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Vorwort
Seit Jahrhunderten lebt ein kleines slawisches Volk unter, neben und mit den Deutschen. Es unterscheidet sich bis heute von den Deutschen durch eine eigene Sprache, eigene Sitten, Bräuche und Traditionen sowie eine eigene Hymne und Fahne.
Vor allem die Industrialisierung sowie juristische und politische Restriktionen bewirkten, dass die slawische Mehrheitsbevölkerung in ihrem Siedlungsgebiet im Verlaufe der Zeiten zu einer ethnischen Minderheit wurde.
Mit allen deutschen „Obrigkeiten“ gab es mal mehr, mal weniger heftige Differenzen. Dabei passte sich das Verhalten vieler Lausitzer Slawen an die Verhältnisse an, ohne dass sie ihre slawische Identität vollständig aufgaben. Andererseits gab es stets Gruppen und Persönlichkeiten, die sich dafür engagierten, über die eigenen Angelegenheiten, Rechte und Interessen selbst bestimmen zu können. Wesentliche Momente dieses Ringens aus den letzten knapp 200 Jahren sollten hier nachgezeichnet werden.
Die bisherigen zwölf Teile dieser Serie verknüpften Rückblick und Ausblick und ermöglichten so Einblick in einen schwach bis gar nicht beleuchteten Teil deutscher Geschichte. Abschließend soll es nun um einen Blick nach vorn gehen.
Die Lausitzer Slawen, Teil 6: Sorben oder Wenden? Eine Frage, die bis heute bewegt
Die Lausitzer Slawen, Teil 7: Erfolgsstory mit Widersprüchen – die Sorben in der DDR
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Die „sorbische Frage“ lautet im Klartext: Wie können und wie sollen Sorben und Deutsche in einem Staat zusammenleben? Also: Was muss das sorbische Volk, seine führenden Persönlichkeiten und Institutionen tun, damit die Lausitzer Slawen ihr Leben im deutschen Staat selbständig gestalten können? Und umgekehrt: Was muss der deutsche Staat politisch und juristisch regeln, damit die Lausitzer Slawen nicht Bürger „zweiter Klasse“ werden?
Bevor Antworten gesucht werden können, seien zunächst Fakten aufgezählt. Alle deutschen „Obrigkeiten“ zwischen 1815 und 2026 stellten bzw. stellen sich gegen alle Versuche, umfassende Rechte für ihre Staatsbürger sorbischer Nationalität zu gewährleisten. Es gibt äußerst wesentliche Gegensätze, von herablassender Geringschätzung über konspirativ organisierte Bespitzelung und staatlich gelenkter Verfolgung hin zu ideologischer Überformung und finanziell gelenkter Kontrolle. Sie sind stets grundsätzlich zu bedenken, denn sie haben deutlich zu unterscheidende konkrete Wirkungen auf das Alltagsleben der Lausitzer Slawen.
Gleichwohl sind überlappende Gemeinsamkeiten unübersehbar. Die Politik deutscher Staaten hat in ihren verschiedenen Ausformungen auf differenzierte Weise das Selbstbewusstsein, darunter insbesondere ihr Geschichtsbewusstsein, der Sorben beeinträchtigt, gestört, zerstört. In allen Formen deutscher Staatlichkeit existierten traditionelle Formen der Slawophobie, mal mehr als bloßes Vorurteil in Erscheinung tretend, mal als rassistische Aktion in Wort und Tat.
Der „Grundton“ in Bezug auf die Lausitzer Slawen war durch nationalistisch-arrogante Dummheit, durch saturierte, über jedweden Selbstzweifel erhabene Propaganda, durch ethnische Ressentiments und Aggressivität gekennzeichnet. Selbstbewusster Einsatz von Lausitzer Slawen für ihre Kultur, Sprache und Heimat wurde beargwöhnt und entweder als überflüssig, störend, irritierend, oder „deutschfeindlich“ und „hochverräterisch“ gewertet.
Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder im Gespräch mit sorbischen Demonstranten über die Schließung sorbischer Schulen während seines Besuchs in Ostritz im Jahr 2001
© Robert Michael/Imago
Kleine Völker dürfen nicht kleinmütig agieren
Der Umgang der Mächtigen mit sorbischen Forderungen zeigte, dass sie jede Kritik an sozialen und juristischen Zuständen ablehnen. Demokratische Inanspruchnahme verfassungsmäßiger Rechte bewerten sie als gefährlich und unterdrücken sie folglich. Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind in keinem Detail und von niemandem in Frage zu stellen – das war das herrschende Credo! Ein kontinuierlich angewandtes Mittel zur Verhinderung sorbischen Selbstbewusstseins war die Behinderung, Störung und Zerstörung des Identitätsgefühls. Das gelang (und gelingt) bekanntlich am deutlichsten, wenn man Kultur, Sprache, Geschichte benachteiligt, unterdrückt, verbietet.
Die Zukunft der Sorben und ihres Zusammenlebens mit den Deutschen ist offen. Sicher ist jedoch: Aktuelle, vorhandene Hindernisse werden nicht mit dem Denken und Handeln zu lösen sein, das diese Schwierigkeiten hat entstehen lassen.
Was sind die Hauptmerkmale der von der sorbischen Seite zu findenden Antwort auf die „sorbische Frage“ ?
Herzstück und Ausgangspunkt ist für die Lausitzer Slawen das unerschütterliche Credo, mit den unheilvollen Traditionen des Umgangs mit den Sorben in der Weimarer Republik und im Nazi-Reich ebenso nachhaltig zu brechen wie mit der Bevormundung in der DDR. Selbstbewusste sorbische Enthusiasten aus beiden Lausitzen formten mit diesem Grundsatz das sorbische Parlament. Deren gewählte Mitglieder waren sich von Anfang an einig: Das Ringen um bessere Rechte für die Lausitzer Slawen dürfe kein „Strohfeuer“ sein, sondern – um im Bilde zu bleiben – stetig „lodernde Glut“. Falsche Antworten sind aus sorbischer Sicht sowohl staatlich reglementierte Behinderung von Rechten des sorbischen Volkes als auch obrigkeitsgnädig-herablassendes Gewähren der Rechte.
In den letzten siebeneinhalb Jahren haben die Parlamentarier in ihrer ehrenamtlichen politischen Arbeit erkannt, dass ein Stück ihrer Antwort auf die „sorbische Frage“ darin besteht, große Teile des sorbischen Volkes zu aktivieren, sich energisch für ihre Rechte einzusetzen. Gerade kleine Völker dürfen nicht kleinmütig und resignativ agieren. Selbstbewusst sahen sich die Abgeordneten als Aktivisten an „vorderster Front“ bei der Suche nach zukunftsfähigen Antworten auf die „sorbische Frage“. In Diskussionen mit Gleichgesinnten, durch Erfahrungen ihrer praktischen politischen Arbeit, aber auch in Auseinandersetzungen mit politischen Konkurrenten, erkannten sie: Letztlich werden entscheidende Erfolge nur erreicht, wenn es gelingt, Mehrheiten im Volk zu erreichen.
Ein Teil ihrer Antwort auf die „sorbische Frage“ lautet deshalb: Große Teile des sorbischen Volkes müssen einen eigenen und ständigen, politischen Einfluss auf den deutschen Staat ausüben. Dem Sejm schwebt eine Gesellschaft vor, in der sich möglichst viele Menschen aktiv mit Politik beschäftigen.
Ein „Dauerbrenner“ in der Antwortsuche der Lausitzer Slawen auf die „sorbische Frage“ war und ist bis heute die Misere sorbischer Schulbildung und der Gemeinde Crostwitz verbunden. Nebenbei: Hier wurde nur fünf Tage nach dem Ende des Krieges am 10. Mai 1945 die Domowina wiedergegründet. In der etwas mehr als 1000 Seelen zählenden Gemeinde sind über 90 Prozent Mitglieder der katholischen Kirche.
