Die US-Klimabehörde NOAA hat die Wahrscheinlichkeit für ein sehr starkes El-Niño-Ereignis auf 95 Prozent angehoben. Der Pazifik steuert damit auf das stärkste Ereignis seit Beginn der Aufzeichnungen 1950 zu. Der DWD hält die Folgen für Europa noch für offen – im Panamakanal und an den Rohstoffbörsen sind sie längst angekommen.
Auf einem Streifen Wasser zwischen Ecuador und der Datumsgrenze steht seit Wochen die Maschine still. Normalerweise schiebt der Passat das warme Oberflächenwasser nach Westen, in diesem Jahr weht er schwach.
Das Warmwasser schwappt zurück nach Osten, heizt die Luft darüber auf und verschiebt die Wetterküche des halben Planeten.
95 Prozent: NOAA hebt die Prognose an
Für den Zeitraum Oktober bis Dezember stieg die Wahrscheinlichkeit eines sehr starken Ereignisses in der Einschätzung des Climate Prediction Center von 81 Prozent im Juli auf 95 Prozent im August.
Die brisantere Zahl ist die zweite: 69 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass der relative Niño-Index jeden seit 1950 erfassten Wert übertrifft.
Die japanische Wetterbehörde maß im Juli eine Abweichung von 2,5 Grad, den höchsten Juli-Wert seit 1949 – gleichauf mit dem Vorlauf zum Jahrhundert-El-Niño von 1997.
Die nächste Aktualisierung der US-Behörde steht Anfang September an.
4,6 Millionen Dollar für eine Durchfahrt
Als Rechnung steht das Ereignis längst im Panamakanal. Die Verwaltung senkt die buchbaren Durchfahrten ab September von 36 auf 32 pro Tag.
Wie das ZDF berichtet, fielen zwischen Mai und August rund 34 Prozent weniger Regen als im historischen Mittel – und das mitten in der Regenzeit. Die Zuflüsse in die Stauseen lagen 44 Prozent unter dem Normalwert.
Bei jeder Schleusung fließt Süßwasser ins Meer ab. An demselben System hängt die Trinkwasserversorgung von mehr als der Hälfte der Panamaer.
Was Knappheit kostet, zeigt die Auktion der freien Slots: Anfang August zahlte ein Gastanker 4,6 Millionen Dollar, um vorzurücken. Für 80 Kilometer.
Kaffee und Kakao: 20 bis 60 Prozent
Am Ende landen solche Zahlen im Regal. Die Bank UBS hat frühere starke Phasen ausgewertet: Kaffee verteuerte sich häufig um 20 bis 50 Prozent, Zucker um 20 bis 60.
Beim Kakao ist der Befund eindeutiger. Nach einer Auswertung des Investmenthauses WisdomTree hat jedes starke Ereignis der vergangenen 55 Jahre die Weltproduktion gedrückt. Rund 70 Prozent der Ernte kommen aus Westafrika, wo El Niño Trockenstress begünstigt.
Die Elfenbeinküste hat für 2026/27 bereits eine Million Tonnen verkauft und bremst weitere Verkäufe – sie rechnet mit höheren Preisen. Indien erwartet den schwächsten Monsun seit elf Jahren, für mehrere afrikanische Länder hält die Afrikanische Entwicklungsbank eine Verdopplung der Maispreise für möglich.
Im deutschen Supermarkt schlägt so etwas mit einem halben Jahr Verzögerung durch.
Australien: Dürre, Feuer, Korallenbleiche
In Australien lag der Pazifik-Index der Wetterbehörde Ende Juli bei 1,94 Grad, weit über der Schwelle von 0,8.
Der Notfallsektor führt bis März 2027 drei Risiken ganz oben: Dürre, Buschfeuer, Hitze. Vor der Küste kommt dasselbe Problem ein zweites Mal, als marine Hitzewelle über dem Great Barrier Reef.
In Indonesien trocknen die Torfböden aus, die in El-Niño-Jahren zu einer schwelenden Kohlenstoffquelle werden – so geschehen 1997 und 2015. Fachleute rechnen dort mit einer der schwersten Brandsaisons seit Jahren.
Und dann ist da der Thermostat. Nach der Analyse von Carbon Brief wirkt ein Gipfel im Dezember mit rund drei Monaten Verzögerung, also 2027: projiziert werden dann 1,7 Grad über dem vorindustriellen Niveau, ein Rekord. El Niño ist ein natürlicher Zyklus. Die Wärme, auf die er sich draufsetzt, ist es nicht.
Was der Winter für Deutschland bedeutet
Europa liegt weit weg vom tropischen Pazifik. Der DWD schreibt in seinem Thema des Tages, El Niño könne auch hier die Wahrscheinlichkeit bestimmter Wetterlagen verändern – wie das Signal ausfalle, sei noch nicht adäquat prognostizierbar.
Aus früheren Ereignissen kennt man ein Muster: im Frühwinter ein stabiler Polarwirbel und kräftige Westwindlagen mit milder Atlantikluft, im Spätwinter mögliche Kaltlufteinbrüche.
Die Saisonmodelle der Weltorganisation für Meteorologie zeigen ein feuchteres Südeuropa, ein trockeneres Nordeuropa. Deutschland liegt exakt dazwischen.
Wer daraus einen Schneesturm im Januar ableitet, überzieht die Datenlage. Bleibt eine Zahl: 69 Prozent Wahrscheinlichkeit für einen Wert, den es in 76 Jahren Aufzeichnung nicht gegeben hat.
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