„Seit 4 Uhr nachmittags befindet sich unsere Bürgerschaft in grösster Aufregung.“ Mit dem Vorortzug 2.46 Uhr (am Nachmittag, d. Red.) sei aus Berlin eine 20 Mann starke Abteilung Soldaten unter Führung eines Hauptmanns auf dem Cöpenicker Bahnhof eingetroffen und von dort in die Stadt marschiert, um das Rathaus zu besetzen.
Die Sensationsnachricht habe sich mit Windeseile verbreitet, heißt es im Extrablatt des Cöpenicker Dampfboots. Vor dem Rathaus habe sich sehr schnell eine „nach Hunderten zählende Menschenmenge angesammelt“. Die Aufregung sei aufs Höchste gestiegen, als plötzlich der Bürgermeister und der Hauptkassenrendant, also der Kassenwart, abgeführt worden seien.
Was war passiert? Der Verfasser des Extrablattes konnte sich das Geschehen zunächst selbst nicht erklären. Es könne sich nur um „die Tat eines Wahnsinnigen oder Betrügers handeln“, schrieb er.
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Es war der 16. Oktober 1906. Und zunächst wusste niemand, was hinter dem rätselhaften Auftritt der Uniformierten steckte. Auch nicht, dass mit dem Hauptmann die Stadtkasse mit 3557,45 Mark verschwunden war.
Seitdem ist der filmreife Coup, die sogenannte Köpenickiade, untrennbar mit der Geschichte Köpenicks verbunden. Der „Hauptmann“ machte die damals noch nicht zu Berlin gehörende Stadt Cöpenick weltweit bekannt. Hinter der Maskerade steckte der arbeitslose Schuster Wilhelm Voigt, der sich mit seinem verwegenen Streich ein Denkmal setzte.
Zum großen Jubiläum in diesem Jahr, das in Köpenick im Oktober ein ganzes Wochenende lang groß gefeiert werden sollte, wurde eigens ein Musical geschrieben. Genau 120 Jahre nach Voigts Auftritt als „Hauptmann von Köpenick“ sollte es am 16. Oktober am Originalschauplatz uraufgeführt werden: im gerade frisch sanierten historischen Ratssaal. Am selben Ort war ursprünglich auch ein Hauptmannsball mit 150 kostümierten Gästen geplant. Ein Orchester sollte aufspielen.
Lange Vorbereitungen für den Jubiläumsball
Doch daraus wird wohl nichts. Der große Jubiläumsball zu Ehren eines kleinen Schusters ist buchstäblich ins Wasser gefallen. Nach einer umfassenden Sanierung des denkmalgeschützten Rathauses von Anfang 2022 bis zum Frühjahr 2025 setzte die neue Sprinkleranlage den Saal und darunterliegende Räume unter Wasser. „Das Parkett im Saal ist hinüber“, sagt Robert Schaddach, der Vorsitzende des Tourismusvereins. Deshalb müsse der Jubiläumsball ausfallen, an dessen Vorbereitung ein Jahr lang gearbeitet worden war.
Laut Schaddach hat man lange nach einem Ersatzort gesucht. „Das Schloss hat uns einen Saal angeboten, der aber nicht groß genug ist“, sagt er. Andere geeignete Säle in Köpenick gebe es nicht. Auf Treptow oder Friedrichshagen habe man nicht ausweichen wollen. „Es sollte schon der Originalschauplatz sein“, erklärt Schaddach.
Der Schauspieler und Autor Heiko Stang wurde 2022 zum offiziellen „Hauptmann von Köpenick“ gewählt.
© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung
Auf dem Programm stehen allerdings noch Sonderaufführungen der Hauptmannsgarde im Rathaushof. Und im Wartesaal des Bürgeramts soll der Film „Der Hauptmann von Köpenick“ von 1931 gezeigt werden. Geplant sei auch, die Altstadt in die Jubiläumsfeier einzubeziehen, sagt Schaddach.
In abgespeckter Form wird auch das Musical zu sehen sein – es wird im wesentlich kleineren Altstadttheater aufgeführt. Eine Herausforderung. „Die Bühne dort ist nicht wie im Ratssaal 11,40 Meter, sondern lediglich vier Meter breit“, sagt Heiko Stang. Er führt beim Musical Regie. Den „Hauptmann von Köpenick“ wird der Schauspieler Maximilian Nowka spielen.
Heiko Stang, Autor und Theaterschaffender, kennt die Geschichte von Wilhelm Voigt in- und auswendig. 2022 wurde er von einer Jury zum neuen „Hauptmann von Köpenick“ gewählt. Vom Bezirksbürgermeister erhielt er persönlich seine Ernennungsurkunde. Seitdem begleitet er in Hauptmannsuniform das Bezirksoberhaupt bei offiziellen Anlässen.
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Über den echten „Hauptmann von Köpenick“ sagt Stang: Wilhelm Voigt sei sicherlich ein Kleinkrimineller gewesen, aber auch ein Mensch in einer Notlage. „So viel Chuzpe, Mut und zivilen Ungehorsam muss man erst einmal haben, um als Hauptmann in das Rathaus zu marschieren.“ Nach mehreren Gefängnisstrafen habe Voigt als Schuster wieder Fuß fassen wollen. Doch er erhielt keine Arbeitserlaubnis für Berlin und bekam überall ein Aufenthaltsverbot. Für den Coup werden in verschiedenen Veröffentlichungen unterschiedliche Motive genannt. So soll es Wilhelm Voigt lediglich auf ein Antragsformular für einen Auslandspass abgesehen haben. Andererseits ist immer wieder von einem Safe die Rede.