Die Lausitzer Slawen, Teil 8: Von einer fatalen Lücke im „Einigungsvertrag“
Die Lausitzer Slawen, Teil 9: Warum die deutsche Verfassung dringend eine Ergänzung braucht
Wochenlange Proteste auf dem Schulhof
Das Jahrhundertereignis „Chróšcan zbežk“ wirkt im sorbischen Volk bis heute sowohl traumatisch als auch mobilisierend. Der „Crostwitzer Aufstand“ begann am 9. August 2001, dem ersten Schultag des neuen Schuljahres. Über mehrere Wochen protestierten vor einem Vierteljahrhundert Hunderte Menschen wochenlang auf dem Schulhof gegen die vom Kultusministerium und der Schulbehörde verfügte Schließung der sorbischen Mittelschule Crostwitz. Für eine fünfte Klasse gab es in diesem Sommer „nur“ 17 statt der festgelegten 20 Schüler.
Die „Widerständler“, nicht nur Eltern der betroffenen Kinder, gewannen Lehrer im Ruhestand, die die 17 Mädchen und Jungen mehrere Wochen lang Tag für Tag unterrichteten. Auch der örtliche Pfarrer war aktiv an dem zivilen Ungehorsam beteiligt. Letztlich ging der Kampf, trotz Unterstützung der katholischen Kirche sowie aus Tschechien, Polen und vom Europarat, Ende September 2001 verloren.
Dass diese und weitere Schulen geschlossen wurden, legen Böswillige als eine Antwort der deutschen Seite auf die „sorbische Frage“ aus. Vor allem, weil es vielfach sophistische „Erklärungen“ derart gab, es habe doch weder in Sachsen noch in Brandenburg oder im Bund Gesetze und Durchführungsbestimmungen gegeben, die die Benachteiligung sorbischer Schülerinnen und Schüler zum Ziel gehabt haben.
Vor fast zehn Jahren stellte die Sächsische Bildungsagentur, Regionalstelle Bautzen, in einem Brief vom 19. Januar 2017 an den Bürgermeister der Gemeinde Nebelschütz fest: Von 1999 bis 2016 sind 38 Schulstandorte in staatlicher Trägerschaft im sorbischen Siedlungsgebiet „aufgehoben“ worden. Nach 2016 setzte sich diese Entwicklung bis in die Gegenwart fort. Deswegen wirkt zum einen das aus dem Crostwitzer Skandal gewachsene Selbstbewusstsein bis heute nach.
Engagement für die Gründung einer freien Schule
Anfang März 2026 wurde eine gemeinnützige GmbH gegründet, in der sich neun Sorbinnen und Sorben für die Gründung einer freien Schule in sorbischer Trägerschaft engagieren. Noch im März haben Pädagogen, Eltern mit Experten über das pädagogische Konzept beraten.
Zum anderen veranlasste nicht zuletzt der Crostwitzer Aufstand den Sejm, die Ursachen für die Bildungsmisere öffentlich zu benennen und beharrlich zu kritisieren. Sie kommen zustande, weil der deutsche Staat auskömmliche Förderung unterlässt und Bestimmungen über die Klassenstärke an deutschen Schulen gedankenlos auf sorbische Schulen überträgt. Damit wird letztlich das sorbische Volk eines seiner wichtigsten Kulturgüter beraubt.
Fasst man die Erfahrungen der Sejm-Abgeordneten bei ihrer Antwortsuche auf die „sorbische Frage“ zusammen, erkenne ich vier Eckpunkte. Erstens: Weder vom Bundestag noch von den Landesparlamenten oder von Appellen und Memoranden an die „Staatsmacht“ sind Verbesserungen zu erwarten. Die (Deutschen) „da oben“ haben bisher nicht und werden auch künftig nicht den (Sorben) „da unten“ freiwillig mehr Rechte gewähren. Politik ist immer und überall das „Spiel“ konkurrierender Interessen.
Zweitens: Es muss gegen die vorhandene Politik gekämpft werden, wenn es besser für die Sorben werden soll. Wer aufgibt, schwächt die sorbische Bewegung.
Drittens: Die Enthusiasten müssen energisch daran arbeiten, dass möglichst viele Angehörige des sorbischen Volkes die eigenen Ziele und Interessen erfassen, sich damit identifizieren. Gewiss kann der Einzelne zeitweilig einen Bogen um die Politik machen, die Politik aber wird letztlich um keinen Einzelnen einen Bogen machen.
