Vielleicht sollte es nur eine locker-flockige Einleitung sein, als RBB-„Abendschau“-Moderator Sascha Hingst am Dienstagabend einen Beitrag über einen neuen DDR-Escape-Room ankündigte. Vielleicht denke der Zuschauer bei „DDR-Escape-Room“ zunächst, das sei sarkastisch gemeint, sagte er. „Weil ja irgendwie die ganze DDR ein Escape-Room war – alle wollten raus.“
Das hatte gesessen. Und mir die Sprache verschlagen. Wen, bitte schön, meinte der Moderator mit der „ganzen DDR“?
Kurz darauf wurde der mobile Escape-Room für Schulen vorgestellt. Jugendliche sollen darin die „wahre DDR“ des Jahres 1989 erleben. Gezeigt wurde das bekannte Bild: Stasi-Überwachung, Mangelwirtschaft, Konsequenzen für die falsche Musik. Ein Schüler wurde gezeigt, der sich offensichtlich gruselte: weil die Stasi jederzeit hereinkommen könne. Hört, hört!
Unter den Linden: Der vergessene Tunnel vor der Staatsoper wird abgerissen
Kleine Tochter bleibt ohne Mutter: Familie von getöteter 24-Jähriger sammelt Spenden
Ich bin ein Kind des Ostens. Geboren und aufgewachsen in Berlin Friedrichshain. Bei uns zu Hause lief Westfernsehen, im Radio nicht ausschließlich der Rundfunk der DDR. Zu essen hatten wir immer genug. Sicher konnten wir nicht nach Mallorca oder Italien fliegen. Dafür ging es an die Ostsee, in den Thüringer Wald, nach Ungarn oder in die ČSSR.
Natürlich lebte ich in Berlin, wo es in den Regalen mehr gab als in vielen anderen Teilen der Republik. Natürlich gab es Menschen, die aus der DDR fliehen wollten und dafür im Gefängnis landeten oder ihre Flucht mit dem Leben bezahlten. Natürlich war die DDR eine Diktatur, in der der Staat seine Bürger überwachte und politische Freiheit massiv beschränkte.
Aber neben Stasi und Mangel gab es eben auch noch etwas anderes: Alltag. Viele loben heute noch die soziale Sicherheit. Oder das Gesundheitssystem, das – bei allen Defiziten – mit seinem Netz aus Polikliniken funktionierte. Es gab eine Kinderbetreuung, die nichts kostete. Es gab Familien, Freundschaften, Ferien, Geburtstage, erste Liebe, Streit und Versöhnung. Es gab ein Leben.
Tote Briefkästen mit Infos in Geheimsprache
Ein Leser dieser Zeitung schrieb der Redaktion nach dem „Abendschau“-Beitrag, es sei nicht mehr auszuhalten, „wie Westler versuchen, unser Leben darzustellen“. Er spricht mir aus dem Herzen. Dabei ist Sascha Hingst gar kein Westler. Er wurde, wie ich, in Ost-Berlin geboren.
36 Jahre nach ihrem Untergang wird die DDR noch immer gern in zwei Dimensionen erzählt. Täter und Opfer. Stasi und Widerstand. Mangel und Flucht. Alles richtig – aber eben nicht alles.
Ich weine der DDR keine Träne nach. Im Gegenteil. Ich bin froh, dass sie Geschichte ist. Aber sie gehört zu meiner Biografie. Und wenn jemand wissen möchte, wie meine Kindheit und Jugend dort aussahen: Sie waren schön, auch wenn meine Eltern keine SED-Bonzen waren. Wir hatten keine Westverwandtschaft, die uns mit dicken Care-Paketen versorgte. Ich wuchs ohne Fa-Seife und ohne Barbie-Puppen auf.
„Der Stadt Berlin ist es völlig egal, wer ihr Bürgermeister ist“: Polak und Beisenherz über Berlin-Wahl
„Es sollte nicht verpflichtend sein, Menschen zu töten“: Was junge Erstwähler in Marzahn beschäftigt
Und trotzdem hatte ich Spaß. Meine Freunde und ich kletterten auf Bäume. Wir bespickten tote Briefkästen mit Zetteln, auf denen wir uns in Geheimschrift Nachrichten hinterließen. Wir hatten unsere kleinen Geheimnisse, unsere Abenteuer, unsere eigene Welt. Das war unsere Freiheit. Nicht unser Gefängnis.
Natürlich könnte man auch daraus wieder eine typische DDR-Geschichte machen, die ins heutige Erklärungsmuster passt: Einer dieser Schlauberger könnte behaupten, wir seien mit unseren chiffrierten Nachrichten schon als Kinder auf den Dienst bei der Stasi vorbereitet worden.
Oder uns in einen Escape-Raum packen. Ohne mich.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]