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Böser Russe, guter Russe

Was der Krieg gegen die Ukraine mit dem Verhältnis zwischen Deutschen und Russen macht – eine ganz persönliche Sicht.

Andrea-Yvonne Müller
8 Min
Demonstrant vor dem Russischen Haus in Berlin

Demonstrant vor dem Russischen Haus in Berlin

© Stefan Boness

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Es war der Geruch, der mir bis heute in der Nase steckt. Die langen, schweren Uniformmäntel der Soldaten der Roten Armee in meiner thüringischen Heimatstadt Gotha rochen nach feuchtem Filz, nach Schweiß, nach Anstrengung, nach Öl und irgendwie nach Soldat.

Ich war ungefähr zehn Jahre alt und war eingeladen zu einem offiziellen Treffen junger Pioniere mit Sowjetsoldaten, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges als Sieger und eine der vier Mächte auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR stationiert waren. Die jungen Männer sprachen kaum, aßen schweigend, verfolgten die Reden, an die ich mich nicht erinnere, und verschenkten uns jungen Pionieren in den weißen Hemden mit blauen Halstüchern anschließend Füllfederhalter. Es waren viel mehr Soldaten als Pioniere. An jenem Nachmittag bekam ich 30 Federhalter geschenkt, die ich allesamt bewunderte wie einen Schatz aus einer anderen Welt, Nun, es waren Federhalter aus der UdSSR. Wir schrieben die Siebzigerjahre.

Damals sprach ich noch kein Wort Russisch, aber als ich endlich in die fünfte Klasse kam, übte ich schon in den Sommerferien davor die ersten kyrillischen Buchstaben. Ich schrieb mit dem sowjetischen Füller deutsche Worte in den seltsamen Zeichen, die in meiner kindlichen Fantasie manchmal an einen Schmetterling erinnerten (Ж), dann wieder an eine Schnecke (Ю). Ganze Hefte schrieb ich so voll in der Überzeugung, nun schon etwas Russisch zu beherrschen.

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Eine falsche Betonung hat verheerende Folgen

Die Sprache stellte sich wenig später als deutlich komplizierter heraus mit ihren sechs Fällen und stets unterschiedlicher Betonung. Besonders einprägsam ist dabei unter anderem das russische Wort für Schreiben: Писать. Die Betonung auf der falschen Silbe ist verheerend und steht beispielhaft, wie schnell uns Russen falsch verstehen können. Denn statt um harmloses „Schreiben“ geht es plötzlich ums „Pinkeln“.

Andererseits gibt es im Russischen sehr viele Lehnwörter aus dem Deutschen, genannt seien Butterbrot, Rucksack, Buchhalter oder Kurort. Auch Eisberg, Ablaut oder Bruderschaft gehören dazu.

Weil ich eine Sportschule besuchte, lernte ich dort ein Jahr länger als gewöhnlich bis zur 13. Klasse Russisch und später an der Karl-Marx-Universität in Leipzig noch einmal zwei Jahre – ohne diese Sprache wirklich jemals gelernt zu haben. Wir konnten einigermaßen die kommunistische Tageszeitung Prawda übersetzen, aber kaum auf Russisch um Brot und Milch bitten. Unsere „Freunde“, wie die Russen zu DDR-Zeiten stets mit Ironie genannt wurden, waren stets präsent, doch zugleich fremd. Kontakte waren eher unerwünscht. Das hatte auch Folgen für das Sprachenlernen. Doch man musste durch, um die Prüfungen zu bestehen.

Von Stalin nach Sibirien verbannt

Ich erinnere mich an einen Kommilitonen, der für die mündliche Prüfung an der Uni seine zwölf Sätze Wort für Wort auswendig lernte, um das Russisch-Examen zu bestehen. Bis heute kann man ihn mitten in der Nacht wecken, und er kann den Text über Raketen und Abrüstung sprichwörtlich wie aus dem Schlaf herbeten. Es ging damals um die Stationierung der sowjetischen SS-20-Raketen und auf der anderen Seite um den Nato-Doppelbeschluss. Wir schrieben inzwischen die Achtzigerjahre.

Dann kam die Wende, Russischunterricht wurde aus den Schulen verbannt, die Sowjetsoldaten verließen 1994 Deutschland. Stattdessen kamen aus Russland nun viele Wolga- oder Russlanddeutsche. Ihre Vorfahren hatte die Zarin Katharina die Große in den 1760er-Jahren nach Russland geholt, damit sie das weite Land erschließen und bewirtschaften.

Mehr als 100 deutsche Dörfer entstanden an der Wolga. Die Bewohner hatten viele Privilegien, die jedoch abrupt endeten, als Deutschland 1941 die Sowjetunion überfiel. Stalin beschuldigte die Wolgadeutschen der Kollaboration mit Hitler und verbannte die Menschen von jetzt auf gleich nach Sibirien.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow und dem Fall der Mauer in der DDR, öffnete das neue, große Deutschland für diese Menschen die Türen. Viele ergriffen die Chance. Man geht von bis zu über zwei Millionen Aussiedlern aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion aus. Wir schrieben nun die Neunzigerjahre.

Irina kam in den Neunzigerjahren als Wolgadeutsche aus Sibirien nach Deutschland. Hier am Rande eines Konzertes zur 777-Jahr-Feier in Krummensee (Mittenwalde, Brandenburg).

Irina kam in den Neunzigerjahren als Wolgadeutsche aus Sibirien nach Deutschland. Hier am Rande eines Konzertes zur 777-Jahr-Feier in Krummensee (Mittenwalde, Brandenburg).