Viertens: Wenig hilfreich ist die Überlegung einiger sorbischer Funktionäre, die Interessen des Volkes jeweils von lokalen Abgeordneten der bestehenden demokratischen Parteien vertreten zu lassen. Das wäre eher ein Akt der Selbstmarginalisierung. Es würde zudem sehr wahrscheinlich verhindern, dass die Sorben für lebensfähige Antworten auf die „sorbische Frage“ weiterhin althergebrachte Strukturen aufbrechen, Entscheidungen aus deutschen und sorbischen Amtsstuben kritisieren und juristische Regelungen ebenso wie überkommene Begriffe hinterfragen.
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Handeln wie David gegen Goliath
Zur Suche nach weiteren und stärker wirksamen Antworten auf ihren Teil der „sorbischen Frage“ werden Sejm-Abgeordnete, Unterstützer und Sympathisanten stets über die eigene Zeit hinaus denken. Das ist zwar für alle Menschen schwer, aber für die, die grundsätzliche Veränderungen erstreben, dringend erforderlich.
Mut und Kraft schöpfen viele selbstbewusste Sorben aus der biblischen Geschichte vom schwachen David und dem Riesen Goliath. David handelte anfangs wie damals üblich. Er zog ein schweres Kettenhemd an, setzte sich einen Helm auf und nahm sein Schwert. Dabei bemerkte er: „Ich kann mich kaum bewegen! So werde ich einen Kampf mit dem eindeutig stärkeren Gegner wohl auf keinen Fall gewinnen!“ Er legte die Rüstung ab, nahm ein paar Steine und seine Schleuder mit zum Kampf. Er tat also nicht, was alle taten, die es taten, weil alle es taten. Er wollte anders kämpfen, um erfolgreich zu sein. Er fand eine unkonventionelle Strategie, entschied sich bewusst dafür, nicht nach den Regeln des Stärkeren zu spielen. Das zeigt, die Ohnmächtigen sind nicht so schwach, wie man sie – mit sehr unterschiedlichen Mitteln und Methoden – machen will. Und die Mächtigen sind nicht so stark, wie sie – durch die Nutzung eben dieser Mittel und Methoden – erscheinen.
Es könnte sein, das Motto für die weitere Suche des Sejm nach tragfähigen Antworten auf die sorbische Frage ist an einem Kreuz in Chrósćicy (Crostwitz) zu finden: „Běchmy – smy – budźemy“ (Wir waren – wir sind – wir werden sein). Darin klingt das im Sejm, bei seinen Wählern und Unterstützern vorhandene Bedürfnis an, nicht zu resignieren und die Sorgen des sorbischen Volkes hartnäckig, wenn es sein muss, lautstark auszusprechen.
Was Saul Asher „Germanomanie“ nannte
Nebenbei: Auf dem Crostwitzer Kirchhof ist der sorbische Dichter Jurij Brězan (1916 bis 2006) begraben. Auf seinem Grabstein ist als Zitat aus seinem Buch „Krabat“ das Lausitzer Flüsschen Satkula erwähnt: „… wono by było hinaše morjo hdy by njepřiwzało tež wodu rěčki Satkule.“ (Es wäre ein anderes Meer, würde es nicht auch das Wasser des Baches Satkula aufnehmen.) Die Satkula durchfließt sieben Dörfer und wird schließlich Teil des Meeres, auch wenn die Atlanten das Flüsschen nicht kennen. Den Lausitzer Slawen geht es ähnlich. Sie verteilen sich über viele Dörfer und Städte, leben dort zusammen mit Deutschen. Der Globus kennt die Sorben nicht, aber es wäre eine andere Erde, würden auf ihr nicht auch Sorben leben. Deutschland wäre ärmer ohne die Lausitzer Slawen.
Für die Antwort der deutschen Seite auf den von ihr zu verantwortenden Teil der „sorbischen Frage“ sehe ich zwei Kernpunkte. Der eine besteht schlicht und ergreifend im Verzicht auf traditionelle Vorurteile. Dazu zählt an vorderster Stelle eine unheilvolle Tradition deutscher Politik, die im Alltag in einer breiten Spanne von spießerhafter Überheblichkeit bis zu rassistischer Gewalt zutage tritt.
