Migration

„Zahlt oder wir nehmen eine Niere“: Hunderte Migranten auf dem Weg nach Europa verschleppt

Laut einem Medienbericht wurden mehr als 300 Migranten in Libyen entführt. Angehörige berichten von Lösegeldforderungen und Drohungen mit Organentnahmen.

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Migranten und Sicherheitskräfte an der Grenze zwischen Libyen und Tunesien. Die Route nach Europa gilt als besonders gefährlich.

Migranten und Sicherheitskräfte an der Grenze zwischen Libyen und Tunesien. Die Route nach Europa gilt als besonders gefährlich.

© Hazem Turkia/imago

Mehr als 300 Migranten aus der autonomen Region Kurdistan im Irak sind nach Recherchen der BBC in Libyen entführt, gefoltert und erpresst worden. Die jungen Männer waren demnach auf dem Weg nach Europa und wollten letztlich Großbritannien erreichen. Ihre Familien wurden mit drastischen Forderungen konfrontiert: Wer nicht schnell 5000 US-Dollar zahle, müsse damit rechnen, dass den Geiseln Organe entnommen würden.

Die BBC beruft sich auf ehemalige Gefangene, Angehörige und Bildmaterial aus der Gefangenschaft. Die Journalisten sprachen mit mehreren Betroffenen, die inzwischen freigelassen wurden. Einige zeigten Narben und Verletzungen, die nach ihren Angaben auf Misshandlungen während der Gefangenschaft zurückgehen.

Schmuggler versprach Weg nach Europa

Die Migranten hatten nach Angaben der BBC tausende US-Dollar an ein Schleusernetzwerk gezahlt. Organisiert worden sei die Reise von dem irakisch-kurdischen Schleuser Noah Aaron. Dieser sitzt inzwischen in Frankreich eine zehnjährige Haftstrafe wegen Geldwäsche und Schleusungsdelikten ab. Die Route führte über Libyen. Dort seien die Migranten jedoch nicht wie versprochen an die Mittelmeerküste gebracht worden. Stattdessen seien sie im Sommer 2025 in ein bewachtes Gelände verschleppt und festgehalten worden.

Nach Angaben der BBC erklärten die Entführer den Familien, Aaron habe frühere Zahlungen nicht geleistet. Deshalb müsse nun für jede Geisel zusätzliches Geld gezahlt werden.

„Wir haben die Sonne sechs Monate lang nicht gesehen“

Mehrere ehemalige Gefangene schilderten der BBC katastrophale Bedingungen. Ein heute 16-Jähriger berichtete, 178 Menschen hätten in einer einzigen Zelle gesessen. „Wir haben die Sonne sechs Monate lang nicht gesehen“, sagte er dem Sender. Nach seinen Angaben mussten die Gefangenen im Sitzen schlafen, weil der Platz nicht ausreichte. Alle Insassen hätten sich eine einzige Toilette teilen müssen. Wer zu lange gebraucht habe, sei geschlagen worden. Ein anderer Rückkehrer zeigte Narben an seinem Bein. Er erklärte, seine Entführer hätten ihn mit Feuer verbrannt.

Verdacht auf Organentnahmen

Besonders schwer wiegen die Vorwürfe möglicher Organentnahmen. Die Entführer sollen Angehörigen Fotos und Videos geschickt haben, auf denen Gefangene mit einer Entfernung ihrer Nieren bedroht wurden. Ein Vater berichtete der BBC, sein Sohn habe während der Gefangenschaft ein Foto einer frischen Operationsnarbe geschickt. Ein britischer Mediziner erklärte nach Sichtung des Bildes, die Narbe sei mit einem Eingriff zur Nierenentnahme vereinbar.

Die BBC betont jedoch ausdrücklich, dass sich tatsächliche Organentnahmen bislang nicht unabhängig bestätigen lassen. Kurdische Behörden gehen laut dem Bericht dennoch dem Verdacht nach, dass einzelne Geiseln möglicherweise mit inneren Organen für ihre Freilassung bezahlt haben könnten.

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Mindestens ein Todesfall bekannt

Nach Angaben der BBC starb mindestens ein Migrant während der Gefangenschaft. Wie viele Menschen weiterhin festgehalten werden, ist unklar. Im Januar brachte die irakische Regierung nach Angaben des Senders 110 freigelassene Geiseln mit einem Sonderflug zurück in ihre Heimatregion.

Libyen bleibt Zentrum des Menschenhandels

Libyen gilt seit Jahren als eine der wichtigsten Transitstationen für Migranten auf dem Weg nach Europa. Große Teile des Landes stehen nicht unter vollständiger Kontrolle einer Zentralregierung. Rivalisierende Milizen und bewaffnete Gruppen beherrschen vielerorts das Gebiet. Der UN-Berater Anthony Dunkerley sagte der BBC, Entführungen mit Lösegeldforderungen seien entlang der Migrationsrouten durch Libyen seit Jahren dokumentiert. Die schwache staatliche Kontrolle erleichtere Menschenhändlern und kriminellen Netzwerken ihr Vorgehen.

Trotz der Berichte über Folter, Erpressung und mutmaßliche Organentnahmen reißt der Strom von Migranten aus dem Irak nach Europa nicht ab. Hemn Merany vom Innenministerium der kurdischen Regionalregierung sagte der BBC, viele Familien würden die Risiken weiterhin unterschätzen. Er schilderte einen Fall, bei dem ein Vater seinen Sohn nach dessen Tod in Libyen beerdigte. Während der Trauerfeier habe er erfahren, dass bereits zwei weitere Verwandte nach Europa aufgebrochen waren.

„Der traurigste Teil dieser Geschichte ist, dass wir nichts daraus lernen“, sagte Merany laut BBC.

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