Insolvenz

Trotz 80 Millionen Euro Steuergeld: 440 Arbeitsplätze in Leuna futsch

Nachdem am Sonntag die Frist für die Investorensuche für Domo Chemicals abgelaufen ist, steht fest: Die Geldspritze des Landes half am Ende nichts.

6 Min
Ein Mitarbeiter von Domo Chemicals blickt auf die Silos, er dürfte bald arbeitslos werden.

Ein Mitarbeiter von Domo Chemicals blickt auf die Silos, er dürfte bald arbeitslos werden.

© Jan Woitas/dpa

Die Domo Chemicals-Insolvenz im Chemiepark Leuna im Frühjahr dieses Jahres hatte bereits schlimme Befürchtungen aufkommen lassen. Das Unternehmen musste – offiziell aus Gründen der Gefahrenabwehr für die Umwelt – gerettet werden, sagte die sachsen-anhaltinische Landesregierung damals. Als man die belgische Chemiefirma mittels einer neu gegründeten Gesellschaft vor dem Aus bewahrte, sollte mit fast 80 Millionen Euro Steuergeld ein Notbetrieb aufrechterhalten werden, um Zeit für die Investorensuche zu gewinnen.

Die Auffanggesellschaft Leuna Polyamid (als GmbH getragen von der Infra Leuna und der Firma Leuna Harze) musste jedoch bereits nach zwei Monaten ebenfalls die (drohende) Zahlungsunfähigkeit anmelden. Man nannte im Juni die drastisch gestiegenen Rohstoff- und Energiepreise als Grund für die Insolvenzanmeldung. Eine schwache Nachfrage und Billig-Importe aus China traf auf massiv gestiegene Erdgaspreise. Ab Juni gingen diese nochmals steil nach oben.

Nach dem endgültigen Scheitern der Investorensuche für eine der größten Produktionsanlagen am Chemiestandort Leuna bangen nun die rund vierhundert Beschäftigte um ihre Zukunft. Zugleich stellt sich jedoch die Frage, was das Ende der Produktion des Chemiewerks, das hauptsächlich Kunststoff (vor allem für die schwächelnde Automobil- und Textilindustrie) und Ammoniumsulfat als Dünger für die Landwirtschaft herstellt, für den Chemiepark Leuna und das mitteldeutsche Chemiedreieck bedeutet.

Produktion läuft noch bis Ende September

Martin Naundorf, Geschäftsführer der insolventen Leuna Polyamid GmbH, die das Werk von Domo Caproleuna übernommen hatte, sagte der Deutschen Presseagentur (dpa), dass  die Mitarbeiter des Unternehmens am Montag informiert wurden. „Wie geht es einem damit, wenn man weiß, dass man Verantwortung für 440 Leute trägt, für Familien, die da dranhängen? Schön ist anders“, wird Naundorf zitiert.

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Sofort Schluss sei für die Mitarbeiter des Unternehmens aber dennoch nicht. Für die nun anstehende komplette Stilllegung und den möglichen Rückbau des Chemiewerks brauche es die Erfahrung der Belegschaft. Es brauche Leute, „die wissen, was passiert, wenn ich bei der Anlage den Ausschalter drücke. Die wissen, was auch mit dem Material passiert, was da vier Wochen im Tank liegt.“ So ist der Geschäftsführer überzeugt, dass ein Großteil der Belegschaft noch eine ganze Weile gebraucht wird.

Noch bis Ende September wird laut Unternehmen produziert. Binnen 15 bis 20 Tagen werde dann der Betrieb heruntergefahren. Doch auch danach sei noch Material in den Rohrleitungen, Strom liege an, es wird Wärme benötigt, um bestimmte chemische Prozesse in einem gefahrlosen Zustand zu halten. Es dürfte Monate dauern, sämtliche Anlagen zu entleeren und zu reinigen und Infrastrukturzufuhren abzuklemmen.

Blick auf die Anlagen von Domo Chemicals, zuletzt Leuna Polyamid, im Chemiepark Leuna. Die Abschaltung könnte zu Verwerfungen führen.

Blick auf die Anlagen von Domo Chemicals, zuletzt Leuna Polyamid, im Chemiepark Leuna. Die Abschaltung könnte zu Verwerfungen führen.

© Jan Woitas/dpa

Leuna Polyamid: Strategischer Verbundpartner fällt aus

Ein vollständiger Rückbau könnte Jahre dauern, schätzt Naundorf. Das Aus für das Chemiewerk ist dennoch ein weiterer Schlag für die Region, nachdem bereits der US-Konzern Dow Chemical angekündigt hatte, Teile seiner Anlagen in Schkopau und den sogenannten Cracker im sächsischen Böhlen Ende 2027 zu schließen.

Leuna Polyamid sei ein „wichtiger strategischer Partner am Verbundstandort Leuna“, teilt das Magdeburger Wirtschaftsministerium mit. Aus der landeseigenen Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt (IMG) gab es keinerlei Äußerungen auf die Frage nach der Unterstützung bei der Investorensuche.

