Spitzentechnologie

„Vorsprung komplett abgeschmolzen“ – die Lehren für Deutschland aus der Semicon

Auf der Rekordmesse in Taipeh spricht diese Zeitung mit Unternehmern über Chips, Politik und die Frage, was wir vom asiatischen Wirtschaftsraum lernen können.

6 Min
Ein humanoider und ein autonom fahrender Roboter des taiwanesischen Herstellers Mirle auf dem Messegelände

Ein humanoider und ein autonom fahrender Roboter des taiwanesischen Herstellers Mirle auf dem Messegelände

© Walid Berrazeg/IMAGO

Die Hallen der Semicon Taiwan sind voller als je zuvor. 1300 Aussteller, rund 4300 Stände, mehr als 100.000 Fachbesucher aus 65 Nationen – die wichtigste Halbleiter-Messe Asiens bricht in diesem Jahr alle Rekorde.

Die OMH, zu der die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung gehören, ist live vor Ort und läuft durch ein Gedränge aus Ingenieuren, Managern und Wissenschaftlern. Überall Roboterarme, digitale Zwillinge, Präsentationen zu Künstlicher Intelligenz, die als Treiber der gesamten Branche gilt. Es ist die Aufbruchsstimmung einer Industrie, die alles antreibt: vom Smartphone über das Auto bis zum KI-Rechenzentrum.

Wer mit den Menschen an den Ständen spricht, hört zwischen den Zahlen aber auch eine leise Sorge. Vor allem, wenn die Gesprächspartner aus Deutschland kommen.

Am deutlichsten wird ein Unternehmer, der einen Standort in Bayern und einen in Sachsen betreibt und lieber anonym bleiben möchte. Er ist geschäftsführender Gesellschafter eines Systemintegrators mit rund 400 Mitarbeitern, spezialisiert unter anderem auf Fertigungsautomatisierung im Halbleiterbereich. Seine Diagnose fällt nüchtern aus.

Rund 100.000 Besucher zieht die Fachmesse dieses Jahr in die Hallen von Taipeh: Die OAZ ist mit vor Ort.

Rund 100.000 Besucher zieht die Fachmesse dieses Jahr in die Hallen von Taipeh: Die OAZ ist mit vor Ort.

© Lennart Zielke/Ostdeutsche Allgemeine Zeitung

„Wir haben keinen Vorsprung mehr. Wir hatten vor zehn Jahren noch einen großen Vorsprung“, sagt er. „Aber der ist abgeschmolzen. Der ist komplett abgeschmolzen.“ Besonders die chinesischen Wettbewerber hätten aufgeholt – und zwar rasant. „Die optimieren mittlerweile. Wenn man sieht, was die auf den Markt bringen, muss man oft sagen: Respekt.“

Konkret werden die Zahlen, die er nennt: Chinesische Marktbegleiter könnten in der Regel 30 bis 50 Prozent günstiger produzieren. „Wir tun uns generell schwer, wenn wir im asiatischen Raum an Projekte rangehen“, schildert der Unternehmer. Kompensieren lasse sich das derzeit nur über den kompletten Lebenszyklus einer Anlage – Service, Wartung, Ersatzteile – und über Normungskompetenz. Aber auch hier holten die Konkurrenten auf: „Die Leute sind gut, sie lernen schnell.“

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Hohe Löhne sind nicht das Problem

Was also kann man vom asiatischen Wirtschaftsraum lernen? Für den Unternehmer beginnt vieles beim Mindset. „Schauen Sie mal her, das sind alles junge Leute“, sagt er mit Blick auf die Belegschaften vor Ort. Ehrgeizig, diszipliniert, lösungsorientiert. In Deutschland sieht er das Potenzial durchaus – die Absolventen kämen mit guter Ausbildung aus den Hochschulen. Doch es fehle an den richtigen Anreizen: „Man muss die Leute auch dahin bringen.“ Lösungskompetenz entstehe erst im Job, und dazu brauche es den Wunsch, sich weiterzuentwickeln.

Engagieren sich für weitere Ansiedlungen im Sachsenland (v.l.): Thomas Horn, Chef der Wirtschaftsförderung, Wirtschaftsminister Dirk Panter, Eva Langerbeck von der Außenhandelskammer und Frank Bösenberg, Geschäftsführer des Branchennetzwerks Silicon Saxony.

Engagieren sich für weitere Ansiedlungen im Sachsenland (v.l.): Thomas Horn, Chef der Wirtschaftsförderung, Wirtschaftsminister Dirk Panter, Eva Langerbeck von der Außenhandelskammer und Frank Bösenberg, Geschäftsführer des Branchennetzwerks Silicon Saxony.