„1905 war im Rathaus das neueste Modell eines Tresors eingebaut worden, und die Sparkasse saß mit im Gebäude“, erzählt Heiko Stang. In dem Tresor, so sei damals gemunkelt worden, sollen sich Millionen befunden haben.
Als Wilhelm Voigt jedoch das Rathaus besetzt habe, sei einer der beiden Schlüsselberechtigten gerade zu Tisch gewesen, sagt Stang. „Selbst wenn Voigt den Tresor hätte öffnen können: Millionen lagen da nicht drin. Sondern Schuldverschreibungen in großer Höhe.“
Nachdem ihn der Kaiser begnadigt hat, verlässt Wilhelm Voigt das Gefängnis Tegel.
© CC BY 3.0
Doch wie kam Voigt überhaupt an seine Uniform und die Soldaten? Die Uniformteile eines Hauptmanns des preußischen 1. Garde-Regiments zu Fuß hatte sich der Schuster bei Trödelhändlern zusammengekauft. Am Tattag unterstellte er in Berlin eigenmächtig einen Trupp Uniformierter seinem Kommando – angeblich auf allerhöchstem Befehl – und fuhr mit ihnen nach Cöpenick.
Dort soll er seinen Männern ein Bier und ein Mittagessen spendiert haben. Anschließend brach er mit ihnen zum Rathaus auf, wo er die Stadtkasse beschlagnahmte. Unter die Quittung für das Geld setzte er wohl den Namen seines letzten Gefängnisdirektors.
Auf dem Rückweg soll sich Wilhelm Voigt am Bahnhof noch ein Helles genehmigt haben. Wofür der Schuster einen Teil des Geldes ausgab, geht aus dem späteren Urteil gegen ihn hervor. Voigt kaufte sich demnach neue Stiefel und in einem Herrenbekleidungsgeschäft an der Friedrichstraße für 183,50 Mark einen Anzug, einen Paletot sowie einen Hut.
Voigt wurde beim Frühstück festgenommen
Voigts Freiheit nach dem filmreifen Coup währte allerdings nur zehn Tage. Er wohnte in der Langen Straße am Schlesischen Bahnhof, als er beim Frühstück festgenommen wurde. Dabei wurde auch das noch vorhandene Geld aus der Stadtkasse gefunden: 2788 Mark.
Am 1. Dezember 1906 verurteilte ihn die dritte Strafkammer des königlichen Landgerichts II in Berlin „im Namen des Königs“ zu einer Gefängnisstrafe von vier Jahren. Er habe sich des unbefugten Tragens einer Uniform, des Vergehens wider die öffentliche Ordnung, der Freiheitsberaubung, des Betrugs und der schweren Urkundenfälschung schuldig gemacht, hieß es im Urteil.
Die Tat sei überaus raffiniert gewesen „und einer ganz ungewöhnlichen verbrecherischen Energie“ entsprungen. Zudem stelle sie sich „als ein äußerst dreister Eingriff in die militärische Kommandogewalt des Staates und als ein verwegener und gefährlicher Angriff auf die Verwaltung einer Stadt dar.“
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Strafmildernd stellten die Richter fest, dass Wilhelm Voigt nach seiner letzten Strafe bemüht gewesen sei, sich „seinen Lebensunterhalt ehrlich zu erwerben“. Doch Voigt wurde als ehemaliger Krimineller überall, wo er Arbeit gefunden hatte, ausgewiesen. Und einen Auslandspass bekam er nicht. Deswegen, so mussten auch die Richter einräumen, sei sein Bemühen, „ein nützliches Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft zu werden“, ohne seine Schuld vereitelt und er wieder auf den Weg des Verbrechens gedrängt worden.
Wilhelm Voigt hatte sich mit seinem Husarenstück durchaus Sympathien erworben – hatte er doch das Militär und die Obrigkeit vorgeführt. Selbst Kaiser Wilhelm II. soll über den dreisten Streich gelacht haben. „Seine Majestät“ begnadigte den Schuster, der schon am 16. August 1908 aus der Haftanstalt Tegel entlassen wurde.
Eine Hauptmann-Statue aus Bronze bewacht heute das Köpenicker Rathaus.
© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung
Der falsche Hauptmann wurde vom Volk regelrecht gefeiert. Er gab Autogramme, eine Wachsfigur wurde eingeweiht. Doch die Obrigkeit, der er einen Spiegel vorgehalten hatte, machte ihm das Leben in Deutschland weiterhin schwer. Mehrfach wurde er in Gewahrsam genommen. Voigt ging nach Amerika und später nach Luxemburg, wo er es zunächst zu einem gewissen Wohlstand brachte. Bei seinem Tod Anfang 1922 war er allerdings infolge von Krieg und Inflation völlig verarmt. Er wurde auf dem Liebfrauenfriedhof in Luxemburg-Stadt beigesetzt.
Erst 1961 erhielt sein Grab eine Gedenktafel. Der Zirkus Sarrasani hatte die Konzession für 15 Jahre gekauft. Auf internationalen Druck übernahm die Stadt Luxemburg 1975 die Pflege von Voigts letzter Ruhestätte.
Heute erinnert eine Wachsfigur bei Madame Tussauds an den schelmischen Schuster. Und vor dem Köpenicker Rathaus steht Wilhelm Voigt in voller Uniform – als Bronzefigur.
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