruchs Stockholms Banco die ersten Banknoten Europas aus. Der Fortschritt gegenüber Chengdu ist zugleich der Sündenfall: Die Note ist an keine Einlage mehr gebunden. Sie verspricht Münze auf Verlangen und ist gedeckt durch Zuversicht. Zwei Jahre später läuft die Presse schneller als das Vertrauen, 1664 ist die Bank zahlungsunfähig, 1668 steht ihr Gründer unter dem Todesurteil; begnadigt stirbt er 1671. Im Jahr des Urteils gründet der schwedische Reichstag aus der Konkursmasse die heutige Sveriges Riksbank, die älteste Notenbank der Welt. Ihr erstes Gebot: Noten drucken darf sie nicht. Man hatte verstanden. Für eine Weile.
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Das Versprechen lässt sich auf zwei Arten brechen. Das zwanzigste Jahrhundert hat beide erlebt. Die erste, die deutsche: einfach weiterdrucken. Inflation ist Enteignung, aber so langsam, dass Sie es nicht merken: wie der Frosch im Kochtopf. 1923 kochte das Wasser in Wochen – das Reich bezahlte seine Rechnungen mit der Druckerpresse, bis am Jahresende ein Dollar 4,2 Billionen Papiermark kostete und sich die Preise alle paar Tage verdoppelten; wer morgens den Lohn erhielt, kaufte mittags, was abends unerschwinglich war.
Die zweite Art ist noch subtiler. Am Sonntagabend des 15. August 1971 verkündete Richard Nixon nach einem Wochenende in Camp David, die Vereinigten Staaten lösten den Dollar vom Gold. Seit Bretton Woods 1944 kostete die Unze 35 Dollar, die westlichen Währungen hingen am Dollar. Seit jenem Sonntag hängt jedes Geld der Welt allein an der Disziplin dessen, der es ausgibt. Das Grundgesetz kennt diese Abhängigkeit: Artikel 88 verpflichtet die Europäische Zentralbank auf „das vorrangige Ziel der Sicherung der Preisstabilität“. Lesen Sie den Satz zweimal. Er ist alles, was seit 1971 zwischen Ihrem Ersparten und Chengdu steht.
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1999 kam der Euro als Buchgeld, 2002 als Schein – ein Geld für Volkswirtschaften, die verschiedener kaum sein könnten. Er schaltete das wichtigste Preissignal zwischen ihnen ab: den Wechselkurs. Wer nicht mehr abwerten kann, dessen Rückstand wird nicht korrigiert, sondern konserviert; wer nicht mehr aufwerten muss, behält eine Währung, die schwächer ist als seine Leistung – ein Exportgeschenk auf Kosten der Nachbarn.
Die eine Geldpolitik ist für die einen zu locker, für die anderen zu straff, sie passt niemandem; und über die gemeinsame Haftung tragen die produktiven Volkswirtschaften die unproduktiven mit. So verzehrt der Euro genau die Leistung, die er zu messen vorgibt – ein Konstruktionsfehler. Hans-Olaf Henkel und Joachim Starbatty haben das früh beschrieben und wurden dafür belächelt. Das Belächeln ist stiller geworden.
An rapider Anstieg der Teuerung
Was das kostet, sehen Sie im Alltag. Im Oktober 2022 erreichte die Teuerung im Euroraum 10,6 Prozent, ein Jahr zuvor waren es 4,1. Sie bekommen weniger Waren für den identischen Geldbetrag – weil mehr Versprechen im Umlauf sind, als Leistung dahintersteht.
Der akute Anlass war hausgemacht: eine Energiepolitik, die das Land einseitig von russischem Gas abhängig machte – um sich dann gegen diesen Lieferanten zu stellen, woraufhin die Preise explodierten. Aber den Boden hatte ein Jahrzehnt des Null- und Negativzinses bereitet, in dem die Notenbank Anleihen kaufte, als gäbe es kein Morgen – und als das Morgen kam, war das Geld längst da, es fehlten nur die Güter.