© Lennart Zielke/Ostdeutsche Allgemeine

Ein überraschender Punkt betrifft die Löhne. Wer glaubt, Deutschland verliere allein über die Kosten, irrt sich. „Wenn man das Lohnniveau in Asien anschaut, ist das mittlerweile besser als bei uns.“ Ein Elektroingenieur in Singapur verdiene teilweise mehr als sein deutscher Kollege – abhängig von Ausbildung und Lösungskompetenz. Genau deshalb investiere seine Firma im asiatischen Raum.

Sein Wunsch an die Politik ist klar: mehr Geld in Bildung, mit Schwerpunkt auf Naturwissenschaften, Technik und Handwerk – jene Bereiche, „die am Ende die Volkswirtschaft am Laufen halten“.

Die harten Standortfaktoren

Dazu kommen die bekannten Bremsen. Die Energiekosten seien für das produzierende Gewerbe „ein wirklich harter Knochen“ und mit Asien nicht vergleichbar. Solange man vor allem Ingenieursleistung erbringe, falle das weniger ins Gewicht. „Aber wenn du anfängst zu produzieren und Maschinen Tag und Nacht betreiben musst, gehen die Betriebskosten schon stark rein.“ Und die Bürokratie? „Von Papier brauchen wir gar nicht reden.“

Chip-Arbeiter im Reinraumanzug: Ohne Mikroelektronik geht in der Weltwirtschaft nichts mehr.

Chip-Arbeiter im Reinraumanzug: Ohne Mikroelektronik geht in der Weltwirtschaft nichts mehr.

© Hwa Cheng/AFP

Auch am Stand eines renommierten deutschen Herstellers aus der optischen Industrie klingt die Warnung durch. Ein Mitarbeiter beziffert den technologischen Vorsprung des Unternehmens auf fünf bis sieben Jahre – und schränkt zugleich ein: „Es ist keine Frage, ob wir eingeholt werden, sondern wann. Noch aber haben wir eine gute Position.“

Die sächsische Gegenerzählung

Doch es gibt auch Zuversicht, und sie kommt vor allem aus Sachsen. Der Freistaat ist mit einer großen Delegation angereist. Dresden sei das fünftgrößte Produktionscluster der Welt, betont Wirtschaftsminister Dirk Panter, er ist bereits zum dritten Mal in einem Jahr in Taiwan. „Nichts funktioniert mehr ohne Halbleiter. Wir müssen als Deutschland und als Sachsen dabei sein.“ Rund 20 weitere Firmen hätten Ansiedlungen in Dresden angekündigt oder umgesetzt. Und die Bürokratie? „Deutsche Regulierung kann ein bisschen anstrengend sein. Aber wir versuchen, alles möglich zu machen.“

Frank Bösenberg, Geschäftsführer von Silicon Saxony, ist zum zehnten Mal in Folge dabei. „Die Messe wächst jedes Jahr weiter.“ In Sachsen gehe es in die richtige Richtung – entscheidend sei aber Ausdauer: „Das ist kein Kurzstreckenlauf, wichtig ist Kontinuität.“ Am deutschen Stand sind mehr als 30 Firmen aktiv. „Das ist noch Luft nach oben für mehr Akteure.“

Kommunikation: Der Mensch zwischen der Technik

Am Ende, das zeigt die Semicon deutlich, entscheiden nicht nur Technik und Kosten. „Die Welt ist wirklich klein“, sagt der anonyme Unternehmer und beschreibt, wie wichtig das Networking auf solchen Messen ist – die gegenseitige Unterstützung unter befreundeten Firmen.

Sie verringert kulturelle Reibungspunkte zwischen Geschäftspartnern: die Dresdner Unternehmerin Annegret Pille-Hentschel im Gespräch mit OAZ-Redakteur Lennart Zielke.

Sie verringert kulturelle Reibungspunkte zwischen Geschäftspartnern: die Dresdner Unternehmerin Annegret Pille-Hentschel im Gespräch mit OAZ-Redakteur Lennart Zielke.

© Lennart Zielke/Ostdeutsche Allgemeine

Diesen Gedanken vertieft Annegret Pille-Hentschel, Geschäftsführerin von CrossWorld Bridges, die zum ersten Mal in Taipeh ist. „Am Ende arbeiten immer noch Menschen miteinander.“ Wer nur ins Englische übersetze und hoffe, dass alles gut gehe, komme nicht weit. Es gehe um das Bewusstsein für Unterschiede: „Ein Ja bedeutet noch nicht unbedingt ein Ja.“

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus Taipeh: Der Vorsprung mag geschmolzen sein. Aufholen aber lässt sich – mit Ehrgeiz, klugen Anreizen und der Bereitschaft, genau hinzusehen.

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