Volkswagen

Krisenbesuch: Das sagen die Zwickauer VW-ler zum Auftritt von Vorstand Oliver Blume

Der VW-Vorstandschef amtiert seit vier Jahren. Erstmals hat er nun das Zwickauer Werk besucht. Bei einer Betriebsversammlung sprach er über die Situation im Konzern.

Ingo Eckardt
Ingo Eckardt
7 Min
Madeleine Taubert, seit März Betriebsrätin im Zwickauer VW-Werk, war wie viele der Kollegen enttäuscht. Der VW-Vorstandschef Oliver Blume habe zu wenig Perspektive für das bedeutsame Fahrzeugwerk in petto gehabt.

Madeleine Taubert, seit März Betriebsrätin im Zwickauer VW-Werk, war wie viele der Kollegen enttäuscht. Der VW-Vorstandschef Oliver Blume habe zu wenig Perspektive für das bedeutsame Fahrzeugwerk in petto gehabt.

© Ingo Eckardt

Nach der Betriebsversammlung mit VW-Konzernchef Oliver Blume bleibt die Belegschaft im Werk Zwickau mit vielen offenen Fragen zurück. Zwar gab es ein Bekenntnis zum Standort und Zusagen zur Einhaltung bestehender Verträge bis 2030, konkrete Produktentscheidungen und eine belastbare Perspektive für die Zeit danach, auf die viele Beschäftigte gehofft hatten, fehlten jedoch.

Die Stimmung nach der zweistündigen Betriebsversammlung im VW-Werk Zwickau war angespannt, aber nicht aufgeheizt, wird berichtet. Rund 3500 Beschäftigte waren nach Angaben der Gewerkschaft IG Metall dabei. In der warmen, stickigen Halle hörten sie ein „Feuerwerk an Zahlen, Daten und Fakten“, sagte IG Metall-Betriebsratsreferent Martin Lehmann. Viele vermissten jedoch die Antworten, auf die sie gehofft hatten.

„Abwarten, mehr kann man nicht sagen“, sagt ein Mitarbeiter nach der Veranstaltung, als er eiligen Schrittes in Richtung seines Autos hastet. Eine berufliche Umorientierung komme für ihn nicht infrage: „Ich glaube an den Standort hier in Zwickau.“ Die Verbundenheit mit dem Werk ist bei vielen Beschäftigten groß. Für seine Kollegin Madeleine Taubert, die seit 22 Jahren in Zwickau arbeitet, ist das Werk „ein Stück Zuhause“. Sie versuche, diese Haltung auch an andere Kolleginnen und Kollegen weiterzugeben, denn seit März ist sie gewählte Betriebsrätin.

Sorge um Produkte und Fertigungslinien schon ab 2027

Im Zentrum der Kritik aller Befragten steht die fehlende Klarheit über die künftige Auslastung des Standorts. Besonders die Zeit nach 2030 bereitet vielen Beschäftigten Sorgen, dann endet die Beschäftigungsgarantie. „Klare Aussagen, welche Produkte gebaut werden, fehlen“, sagt ein junger Mitarbeiter. Auch auf die Frage, wie es nach der möglichen Abschaltung einer Fertigungslinie Mitte 2027 weitergehen soll, habe es keine ausreichende Antwort gegeben, berichtet Betriebsrätin Taubert.

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Betroffen wären nach ihren Angaben gut 1000 Beschäftigte, die derzeit unter anderem an Modellen wie dem VW ID.3 und dem Cupra Born arbeiten. Dass der ID.3 in einer neuen Ausführung künftig in Wolfsburg gefertigt werden soll, verstärkt die Unsicherheit in Zwickau zusätzlich.

Die meisten VW-Beschäftigten gingen nach den Aussagen von VW-Boss Blume mit Unsicherheit nach Hause.

Die meisten VW-Beschäftigten gingen nach den Aussagen von VW-Boss Blume mit Unsicherheit nach Hause.