© Andrea-Yvonne Müller

Eine Wunde, die nur langsam heilt

Ein paar Jahre später musste ich mich einer schweren Operation unterziehen und wurde anschließend zur Rehabilitation nach Bad Gottleuba geschickt. Ich kann mich an den Moment nach meiner Ankunft erinnern, als ich die bunten Karten auf dem Tisch studierte, der mir zugeteilt war. Auf einer stand: „Juri“.

Mit ihm kam ich bald bei den Mahlzeiten ins Gespräch. Erst wollte er nicht mit mir reden, erklärte stattdessen: „Wir können nicht miteinander reden, denn zwischen uns steht die Weltgeschichte.“ Er meinte den Großen Vaterländischen Krieg, mit dem die Rote Armee die deutschen Faschisten Stück für Stück aus dem eigenen Land trieb und zurück bis nach Berlin drängte, das am 2. Mai 1945 kapitulierte. 27 Millionen Sowjetbürger verloren in diesem Zweiten Weltkrieg ihr Leben.

Diese Wunde heilte nur langsam – ähnlich wie die Narbe im Brustkorb von Juri, der kurze Zeit zuvor in Dresden von einem deutschen Herzchirurgen operiert worden war. „Dem verdanke ich mein Leben“, sagte er mir irgendwann später, als die Weltgeschichte nicht mehr zwischen uns stand.

Russisches Haus in Berlin: Bauherr war der Verband der sowjetischen Gesellschaften für Freundschaft und kulturelle Beziehungen mit dem Ausland.

Russisches Haus in Berlin: Bauherr war der Verband der sowjetischen Gesellschaften für Freundschaft und kulturelle Beziehungen mit dem Ausland.

© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung

Der Traum von einer Reise nach Kaliningrad

Das Rad der Geschichte dreht sich auch im Privaten weiter. Wir verliebten uns. Einmal waren wir gemeinsam mit dem Auto unterwegs. Damals standen fast überall an den Kreuzungen Menschen mit Putzlappen und Wassereimer, um den Leuten während der Rotphasen an den Ampeln die Scheiben zu reinigen. Wenn man das nicht wollte, konnten die Leute manchmal ganz schön aggressiv werden.

Einmal stieg Juri aus dem Auto aus und erklärte mit tiefer und überzeugender Bruststimme: „Pass auf, ich bin ein böser Russe!“ Seine Ehefrau mit deutschen Wurzeln fand das auch und ließ sich im Handumdrehen scheiden. Juri als Russe ohne deutsche Abstammung bekam nur wenige Wochen später die Aufforderung, Deutschland innerhalb von 48 Stunden zu verlassen. Ich sah meinen lieben, bösen Russen nie wieder. Das waren die 2010er-Jahre.

Nun also der Krieg zwischen Russland und der Ukraine, zuletzt die angekündigte Schließung des russischen Generalkonsulats in Bonn und die Kündigung des Betriebsvertrags für das Russische Haus in Berlin. Dessen Mitarbeiter mussten inzwischen Deutschland verlassen. Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) fordert unterdessen in einem Interview mit Welt TV, man solle „Russen aus dem Land werfen“.

Im Russischen Haus werden im Restaurant „Russischer Hof“ noch Pelmeni und Wareniki gekocht, Kwas gereicht und unvergleichlicher Honigkuchen angeboten. Es heißt, bis Ende Dezember wird das so bleiben. Doch so wirklich weiß das niemand. „Wenn plötzlich der Strom abgeschaltet wird, was dann?“, fragt eine Frau, die ein Übersetzerbüro hier hat. Noch. Daniela aus Ostberlin ist noch einmal vorbeigekommen, um sich vom Russischen Haus zu verabschieden. Sie träumt nun von einer Reise nach Kaliningrad.

Zwei Kulturen in einem Haus in Liebe verbunden

Und dann ist da noch Nadja. Sie kam vor über 20 Jahren über Amerika nach Deutschland, weil sie sich beim Studium fern der Moskauer Heimat in diesen großen deutschen Mann verliebt hat. Sie spricht ein hervorragendes Deutsch und hat sich hier immer wohlgefühlt. Doch jetzt macht sie sich große Sorgen, denn sie hat mit ihrem deutschen Mann einen inzwischen erwachsenen Sohn, der mit Deutsch und Russisch aufgewachsen ist, zwei Kulturen in einem Haus in Liebe miteinander verbunden. Was, wenn der zur Bundeswehr eingezogen wird, um gegen Russland zu kämpfen? Ein Alptraum für die Russin.

Wenn wir uns ab und zu treffen, sprechen wir Russisch miteinander. Immer öfter erinnert sich meine Nase an die alten Soldatenmäntel der russischen Soldaten. Meine Zunge spuckt die vergessen geglaubten Wörter doch wieder aus, deren Klang ich sehr mag. So wie ich Irina in mein Herz geschlossen habe, die als kleines Kind mit der Mutter als Wolgadeutsche nach Sibirien verfrachtet wurde und nun in Königs Wusterhausen südlich von Berlin zu Hause ist. Sie sieht es am besten, wie sich alles tragisch wiederholt: Dort waren sie als Deutsche verschrien, jetzt ist sie es hier als Russin. Lange will Irina darüber nicht sprechen, die Erinnerung und die aktuellen Erlebnisse schmerzen zu sehr. „Lass uns singen!“, sagt die inzwischen über 80-Jährige. Ich antworte: Давай! Na los! Wir schreiben die 2020er-Jahre.

Andrea-Yvonne Müller wuchs im thüringischen Gotha auf, machte ihr Abitur an der Kinder- und Jugendsportschule in Zella-Mehlis und studierte danach in Leipzig Journalistik. Sie arbeitete 34 Jahre bei der Märkischen Allgemeinen Zeitung.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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