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Heute liegt die Rate um 2,8 Prozent über dem Ziel. Das Ziel selbst verdient den zweiten Blick: Zwei Prozent im Jahr klingen nach Stabilität und halbieren Ihre Kaufkraft in 35 Jahren. Ein Versprechen, dessen Erfüllung im planvollen Bruch besteht. Der Kaiser hätte seine Freude.
Ich bin 1977 geboren. Mein erstes Fünfmarkstück, der Heiermann, war richtig viel Geld: Man bekam dafür eine Wochentüte Süßigkeiten, eine Currywurst mit Pommes, und es blieb Wechselgeld. Auch im Lebensmittelgroßhandel meines Vaters – ein klassisches Marktgeschäft, also Bargeldgeschäft – wurden Scheine, auch Tausender, gegen Ware getauscht. Dabei lernt man etwas über die Unmittelbarkeit des Geldes und seine Kaufkraft. Was man in Händen hält, ist real.
Die Offline-Variante des Bargelds trägt den schönen Namen „digitales Bargeld“ und wird erst noch entwickelt.
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Nichts davon existiert noch. Die Mark ging 2002 im Euro auf. Aus dem Tausender wurde ein Fünfhunderter – für den man weniger bekam. Dessen Abschaffung beschloss die EZB 2016 mit der Begründung, er könne „illegalen Aktivitäten Vorschub leisten“; 2019 wurde er letztmals ausgegeben, sein Umlauf hat sich seither von 223 auf 119 Milliarden Euro fast halbiert. Nun werden Sie einwenden, die großen Scheine würden doch insgesamt mehr. Stimmt: So viele Hunderter und Zweihunderter wie heute waren nie im Umlauf.
Nur bezahlt wird mit ihnen kaum; sie dienen, sagt die EZB selbst, „vorwiegend zur Wertaufbewahrung“. Weil Bargeld etwas sicherer ist als Buchgeld: Ein Guthaben lässt sich mit Minuszinsen belegen, sperren, deckeln. Wegnehmen lässt sich nur, was man findet. Dass die Menschen gerade jetzt mehr Wert in Scheinen horten als je, ist ein stilles Misstrauensvotum, abgegeben in Papier.
Eine „Ergänzung“ zum Bargeld?
Parallel entsteht die nächste Stufe: Der digitale Euro ist Zentralbankgeld wie der Schein, nur ohne dessen Eigenschaften. Wie viel Sie davon halten dürfen, legt eine Behörde fest; man nennt es Haltegrenze. Ob er programmierbar sein wird, entscheidet nicht die Technik – die kann es –, sondern eine politische Zusage, die es lassen will. Die Offline-Variante trägt den schönen Namen „digitales Bargeld“ und wird erst noch entwickelt; vor 2029 rechnet niemand mit ihr. Die EZB verspricht, das neue Geld werde das Bargeld ergänzen, nicht ersetzen. Legen Sie dieses Versprechen zu den anderen dieser Geschichte. Ich unterstelle nicht Missbrauch; ich verweise auf die Geschichte. Was zentral verwaltet wird, ist später veränderbar. Was in Ihrer Hand liegt, nicht.
Was das praktisch heißt, erfuhren am 28. April 2025 rund sechzig Millionen Spanier und Portugiesen: Strom weg, länger als zwölf Stunden. Die Karte war ein Stück Plastik, die App ein schwarzer Spiegel, der Automat ein Möbelstück. Bezahlt hat, wer Scheine hatte. Die Bundesbank führt dieses Argument seit Jahren selbst: Bargeld braucht keine Infrastruktur, es ist die Ausfallreserve des Landes. Rechtlich ist der Schein ohnehin privilegiert – Euro-Banknoten sind nach Paragraf 14 des Bundesbankgesetzes „das einzige unbeschränkte gesetzliche Zahlungsmittel“ –, doch seine Annahme darf eingeschränkt werden, hat der Europäische Gerichtshof 2021 entschieden – zu Unrecht, denn ein gesetzliches Zahlungsmittel, dessen Annahme man beschränken darf, ist keines. Merken Sie sich diese Erlaubnis. An ihr hängt die ganze Zurückdrängung.
