Zwischen Balkan-Heritage und kosmopolitischem Zeitgeist: Stylist Ivan Tsutsumanov im Gespräch über die visuelle Zukunft Sofias.

Interview

„Unvollendetes hat eine eigene Schönheit“

Zwischen Balkan-Heritage und kosmopolitischem Zeitgeist: Stylist Ivan Tsutsumanov im Gespräch über die visuelle Zukunft Sofias.

Zlatimir Arakliev

Julian Daynov
Julian Daynov
Lesezeit 7 Min

Stylist Ivan Tsutsumanov im Interview über visuelle Identität, Mode der Gen Z und die Zukunft von Sofia.

Als kreativer Kopf und Stylist prägt Ivan Tsutsumanov den visuellen Auftritt von Pop-Ikone DARA und beobachtet die Szene der bulgarischen Hauptstadt seit Jahren wie kaum ein anderer. Im Rahmen der Rubrik „Gen Est“ porträtiert Mode-Insider, Trendscout und Editor-At-Large Julian Daynov Persönlichkeiten, die die kulturelle und gesellschaftliche Zukunft Bulgariens aktiv mitgestalten.

Im Gespräch geht es um die DNA eines echten Signature-Styles, die modische Evolution der Gen Z in Sofia und die Frage, welche politischen und gesellschaftlichen Impulse die Stadt jetzt braucht, um ihr volles Potenzial als europäische Metropole zu entfalten.

Du steckst hinter dem Signature-Look von DARA, der bulgarischen Sängerin, die in diesem Jahr den Eurovision Song Contest gewonnen hat. Was braucht es, um einen globalen Signature-Style zu kreieren?

Die richtige Zusammenarbeit. DARA und ich arbeiten auf eine Weise zusammen, wie ich es mit keinem anderen Künstler zuvor getan habe. Sie hat eine sehr klare Vision davon, wie sie sich präsentieren möchte. Meine Aufgabe ist es, diese Vision zu formen und in etwas zu übersetzen, das extrem aktuell ist und zum jeweiligen Kontext passt – ob Bühne, Fotoshooting oder Red Carpet. Es ist wirklich eine echte Zusammenarbeit. Und sie trägt die Kleidung – nicht umgekehrt. Das ist selten und macht den Unterschied.

Dein Stil gilt als sehr global, kaum lokal gefärbt. War das eine bewusste Entscheidung?

Nein, das bin einfach ich. Ich habe mich nie als besonders anders wahrgenommen – ich sehe mich einfach als mich selbst. Ich war schon immer neugierig auf das, was weltweit passiert, nicht nur auf das, was hier passiert. Wenn das als global gilt, nehme ich es gerne als Kompliment. Aber für mich ist es schlicht meine Persönlichkeit.

Wie wurdest du zum Stylisten?

Ich habe einen künstlerischen Hintergrund – Kunst in der Schule, dann ein Studium in Grafikdesign. Meine Karriere begann 2009 in Modemagazinen, danach folgten Merchandising, Marketing und PR. Irgendwann war Styling das Naheliegendste. Meine Großmutter hatte einen Stoffladen, mein Vater eine Kleiderfabrik – Mode war immer um mich herum. Das war eine natürliche Entwicklung. Seit etwa zehn Jahren mache ich das professionell: Styling, Image-Making, Creative Direction, manchmal auch Fotografie.

War „Stylist“ als Beruf damals überhaupt ein Begriff in Bulgarien?

Absolut nicht. Es gab Designer – also Menschen, die Kleidung entwerfen und herstellen. Dass ein Stylist kulturellen Einfluss ausüben kann, daran hat niemand gedacht. Als ich in Medien anfing und verstand, was diese Rolle wirklich bedeutet, war das mein grüner-Licht-Moment. Ich dachte: Das existiert, es interessiert mich, und ich kann es machen.

Was waren deine ersten Berührungspunkte mit der westlichen Modewelt, aufgewachsen in einem post-sowjetischen Land?

MTV. Ich war buchstäblich am Fernseher festgeklebt. Musik und Mode sind untrennbar verbunden – das war meine erste Schule. Dazu kamen Filme und Zeitschriften. Ich habe als Kind sogar Burda gelesen. (lacht) Die deutsche Bibel. Klingt komisch, ist aber so. Und natürlich: Vorstellungskraft. Die ist immer die beste Quelle.

Du bist 1991 geboren. Wie hat sich der Sofioter Straßenstil in deiner Wahrnehmung verändert?

Das Regime habe ich nicht bewusst erlebt, aber seine Nachwirkungen schon. Was mich fasziniert: Ich liebe den Stil bulgarischer Omas, ich liebe den Stil bulgarischer Männer, die gar nicht über Kleidung nachdenken – das ist sehr natürlich, sehr ungefiltert. Ich mag „ugly pretty“, Unvollendetes, Dinge, die nicht so sein sollen, wie sie sind. Ich finde darin Schönheit, weil wir viele Jahre lang keinen Zugang zu Luxus hatten, keinen westlichen Ansatz zu Stil. Es war eher praktisch, eher wörtlich.

