Der erste Concept Store Bulgariens: Mit All-u-re schrieb Albena Alexandrova Modegeschichte.

Interview

„Der Businessplan sagte den Bankrott voraus – ich habe trotzdem eröffnet“

Der erste Concept Store Bulgariens: Mit All-u-re schrieb Albena Alexandrova Modegeschichte.

Albena Alexandrova

Julian Daynov
Julian Daynov
Lesezeit 4 Min

Albena Alexandrova brachte Margiela und Gaultier nach Sofia. Julian Daynov trifft die Mode-Pionierin im Interview.

Als Albena Alexandrova Ende der 1990er-Jahre in Sofia ihre Boutique All-u-re eröffnete, sagten Businesspläne den sicheren Bankrott voraus. Heute gilt sie als Pionierin der Balkan-Modeszene. Mit schwarzem Beton, minimalistischem Design und Designern wie Jean Paul Gaultier, Maison Margiela oder Miu Miu brachte sie nicht nur internationalen Luxus nach Bulgarien, sondern entdeckte auch Welttalente wie Anthony Vaccarello noch vor deren Durchbruch.

Im Rahmen der Rubrik „Gen Est“ porträtiert Mode-Insider, Trendscout und Editor-At-Large Julian Daynov Persönlichkeiten, die seine bulgarische Heimat mit mutigen Visionen neu prägen. Er spricht mit der Pionierin über den Mut zum Risiko, die Erziehung des guten Geschmacks und die befreiende Kraft von Kreativität nach dem Ende des Kommunismus.

Mehr als nur eine Boutique: Das All-u-re gilt seit 26 Jahren als kultureller Treffpunkt und Plattform für internationale Nachwuchstalente.

Mehr als nur eine Boutique: Das All-u-re gilt seit 26 Jahren als kultureller Treffpunkt und Plattform für internationale Nachwuchstalente.

© All-u-re

Ende der 1990er-Jahre war Bulgarien wirtschaftlich noch im Umbruch. Wie verrückt war es damals von dir, eine Boutique für Luxusmode zu eröffnen?

Mein Mann hat einmal gesagt, eine meiner größten Stärken sei mein Mut. Wahrscheinlich hatte er recht. Mein erster Businessplan sagte eindeutig voraus, dass ich bankrottgehen würde. Ich habe das Geschäft trotzdem eröffnet.

Welche war das erste internationale Modehaus, das du nach Bulgarien locken konntest?

Die erste große Marke war Jean Paul Gaultier. Danach kamen Maison Margiela, Ann Demeulemeester und weitere. Es war von Anfang an eine sehr klare, kuratierte Auswahl. Heute arbeiten wir mit internationalen Marken wie Jil Sander, Miu Miu oder Bottega Veneta zusammen. Gleichzeitig verstehen wir uns als Plattform für junge Designer. Darauf bin ich besonders stolz. Wir haben beispielsweise Duran Lantink vorgestellt, lange bevor er Kreativdirektor bei Jean Paul Gaultier wurde. Dasselbe gilt für Anthony Vaccarello, den wir präsentierten, bevor er zu Saint Laurent wechselte. Nachwuchstalente zu fördern, gehört bis heute zu unserer Philosophie.

Kannten die Menschen in Bulgarien diese Labels damals überhaupt?

Nein. Viele begegneten diesen Marken zum ersten Mal bei uns. Deshalb hatten wir von Beginn an auch eine kulturelle und pädagogische Aufgabe. Unsere Kundinnen und Kunden waren zum Glück neugierig.

Betonsockel, schwarze Wände und avantgardistische Mode: Mit dem Store All-u-re schuf Albena Alexandrova eine neue Ästhetik mitten in Sofia.

Betonsockel, schwarze Wände und avantgardistische Mode: Mit dem Store All-u-re schuf Albena Alexandrova eine neue Ästhetik mitten in Sofia.

© All-u-re

Mehr als nur eine Boutique: Das All-u-re gilt seit 26 Jahren als kultureller Treffpunkt und Plattform für internationale Nachwuchstalente.

Mehr als nur eine Boutique: Das All-u-re gilt seit 26 Jahren als kultureller Treffpunkt und Plattform für internationale Nachwuchstalente.

© All-u-re

Nicht nur die Marken, auch die Idee eines Concept Stores dürfte für viele neu gewesen sein, oder?

Bestimmt. Der erste Besuch in unserem Geschäft war damals für viele ein Schock – nicht nur wegen der Preise oder der Marken, sondern auch wegen der Gestaltung. Schwarze Wände, Beton, minimalistisches Design – das war für Sofia völlig ungewohnt.

Wie erlebst du Sofia heute im Vergleich zu früher?

Sofia hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert – und es gibt viele Beispiele dafür, wie sich die Stadt weiterentwickelt hat. Noch vor wenigen Jahren waren die Schaufenster von ALL-U-RE einer der wenigen Orte in Sofia, an denen zeitgenössische Kunst überhaupt sichtbar wurde...

Doch auch jenseits der Kunst hat sich viel getan. Der öffentliche Nahverkehr ist besser geworden, Fußgängerzonen wurden erweitert. Und natürlich freue ich mich über Bulgariens Beitritt zum Schengen-Raum – und darüber, dass Sofia damit für internationale Besucher noch einfacher und selbstverständlicher erreichbar geworden ist.

Und dann gibt es etwas, das schon immer da war und sich nie verändert hat: das Vitosha-Gebirge. Man sieht es von nahezu jedem Punkt der Stadt. Vom Zentrum aus kann man in kürzester Zeit mitten in den Bergen sein – im Winter zum Skifahren, zu anderen Jahreszeiten für einen Spaziergang durch beeindruckende Natur. Diese unmittelbare Verbindung von Großstadt und Natur ist etwas, das nur sehr wenige Hauptstädte der Welt bieten können.

Wie würdest du den Kleidungsstil der Menschen in Sofia beschreiben?

Nach Jahrzehnten der Einschränkung schlug das Pendel zunächst in die andere Richtung aus – hin zum Übermaß. Das war wahrscheinlich eine natürliche Reaktion. Für mich ist Mode viel mehr als Selbstdarstellung. Sie formt unseren Geschmack. Wer ein Gespür für gute Mode entwickelt, entwickelt oft auch einen Blick für Architektur, Design und öffentliche Räume. Auf diese Weise verändert sich langfristig auch eine Stadt. Geschmackserziehung ist ein wichtiger Teil unserer Mission. Wir möchten nicht nur Kleidung verkaufen, sondern auch kulturelle Impulse setzen.

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