Die konkreten Auswirkungen eines Produktionsstopps sind derweil noch unklar. Naundorf befürchtet: „Eine Stilllegung der Anlagen wird Auswirkungen auf den Chemiestandort Leuna sowie die Chemieregion Mitteldeutschland haben.“ Denn ein Ende der Produktion habe mögliche Auswirkungen für mehrere Unternehmen am Standort, so Naundorf zur Presseagentur. Das Chemiewerk beziehe Lieferungen von der nahegelegenen Total-Raffinerie. Gleiches gelte für den Standort der Linde AG, die in Leuna technische Gase an andere Unternehmen liefert.

Infra Leuna will zu Folgen noch nichts sagen

Zu möglichen Auswirkungen auf den Chemiestandort Leuna könne man auch seitens der Infra Leuna derzeit noch keine belastbare Einschätzung abgeben, erklärte Sprecherin Claudia Herrmann. „Aktuell führen wir Gespräche mit den beteiligten Akteuren und analysieren die sich aus der Entwicklung ergebenden Konsequenzen. Erst auf Basis dieser Informationen ist eine fundierte Bewertung möglich. Wir bitten daher um Verständnis, dass wir uns erst im Laufe dieser Woche zu den möglichen Auswirkungen äußern werden“, so die Infra Leuna-Mitarbeiterin.

Ein konkretes Problem könnte die künftige Versorgung mit Ammoniak für weitere Unternehmen am Standort werden, die bislang die Infrastruktur von Leuna Polyamid nutzen, erklärt Naundorf. Dafür betreibe man eine Entladung, ein Tanklager und ein kleines Pipeline-Netz. Konkret gehe es nun beispielsweise darum, ob diese Technik irgendwie weiterbetrieben werden könne. Eine ersatzlose Stilllegung wäre die schlechteste Lösung, weil betroffene Unternehmen dann entsprechend ihre ammoniakbasierten Produktschienen quasi einstellen müssten.

Naundorf sagte, er sei trotz chinesischen Konkurrenzdrucks überzeugt, dass eine Auslastung des Standorts möglich wäre: „Wir hatten dafür Kunden, wir hatten dafür den Markt und wir hatten auch eine Perspektive für auskömmliches Wirtschaften. Uns hat lediglich die Liquidität gefehlt.“ Es brauche jemanden, der mal zwei Wochen Marktflaute aushalte oder Material auf Lager produzieren kann, um es dann im Folgemonat zu guten Preisen zu verkaufen. Natürlich spielte das Preisdumping der Chinesen in diesem Bereich dennoch eine große Rolle.

Chemiepark Leuna mit der TotalEnergies Raffinerie Mitteldeutschland, die durch das Aus von Leuna Polyamid einen Abnehmer verliert.

Chemiepark Leuna mit der TotalEnergies Raffinerie Mitteldeutschland, die durch das Aus von Leuna Polyamid einen Abnehmer verliert.

© IMAGO/Mario Hänsel

IHK-Chef: Prinzip von Chemieparks nicht infrage stellen

Prof. Thomas Brockmeier, Hauptgeschäftsführer der IHK Halle-Dessau fand drastische Worte zum Aus für die Leuna Polyamid: „Bitter. Wir hatten große Hoffnungen in die Nachfolgelösung gesetzt. Da waren Akteure aus der Region aktiv, die sich über Jahre kannten.“ Einer der Gesellschafter sei mit viel persönlichem Kapital reingegangen, um den Standort vorübergehend zu sichern. Es brauche nun Nachfolgeperspektiven für die vielen Beschäftigten vor Ort.

Man müsse aber auch über die Auswirkungen auf den Stoffverbund und die Kostenstrukturen anderer Unternehmen vor Ort sprechen. „Die hohe Intensität des internationalen Wettbewerbsdrucks auf die deutsche Chemie wird hier deutlich. Mit Chinas Kostenstrukturen können wir nicht mithalten“, so Brockmeier.

Er sehe trotz der Insolvenz des Domo-Nachfolgers nicht das grundsätzliche Prinzip der Chemieparks infrage gestellt. „Der Standort wird nicht untergehen - dort sind 15.000 Beschäftigte in mehr als hundert Unternehmen am modernsten Chemiestandort Europas beschäftigt. Es kommt in konkretem Fall nun darauf an, die Verbundstrukturen zu sichern und wichtige Nahtstellen zu erhalten. Und wir sollten immer auch die industrielle Nachnutzung auf dem Schirm haben. Die Stoffströme müssen völlig neu organisiert, wirtschaftlich nutzbare Anteile gesichert werden, um attraktiv für weitere Investoren zu bleiben“, verdeutlicht Brockmeier.

Drei wichtige Aufgaben stehen vor den Verantwortlichen

Die Verflechtungen seien enorm: Benzol aus der Total-Raffinerie oder technische Gase von Linde seien Zulieferprodukte, die nun anderweitig verkauft werden müssten. Andere Anbieter bräuchten dringlich das bei Leuna Polyamid produzierte Caprolactam als Grundstoff für vielfältige Perlon- beziehungsweise Polyamid-6-Produkte und Konstruktionskunststoffe.

Vor den Verantwortlichen lägen nun drei Kernaufgaben: „Man muss den Stoff- und Infrastrukturverbund sichern, eine tragfähige Lösung zum Erhalt industrieller Substanz erarbeiten und nach vorn schauen, um neue Wertschöpfung zu generieren“, so Brockmeiers Sicht auf die schwierige Situation. (mit dpa)

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