Zwei Ohren, die sich oben berühren. Wer zum ersten Mal ein Marwari sieht, hält das Bild meist für bearbeitet.
Ist es nicht. Die Ohren biegen sich nach innen, bei manchen Tieren treffen sich die Spitzen. Drehen lassen sie sich um 180 Grad, jedes für sich.
Ein Marwari kann also nach vorn schauen und gleichzeitig nach hinten hören. In der Wüste war das ein Vorteil. Nur eine andere Rasse trägt diese Ohren: der Kathiawari aus Gujarat.
Ein vertauschter Baustein im Erbgut
Woher die Ohrform kommt, war lange unklar. 2014 entschlüsselte ein internationales Team erstmals das komplette Erbgut eines Marwari – das erste Genom einer asiatischen Pferderasse überhaupt.
In einem Gen namens TSHZ1 fanden die Forscher eine winzige Abweichung, die kein anderes untersuchtes Pferd hatte. Ein einziger vertauschter Baustein.
Das Gen ist ein alter Bekannter: Beim Menschen steht es mit einer Fehlbildung des Gehörgangs in Verbindung, Mäuse ohne TSHZ1 bekommen Probleme im Mittelohr.
Für die Studie ist die Mutation damit der aussichtsreichste Kandidat für die Sichelohren. Beweisen ließe sich das erst am Erbgut des Kathiawari – entschlüsselt hat es bis heute niemand.
Außerdem zeigte die Analyse: Im Marwari steckt arabisches und mongolisches Blut.
Deutlich zu sehen: Die Ohrspitzen des Marwari biegen sich nach innen aufeinander zu.
© Imago
Das Pferd, das nur dreimal vom Schlachtfeld durfte
Die Heimat der Rasse ist Marwar, die Wüstenregion um Jodhpur in Rajasthan. Der Name wird meist mit „Land des Todes“ übersetzt.
Gezüchtet haben das Marwari die Rathore-Fürsten, nachdem sie 1193 ihr Königreich verloren hatten und in die Wüste Thar ausweichen mussten. Herausgekommen ist ein drahtiges Tier von 140 bis 150 Zentimeter Stockmaß, mit kleinen harten Hufen, die auf Geröll keinen Beschlag brauchen.
Dazu kommt eine vierte Gangart, der Revaal: ein schneller Viertakt, der nicht durchschüttelt. Deshalb laufen Marwaris in Europa heute vor allem im Distanzsport.
Und die Rathore stellten eine Regel auf. Ein Marwari darf ein Schlachtfeld nur unter drei Bedingungen verlassen: nach dem Sieg, tot oder mit dem verwundeten Reiter auf dem Rücken.
Chetak und der Kriegselefant
Die berühmteste Szene der indischen Pferdegeschichte spielt am 21. Juni 1576 bei Haldighati. Fürst Maharana Pratap kämpft gegen die Truppen des Mogulkaisers Akbar.
Sein Hengst Chetak soll die Vorderhufe auf den Rüssel eines gegnerischen Kriegselefanten gesetzt haben, damit sein Reiter von oben die Lanze werfen konnte.
Schwer verletzt trug Chetak den ebenfalls verwundeten Fürsten danach aus der Schlacht und brach erst dann zusammen. In Udaipur steht bis heute ein Denkmal für ihn.
Belegt ist davon nichts. Die Geschichte erklärt aber, warum ein Pferd in Indien als Götterwesen gelten konnte.
Warum ein Schimmel mehr wert ist als ein Rappe
Was ein Marwari kostet, hängt in Rajasthan nicht am Körperbau allein.
Schimmel gelten als glückverheißend und bringen die höchsten Preise, Schecken folgen. Rappen stehen für Tod und Dunkelheit und gelten als Unglückspferde. Weiße Pferde kommen gar nicht erst ins Zuchtbuch.
Auch Haarwirbel werden gelesen: am Hals bringen sie Glück, unter dem Auge drücken sie den Preis.
Wie die Rasse fast ausgestorben wäre
Unter britischer Kolonialherrschaft verlor das Marwari seinen Status. Die Briten bevorzugten Vollblüter und Polo-Ponys, die gebogenen Ohren verspotteten sie als Makel eines „einheimischen Pferdes“.
Nach der Unabhängigkeit 1947 verloren viele Adelshäuser ihren Landbesitz. Marwaris wurden als Packpferde verkauft, kastriert oder getötet, in den 1950er-Jahren stand die Rasse vor dem Aus.
Gerettet haben sie Maharadscha Umaid Singh und dessen Enkel Gaj Singh II. Ein offizielles Zuchtbuch gibt es seit 2009.
Warum Sie in Deutschland kaum eines sehen
Indien hat 1952 die Ausfuhr einheimischer Pferderassen verboten. Zwischen 2000 und 2006 durften 21 Marwaris das Land verlassen, dann war wieder Schluss. Seit 2008 gibt es Genehmigungen für maximal ein Jahr, damit Züchter ihre Tiere im Ausland zeigen können. Danach müssen die Pferde zurück.
Dazu kommt eine zweite Hürde von der anderen Seite. Weil in Indien die Afrikanische Pferdepest auftritt, dürfen Pferde von dort nicht in die EU eingeführt werden.
Wer in Europa ein Marwari hält, hat es fast immer aus einem anderen EU-Land. Die erste deutsche Zucht baut Swantje Schabehorn in Rheinland-Pfalz auf, nach eigenen Angaben seit 2019. Nach einem Bericht der Schwäbischen Zeitung lebten 2023 acht Marwaris in Deutschland und etwa 35 außerhalb Indiens.
Wo Sie Marwaris im Original sehen
Wer sie in ihrer Heimat erleben will, fährt nach Pushkar in Rajasthan. Dort steigt jedes Jahr um den Vollmond des Monats Kartik einer der größten Viehmärkte der Welt, 2026 vom 17. bis 24. November.
Manche Käufer lassen vor dem Zuschlag den Sternenstand deuten.
Eine Linie wird auch in Pushkar niemand mehr sehen. Die Natchni galten als Pferde, die zum Tanzen geboren wurden. Mit Silber und Glöckchen geschmückt führten sie auf Hochzeiten komplizierte Sprünge vor.
Sie sind ausgestorben.
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