Nach der Veröffentlichung von Daten der Berliner Verwaltung durch Cyberkriminelle warnt das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) vor einer erhöhten Bedrohungslage – insbesondere mit Blick auf die anstehende Wahl in der Hauptstadt. „Das BSI weist explizit darauf hin, dass sich aus der Veröffentlichung gestohlener Daten verschiedene Risiken für die Betroffenen und letztlich für die Gesellschaft ergeben können“, teilte ein Sprecher der Behörde mit.
Für den politischen Raum bestehe insbesondere vor Wahlen die Gefahr sogenannter Hack-and-Leak-Operationen, so das BSI. Dabei würden gestohlene Dokumente oder E-Mails zu einem für die Angreifer günstigen Zeitpunkt veröffentlicht und mitunter in einen falschen Zusammenhang gerückt. In Berlin wird am 20. September ein neues Abgeordnetenhaus gewählt.
Behörde vermutet finanzielles Motiv
Eine politische Absicht der Täter vermutet das BSI nach eigenen Angaben jedoch nicht. Die Behörde gehe davon aus, dass die Tat „ausschließlich finanziell motiviert“ gewesen sei. Zudem verweist das Bundesamt auf ein erhöhtes Risiko gezielter Phishing-Angriffe. Insbesondere Menschen, die in Kontakt mit betroffenen Personen oder Institutionen gestanden hätten, sollten besonders aufmerksam sein. „Darüber hinaus können Daten, die Informationen zu kritischen Infrastrukturen, Unternehmen und Organisationen enthalten, je nach Sensibilität der Daten ebenfalls eine Erhöhung der Bedrohungslage bewirken“, warnte das BSI.
Auch Leitfaden zur Zivilen Verteidigung im Datensatz
Unter den veröffentlichten Dokumenten befindet sich auch der „Leitfaden Zivile Verteidigung im Land Berlin“ der Senatsverwaltung für Inneres und Sport mit Stand vom 1. August 2025. Das Papier beschreibt die Struktur der Zivilen Verteidigung in der Hauptstadt und benennt die zum 1. Januar 2025 neu eingerichtete Arbeitsgruppe Zivile Verteidigung und Zivil-Militärische Zusammenarbeit sowie die dort angesiedelte Koordinierungsstelle als Bindeglied zum Bundesinnen- und Bundesverteidigungsministerium.
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Zu den im Leitfaden benannten Aufgaben der Arbeitsgruppe zählen unter anderem die Umsetzung des Operationsplans Deutschland, die Erstellung eines Schutzraumkonzeptes, die Rahmenplanung für Evakuierung und Betreuung sowie die Erfassung schutzbedürftiger ziviler Objekte. Der Leitfaden verweist zudem auf ein bis zum 1. Januar 2026 geplantes Rahmenkonzept zur Abwehr chemischer, biologischer, radiologischer und nuklearer Gefahren.
Der Investigativjournalist Lars Winkelsdorf sprach auf der Plattform X von einer massiven Sicherheitspanne mit staatsgefährdender Dimension. Nach seiner Darstellung seien unter den Dokumenten auch Unterlagen zum Verteidigungsfall, Angaben zu geschützten Kommunikationswegen der Bundesregierung sowie behördliche Notfallpläne, die nun frei zugänglich seien.
IT-Experte wirft Berlin grobe Fahrlässigkeit vor
Scharfe Kritik am Umgang der Berliner Verwaltung mit sensiblen Unterlagen kommt vom IT-Sicherheitsberater Manuel Atug. „Das Land Berlin hat grob fahrlässig gehandelt und vorsätzlich die Geheimschutz-Vorgaben nicht eingehalten“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Für die Speicherung und Verarbeitung von Verschlusssachen gälten sehr strenge Vorschriften und mehrere Sicherheitsstufen. Diese seien offenbar nicht ausreichend angewandt worden. Er sei darüber schockiert und sprachlos, sagte Atug, der Gründer und Sprecher der unabhängigen AG Kritis ist.
Atug erklärte, er sei 2023 und 2025 als Sachverständiger in den Berliner Innenausschuss geladen worden und habe bereits damals auf eklatante Sicherheitslücken hingewiesen. Er habe die Zuständigen aufgefordert, sich dringend um ihre Sicherheitsprozesse zu kümmern, und vor schweren Folgen einer Vernachlässigung gewarnt. „Genau das ist jetzt eingetreten.“
AfD-Fraktionschefin fordert Aufklärung
Die Vorsitzende der AfD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Kristin Brinker, forderte eine rasche Aufklärung des Vorfalls. „Das ganze Ausmaß dieser IT-Katastrophe ist derzeit noch gar nicht zu überblicken2, erklärte sie. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) habe die Berliner belogen, als er am 20. August gesagt habe, es seien keine sensiblen Daten betroffen. Tatsächlich sei „offenbar die Sicherheit des gesamten Landes bedroht“.
Wegner und Innensenatorin Iris Spranger (SPD) müssten nun unverzüglich öffentlich Rede und Antwort stehen, verlangte Brinker. Der Vorfall zeige zudem, dass „der Datenhunger des Staates eingehegt werden muss“. Wenn Regierung und Verwaltung nicht in der Lage seien, die Daten der Bürger wirksam zu schützen, müssten sie ihre Anforderungen auf ein Minimum beschränken. „Daten, die nirgendwo gespeichert sind, können auch nicht gehackt werden.“
Lösegeldforderung von rund zwei Millionen Euro
Die Berliner Verwaltung hatte den am 14. August bekanntgewordenen Cyberangriff bestätigt. Die kriminelle Hackergruppe Rhysida forderte nach eigenen Angaben ein Lösegeld von 30 Bitcoin, umgerechnet rund zwei Millionen Euro. Der Berliner Senat erklärte, nicht zahlen zu wollen. Nach dem Verstreichen einer Frist am Freitagnachmittag setzte die Gruppe ihre Drohung um und stellte ein 5,8 Terabyte großes Datenpaket im Darknet online. (mit dpa)
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