Saul Asher (1767 bis 1822) nannte sie 1815 „Germanomanie“. Ihre extremste Form, der „Fanatismus kennt keine Grenzen bei Verfolgung der fixen Idee: alles Fremdartige von Deutschlands Boden entfernt zu sehen, worin man vielmehr einen fieberhaften Rausch als eine vernünftige Besonnenheit ahnen könnte“. Asher hoffte, eines Tages werde „in der Galerie der deutschen Verirrungen die Germanomanie eine würdige Stelle einnehmen können“. Blinder Fanatismus, das wussten schon die Aufklärer des 18. Jahrhunderts, stützt sich auf Dogmen und Aberglauben, die dazu führen, „dass man nicht nur ohne Scham und Reue, sondern sogar mit einer Art Freude und Genugtuung ungerechte und grausame Handlungen begeht“.
Der andere Kernpunkt liegt im Verständnis von Freiheit und Gleichheit als den entscheidenden Koordinaten der Menschen- und Minderheitsrechte. Wer sie nach Buchstaben und Geist verwirklichen will, darf Freiheit und Gleichheit nicht einander über- oder unterordnen, sondern muss sie gleichrangig behandeln.
Der oft zu hörende Streit, ob Freiheit oder Gleichheit wichtiger sei, ist sinnfrei. Man streitet ja auch nicht, ob die x- oder die y-Achse im Koordinatensystem wichtiger sei bzw. ob für die Berechnung einer Fläche Höhe oder Breite bedeutsamer sei. Wer Freiheit über Gleichheit stellt, erreicht Rechte für wenige wirtschaftlich und finanziell Privilegierte. Das schränkt soziale Menschenrechte ein. Wer Gleichheit über Freiheit stellt, ermöglicht soziale Menschenrechte für viele. Das schränkt die bürgerlichen Menschenrechte ein. In dem einen wie in dem anderen Fall wird die Universalität der Menschenrechte verletzt.
Mitglieder vom Sorbischen Folkloreensemble Höflein und der Volkstanzgruppe Schmerlitz tanzen im Rahmen des XV. Internationalen Folklorefestivals Łužica-Łužyca-Lausitz auf der Straße.
© Robert Michael/dpa
Die Lausitzer Slawen sind Staatsbürger der Bundesrepublik. Aus mehreren, vom deutschen Staat ratifizierten Abkommen ergeben sich Rechte für die Sorben. Der Staat sollte sie gewährleisten, indem er sie in ihrem Sinne interpretiert. Der deutsche Staat kann und soll nicht das „Lebensglück“ seiner Bürger bewirken. Aber er kann und muss politisch, juristisch und alltagspraktisch, die Voraussetzungen schaffen, dass die Würde jedes Bürgers de jure und de facto geachtet und geschützt wird. Was dem entgegensteht, ist abzuschaffen.
Der Philosoph Giovanni Pico della Mirandola (1463 bis 1494) verstand Würde als die objektiv gegebene Möglichkeit und die subjektive Fähigkeit, dass Menschen ihr Leben selbst bestimmen können. Ich sehe darin eine tragfähige Grundlage für ein langfristiges, umfassendes innenpolitisches Konzept zur Ausgestaltung der Rechte der Lausitzer Slawen. Ein solches Konzept würde zugleich die Maßnahmen zur Unterstützung deutscher Minderheiten im Ausland sinnvoll ergänzen, die vom Auswärtigen Amt, von mehreren Beauftragten der Bundesregierung und durch die vom Bundesministerium des Innern 1991 gegründete AG „Deutsche Minderheiten in Europa“ gefördert werden.
Eine besondere Rolle käme bei der deutschen Antwortsuche auf die „sorbische Frage“ den Medien zu. Sie sind eine wichtige Verbindungs-, unter Umständen aber auch eine Bruchstelle zwischen individuellem Verhalten und gesellschaftlichen Verhältnissen. Eine ihrer Aufgaben ist es, im Interesse der Bürger, hier insbesondere der Sorben, die Politik zu hinterfragen. Ich halte dafür drei Fragenkomplexe für besonders zielführend, um neue deutsche Antworten auf die „sorbische Frage“ zu finden.