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Bleibt der letzte Schritt: Ein europäisches Vermögensregister, alle Konten, Depots und Immobilien der Bürger in einer Datenbank, gibt es noch nicht; die Kommission hat 2024 schriftlich versprochen, sie plane keines. Wieder ein Versprechen. Beschlossen und gebaut wird nämlich anderes: In Frankfurt arbeitet seit Juli 2025 die europäische Geldwäschebehörde AMLA. Bis 2029 werden die nationalen Kontenregister europaweit vernetzt, mit Zugriff für die Behörden. Und von den Bargeldobergrenzen und Ausweispflichten, die ab dem Sommer 2027 gelten, soll hier noch gar nicht die Rede sein; sie verdienen einen eigenen Beitrag.
Niemand muss ein Register beschließen, solange alle seine Bausteine einzeln entstehen. Ob gebaut wird, ist darum die falsche Frage. Die richtige: Wozu bestellt man Bausteine, wenn man nicht bauen will? Berlin probt derweil im Kleinen, was in Brüssel noch Drohung ist. Ein Mietenkataster soll her, noch vor der Wahl: 1,75 Millionen Wohnungen, deren Vermieter alles in ein Portal melden, von der Nettokaltmiete bis zum Grundsteueranteil; eine Künstliche Intelligenz prüft sodann sämtliche Mieten der Stadt.
Erst ging die Mark, dann der Fünfhunderter; das Konto wird vernetzt, die Miete gemeldet, und für den Rest entsteht ein Geld, das jederzeit genommen werden kann.
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Verdachtsfälle wandern automatisch zur Wohnungsaufsicht, bei Wucherverdacht zur Staatsanwaltschaft. Falschmeldungen kosten bis zu 100.000 Euro. Sehen Sie den Dreh? Ein Rechtsstaat prüfte, wo ein Verdacht bestand. Hier entsteht der Verdacht erst durch die Prüfung: flächendeckend, anlasslos, alle. Ayn Rand nannte das Geld „das Barometer der Moral einer Gesellschaft“. Man erkennt ein Gemeinwesen daran, ob seine Geschäfte aus freien Stücken geschlossen werden – oder unter Aufsicht, Meldung und Erlaubnis. Lesen Sie das Barometer.
Fjodor Dostojewski hat vier Jahre in einem sibirischen Straflager verbracht, in dem alles verwaltet wurde: die Arbeit, das Essen, der Schlaf. Nur etwas entzog sich der Verwaltung – der Rubel, den ein Gefangener heimlich besaß. Mit ihm kaufte er sich ein Stück Tabak, ein Stück Freiheit, ein Stück eigenen Willen. „Geld ist geprägte Freiheit“, schrieb Dostojewski über diese Erfahrung in den „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“. Geprägte, nicht gebuchte: eine Freiheit, die man anfassen und die niemand fernlöschen kann.
Anderthalb Jahrhunderte später stellen wir fest: Erst ging die Mark, dann der Fünfhunderter; das Bare räumt die Kasse, das Konto wird vernetzt, die Miete gemeldet, und für den Rest entsteht ein Geld, das jederzeit genommen werden kann. Der Heiermann meiner Kindheit liegt heute in einer Schublade. Er kauft nichts mehr, er verspricht nichts mehr, aber er hat einen Zweck: zu mahnen, an die Geschichte von Chengdu, an die Gier des Staates nach der Leistung seiner Bürger um jeden Preis. Auch durch leere Versprechungen.
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