© Ingo Eckardt

Die Arbeitnehmervertreter wollen deshalb verhindern, dass die betreffende Anlage dauerhaft abgeschaltet wird. Zwar könne der geplante Ausbau der Kreislaufwirtschaft – „Circular Economy“ genannt – neue Beschäftigung schaffen. Die dort entstehenden Arbeitsplätze könnten die betroffenen Kolleginnen und Kollegen aber nicht kurzfristig vollständig auffangen, betont Martin Lehmann. Gefordert werden deshalb weitere Geschäftsfelder und vor allem die Ansiedlung eines Kompetenzzentrums in Zwickau.

Beschäftigte enttäuscht: „Plan für den Standort erhofft“

Viele Beschäftigte bewerteten den Auftritt des Konzernchefs zwar als wichtiges Signal, aber inhaltlich als enttäuschend. Blume war erstmals seit seinem Amtsantritt vor vier Jahren in Zwickau. Allein der Besuch sei daher als Anerkennung für die geleistete Arbeit verstanden worden – insbesondere, weil das Werk als Pionierstandort der Elektromobilität, hoch automatisiert und produktiv gilt, so Lehmann.

Ein Mitarbeiter, der wie alle befragten Beschäftigten seinen Namen nicht preisgeben wollte, fasste den Nachmittag ernüchtert so zusammen: „Wir haben einen Plan für den Standort erhofft, der nicht kam.“ Der Konzernchef habe sich bei konkreten Aussagen nicht weit aus dem Fenster gelehnt. Es habe zwar den Eindruck gegeben, dass ein Plan existiere und die schwierige Entwicklung erklärt werden könne. Doch für die Beschäftigten zähle nun vor allem, welche Entscheidungen daraus folgen. Und hier tappe man nun weiter im Dunkeln.

Ein sehr junger Mitarbeiter blieb trotz allem vorsichtig optimistisch. Blume habe schließlich betont, es helfe nichts, „die Flinte ins Korn zu werfen“ – die Arbeit müsse weitergehen. „Optimismus stirbt zuletzt“, sagte der Mittzwanziger.

IG Metall und Betriebsrat wollen Druck erhöhen

Auch Gewerkschaft und Betriebsrat sehen noch erheblichen Handlungsbedarf. Martin Lehmann betonte, die verantwortlichen Gewerkschafter teilten die Sorgen der Belegschaft. Intern sei zwar bislang nie ausdrücklich von einer Werksschließung die Rede gewesen. Vertrauen schaffen könne aber nur eine nachvollziehbare Zukunftsplanung. Seine Idee: Man brauche ein günstiges Elektro-Einstiegsmodell, das bestenfalls in Zwickau gefertigt werden solle. „Es ist quasi eine ganze Region vom Bäcker bis zum Bauunternehmen, die an diesem Werk an der Wiege der Autoindustrie in Deutschland hängt“, machte Lehmann klar.

Die Interessenvertretung fordert, dass nun zügig Verfahren für Produktentscheidungen beginnen. Blume habe betont, man werde die kommenden sechs bis zwölf Monate nutzen, verlässliche Planungen aufzulegen. „Wir müssen den Druck hochhalten“, lautet die Haltung der Betriebsräte. Dabei gehe es nicht allein um Arbeitsplätze bei Volkswagen: Eine schwächere Auslastung in Zwickau hätte gravierende Folgen für Zulieferer und die gesamte Region.

Die Beschäftigten hätten in der Betriebsversammlung durch ihr besonnenes Verhalten deutlich gemacht, was auf dem Spiel steht. Es habe einzelne Buh-Rufe gegen Blume gegeben, berichten Mitarbeiter. Größere Proteste blieben aber zunächst aus, doch die Enttäuschung sei spürbar – es habe eine „Stille des Protestes“ beim 75-minütigen Vortrag des VW-Konzernchefs geherrscht.