Als ich 2009 anfing, den Blog „Sofia Street Style“ zu betreiben, hatte ich einen sehr klaren Blick auf das, was die Menschen auf den Straßen Sofias trugen. Das hat sich seither stark verändert – vor allem durch zwei Faktoren: High-Street-Marken kamen ins Land, und Online-Shopping wurde zur Gewohnheit.

Was sind die ikonischen Elemente des bulgarischen oder balkanischen Straßenstils?

Die 90er waren eine bizarre Zeit – die ärmste Phase für Bulgarien und den Balkan. Und ästhetisch wurde es dabei extrem polarisierend: Frauen wurden maximal feminin, Männer maximal maskulin. Große Haare, Animal-Print, Eyeliner, Dekolleté – und daneben der Mann im Trainingsanzug. Das ist bis heute das Meme, das alle kennen, wenn sie an ein Balkaner-Pärchen denken. Das ist die Uniform. Ich finde es lustig, ästhetisch ansprechend? Nicht unbedingt. Aber das ist der Stil. Und er ist generationsübergreifend geworden – weil es das wurde, was die Menschen für Realität halten. Also wird es zur Realität.

Ich spüre in Musikvideos junger bulgarischer Künstler eine Art Feier dieser Ästhetik. Kommt sie zurück?

Ich würde eher sagen: Wertschätzung. Die höchste Form der Heilung ist Akzeptanz – und sich darüber amüsieren. Das ist es, was gerade passiert. Aber wenn man in den Dreißigern oder Vierzigern ist und sieht, wie Jüngere das buchstäblich nachspielen, denkt man: Das haben wir schon durch. Irgendwann muss man es weiterentwickeln. Es soll nicht zu wörtlich sein. Aber das ist etwas, das junge Menschen selbst erkunden müssen.

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Wie geht die Gen Z in Bulgarien heute mit Kleidung als Ausdrucksmittel um?

Sie machen das wirklich gut. Es ist so anders jetzt, wegen der Technologie, des Internets, all der Informationen, auf die sie Zugriff haben. Es ist inspirierend zu sehen, wie frei die Menschen sich ausdrücken und experimentieren. Was ich manchmal vermisse, ist das Fehlen echter Subkulturen. Früher hat man sich auf eine bestimmte Weise gekleidet und auf eine bestimmte Weise gelebt – Kleidung war mit Ideologie verbunden. Heute pickt sich jeder aus verschiedenen Welten das Passende heraus und kombiniert es auf seine eigene Art. Das ist schön und gleichzeitig ein bisschen schade. Ich glaube, sie sind freier als meine Generation. Mutiger? Ich bin nicht sicher. Aber Freiheit ist definitiv ein größerer Teil ihres Lebens – und das spiegelt sich in dem wider, was sie tragen.

Wann hast du zum ersten Mal gespürt, dass Sofia sich wirklich verändert – als echte europäische Stadt?

In den letzten fünf bis sechs Jahren. Davor war es langsamer, ruhiger. Jetzt kommen Touristen, die Stadt ist lebendiger, kosmopolitischer – und ehrlich gesagt auch ziemlich gentrifiziert. Kaffeepreise auf europäischem Niveau, aber Gehälter noch lange nicht dort. Das ist das eigentliche Problem. Vor zehn Jahren gab es vielleicht drei, vier Orte, die ich wirklich cool fand. Heute gibt es Dinge, von denen ich nicht einmal weiß. Ich komme zurück, jemand schlägt ein Café um die Ecke vor, das ich noch nie gesehen habe – und es existiert schon seit einem Jahr. Die Stadt verändert sich schnell.

Was überrascht internationale Besucher in Sofia am meisten?

Ich hoffe, die Menschen. Bulgaren lieben Fremde. Wir sprechen viele Sprachen, wir sind offen und neugierig. Dazu kommt ein lebendiger Kulturkalender. Die Stadt ist nicht groß, aber es passiert viel – und von Sofia aus kann man viele andere sehenswerte Städte des Landes erreichen. Bulgarien ist generell eine gute Option für Menschen, die wirklich erkunden wollen.

Ist LGBTQ+-Akzeptanz in Bulgarien ein Thema, das die Gesellschaft wirklich beschäftigt – oder wird es verdrängt?

Ehrlich gesagt haben wir gerade größere Baustellen. Aber das gehört trotzdem dazu – weil es Teil desselben, größeren Problems ist. Ich kann es nicht auf einen Punkt reduzieren und ich kann auch nicht sagen, dass es das eine oder das andere ist. Das Problem ist groß, es ist vielschichtig, und es betrifft viele Ebenen gleichzeitig. Was ich sagen kann: Es existiert, und es muss angegangen werden. Auch das.

Was fehlt Sofia noch, um sein volles Potenzial als europäische Hauptstadt zu entfalten?

Politik. Gute Führung. Das ist keine Sofia-Frage, das ist eine Bulgarien-Frage. Wir können nicht wirklich über Fortschritt sprechen, ohne vorwärtsgewandte Entscheidungsträger zu haben – ob es um Menschenrechte geht, um queere Rechte, um vernünftige Haushaltspolitik. Wir diskutieren gerade den Staatshaushalt und niemand hat einen Plan. Das ist frustrierend zu beobachten. Aber ja: Gute Führung ist das, was wir brauchen.

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