Erstens: Stärken die politisch Verantwortlichen mit ihrem Tun Selbstbestimmung oder Ohnmacht der Menschen, Mündigkeit und Urteilsfähigkeit oder Gehorsam und Anpassung?
Zweitens: Bewirken die politisch Verantwortlichen mit ihrem Tun, dass die individuellen Freiheitsrechte und die politischen Mitwirkungsrechte ganzheitlich oder partiell realisiert werden?
Drittens: Handeln die politisch Verantwortlichen mit ihrem Tun so, dass die Wirtschaft als Mittel für gesellschaftspolitische Ziele oder als Selbstzweck geleitet wird?
Die Antworten lassen erkennen, in welchem Maß die Rechte der Bürger, hier insbesondere der Sorben, in der BRD Norm (d. h. Standard, Regel, Richtschnur) oder Anspruch (d. h. Verlangen, Anrecht, Prämisse, Forderung) oder Illusion (d. h. Selbsttäuschung, Trugbild, Luftschloss, Fantasiegebilde) sind.
Sorbisches Mädchen in Festtagstracht
© fototraube.de/Imago
Alle Veränderungen beginnen im Kopf
Die Antwort der deutschen Seite auf die „sorbische Frage“ muss es politisch, rechtlich und ideell ermöglichen, dass die Lausitzer Slawen sich integrieren können, ohne sich assimilieren zu müssen. In diese Richtung ist die politische Kultur in der Bundesrepublik zu bessern. Alle grundlegenden Veränderungen beginnen im Kopf! Viele Menschen denken und fühlen heute schon, sie lebten nicht zukunftsgerecht, nicht enkeltauglich. Einige werden Distanz, Desinteresse oder Unkenntnis bei dieser Antwortsuche ebenso ablegen wie Krokodilstränen oder blasierte Selbstgewissheit.
Oder aber es ist der Tag zu befürchten, an dem nicht nur die „Anderen“, sondern wir alle merken, dass „plötzlich“ Rechte einer bestimmten Gruppe von Menschen nichts mehr gelten und wir uns mit verwundertem Augenreiben hilflos fragen, warum wir die Zeit, als das noch abzuwehren war, verschlafen haben. Die Suche nach einer deutschen Antwort auf die „sorbische Frage“ kommt nicht durch eine himmlische Sendung, sondern als irdisches Ergebnis politischer Auseinandersetzungen.
Bei ihrer Suche nach zeitgemäßen Antworten auf die „sorbische Frage“ sind Lausitzer Slawen und deutsche Demokraten nicht allein. Überall zwischen Hammerfest und Albufeira, zwischen Reykjavík und dem Ural leben ethnische Minderheiten, deren Existenz durch Entscheidungen der Mehrheitsgesellschaften gefährdet ist. Darin ist für sie ein warnendes Muster verborgen. Die kleinen Völker Europas sind wie Möwen, die ein gewaltiger Sturmwind von ihrem Zuhause entfernt. Mehrheiten, die – gewollt oder nicht – eine Entheimatung der bei, mit und neben ihnen lebenden Minderheiten bewirken, stehen in der Gefahr, dasselbe Schicksal zu erleiden.
Deutsche und Lausitzer Slawen können von der Gewissheit ausgehen: Nichts wird so bleiben, wie es ist. Eine Raupe, die sich nicht verpuppen will, wird niemals zu einem Schmetterling. Politiker, die nur und immer den Fortbestand der Verhältnisse anstreben, wollen nur scheinbar Wohlstand und Stabilität, bewirken jedoch tatsächlich Notstand und Stagnation.
Peter Kroh, 1944 in Namslau (Schlesien) geboren, Enkel und Biograf des sorbischen Poeten, Journalisten und Minderheitenpolitikers Jan Skala, veröffentlichte 2014 das Buch „Minderheitenrecht ist Menschenrecht. Sorbische Denkanstöße zur politischen Kultur in Deutschland und Europa“.
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