Gerüchte oder unklare Aussagen, wie die von CDU-Infrastrukturministerin Regina Kraushaar am Montag verbreiteten sich in einer solchen Lage schnell. „Betriebsrat und Vertrauensleute sehen deshalb ihre Aufgabe auch darin, wieder Ruhe und Orientierung in die Belegschaft zu bringen. Nun ist es am Vorstand, Vertrauen zu schaffen. Diese Erwartung wurde nicht erfüllt“, musste Mike Rösler, der Vorsitzende des VW-Sachsen-Gesamtbetriebsrates und zugleich der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende des Standorts Zwickau, konstatieren.

Noch rollen am benachbarten Gleis die Züge mit Neufahrzeugen. Welche Modelle künftig in Zwickau gebaut werden und wie lange, bleibt auch nach der Betriebsversammlung mit dem VW-Chef offen.

Noch rollen am benachbarten Gleis die Züge mit Neufahrzeugen. Welche Modelle künftig in Zwickau gebaut werden und wie lange, bleibt auch nach der Betriebsversammlung mit dem VW-Chef offen.

© Ingo Eckardt

Sparmaßnahmen greifen bereits am Standort Zwickau

Ein weiterer Punkt: Die Mitarbeiter verweisen auf die erheblichen Einsparungen der vergangenen Jahre, um die Standortziele zu erreichen. „Viele Beschäftigte erwarten, dass nach dem Erreichen der Fabrikkostenziele nun auch wieder in neue Aufgaben, Produkte und Kompetenzen investiert wird. Zusätzliche Belastungen, wie in den vergangenen Monaten - durch Mehrarbeit, Überstunden oder Wochenendarbeit sind unter den aktuellen Vorzeichen nur schwer vermittelbar“, verdeutlicht Martin Lehmann und kündigte eine reguläre nächste Betriebsversammlung - ohne angekündigte Gäste - für den 30. September an.

Positiv aufgenommen wurde, dass Oliver Blume zugesagt habe, bestehende Verträge einzuhalten und faire Bedingungen zu sichern, berichtet Madeleine Taubert. Auch die tariflich geregelte Altersteilzeit bleibe für viele Beschäftigte ein wichtiges Thema, das weiterhin angepasst werden müsse. Dennoch reicht vielen nicht aus, dass man der Unsicherheit wenig entgegengesetzt habe. „Wir alle schauen nun gebannt zur VW-Aufsichtsratssitzung in der kommenden Woche“, erklärte der sächsische IG Metall-Chef Thomas Knabel, der ebenfalls vor Ort war.

Mike Rösler, Gesamtbetriebsrat bei VW Sachsen, stand den zahlreichen Medienvertretern Rede und Antwort.

Mike Rösler, Gesamtbetriebsrat bei VW Sachsen, stand den zahlreichen Medienvertretern Rede und Antwort.

© Ingo Eckardt

Der VW-Chef hatte in Zwickau, wie schon tags zuvor nur wenige Infromationen aus seiner Rede öffentlich zum Zitieren freigegeben, darunter die Aussage: „Für Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm können wir heute noch keine wettbewerbsfähige Belegung für die 2030er-Jahre darstellen. Ich möchte aber auch klarstellen, dass es keine Entscheidung zu möglichen Werkschließungen gibt. Diese sind immer die letzte und teuerste Lösung. Vielmehr geht es darum, intelligente Lösungen für die Standorte zu finden.“

„Wir müssen alle an diesem Standort festhalten, es ist unsere Heimat“, sinniert eine Beschäftigte. Das VW-Werk Zwickau brauche mehr als Worte der Wertschätzung. Die Belegschaft erwartet konkrete Produktzusagen, neue Geschäftsfelder und eine belastbare Perspektive weit über das Jahr 2030 hinaus. Und vor allem müsste den Kollegen in Halle 1, wo der ID3 ab dem kommenden Jahr wegfiele, eine schnelle Perspektive geboten werden, merkt die langjährige VW-lerin an.

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