Zahlenspielerei

Wahlwetter in Berlin: Zehn Millimeter Regen kosten 1,2 Prozentpunkte Wahlbeteiligung

Berlin wählt bei 20 Grad. Nach der Forschungslage ist das eher ein Geschenk an die SPD und ein Problem für die Union. Und die Briefwähler?

5 Min
Eine Frau betritt im Regen das Rathaus Mitte an der Karl-Marx-Allee auf dem Weg zum Wahllokal: Wie wirkt sich das Wetter auf die Wahlbeteiligung aus?

Eine Frau betritt im Regen das Rathaus Mitte an der Karl-Marx-Allee auf dem Weg zum Wahllokal: Wie wirkt sich das Wetter auf die Wahlbeteiligung aus?

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Berlin wählt an diesem Sonntag ein neues Abgeordnetenhaus, und das Wetter in der Hauptstadt ist so unspektakulär, wie es nur sein kann: stark bewölkt, Höchstwerte um 20 Grad, eine Regenwahrscheinlichkeit von rund 25 Prozent. Trocken und mild gilt in der internationalen Literatur als nahezu ideales Wahlwetter. Auch wenn der Effekt deutlich kleiner ausfällt, als es der Stammtischmythos vom verregneten Wahlsonntag nahelegt.

Eine oft zitierte Untersuchung für Deutschland stammt von den Ökonomen Felix Arnold und Ronny Freier, die ihre Ergebnisse 2015 als Diskussionspapier des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und später in der Fachzeitschrift Electoral Studies veröffentlichten.

Die beiden werteten sämtliche Kommunal- und Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen zwischen 1975 und 2010 aus und verknüpften die Ergebnisse von 396 Kommunen mit den Niederschlagsdaten von 121 Stationen des Deutschen Wetterdienstes. Das Resultat: Zehn Millimeter Regen am Wahltag senken die Wahlbeteiligung bei Kommunalwahlen um 1,2 Prozentpunkte, bei Landtagswahlen um 0,5 Punkte. Je weniger auf dem Spiel steht, desto eher hält der Regen Menschen zu Hause.

Studie aus NRW: Ist ist sie auf Berlin 2026 übertragbar?

Politisch brisant ist der zweite Teil der Auswertung. Arnold und Freier nutzten den Regen als sogenanntes Instrument, um den Effekt der Wahlbeteiligung selbst zu isolieren. Demnach gewinnt die SPD bei Kommunalwahlen 0,76 Prozentpunkte, wenn die Beteiligung um einen Punkt steigt, während die CDU 0,85 Punkte verliert. Wer auf Regen hofft, hofft auf eine niedrigere Beteiligung. Die Autoren selbst verweisen darauf, dass die CDU diese Logik unter Angela Merkel als „asymmetrische Demobilisierung“ strategisch genutzt habe.

Der Parteieneffekt ist eine sogenannte Instrumentvariablen-Schätzung für NRW in den Jahren 1975 bis 2010. Und das in einem faktischen Zweiparteiensystem aus CDU und SPD mit  zusammen über 80 Prozent der Stimmen. Eine direkt Übertragung auf Berlin 2026 ist daher nicht möglich - für den Stammtischmythos allerdings eine argumentative Steilvorlage.

Wie das perfekte Wahlwetter aussieht, lässt sich am genauesten aus den Niederlanden ableiten. Rob Eisinga und seine Kollegen von der Radboud-Universität Nimwegen untersuchten 13 Parlamentswahlen zwischen 1971 und 2010 und trennten dabei drei Wettergrößen: Zehn Grad mehr Temperatur heben die Beteiligung um 1,19 Prozent, voller Sonnenschein gegenüber einem komplett trüben Tag um 1,5 Prozent, und pro Zentimeter Niederschlag sinkt sie um 0,41 Prozent. Ideal ist demnach ein sonniger, trockener und vergleichsweise warmer Tag.

Eine Metaanalyse der Kopenhagener Politikwissenschaftler Søren Damsbo-Svendsen und Kasper M. Hansen wiederum, 2023 in Electoral Studies erschienen, fasst 34 Einzelstudien zusammen, die fast alle einen negativen Zusammenhang aufzeigen. In einer eigenen Panelauswertung kommen die beiden Forscher auf rund einen Prozentpunkt weniger Beteiligung pro Zentimeter Regen.

Entscheidend ist dabei ein Befund, der über die reine Statistik hinausweist: Wahlberechtigte mit geringer Wahlneigung und vor allem junge Wahlberechtigte reagieren bis zu sechsmal empfindlicher auf schlechtes Wetter als der Durchschnitt. Regen verstärkt also die ohnehin bestehende soziale Schieflage der Beteiligung.

Gegen diese Befunde steht eine erstaunlich breite Skepsis. Der Mannheimer Politikwissenschaftler Markus Steinbrecher, der die Frage 2013 erstmals auf individueller Ebene mit Daten der German Longitudinal Election Study prüfte, fand kaum direkte Wettereffekte. Messbar wurden sie nur bei Befragten mit geringem politischem Interesse und schwach ausgeprägtem Pflichtgefühl.

Eine schwedische Studie fand gar keinen Effekt. Der Deutsche Wetterdienst weist darauf hin, dass sich die Untersuchungen teils direkt widersprechen: Eine häufig zitierte Rechnung eines privaten Hamburger Instituts behauptet sogar das Gegenteil, nämlich dass ein Grad mehr die Beteiligung um 0,2 Prozent senke, weil Sonne zum Ausflug statt zur Urne locke.

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Fast jeder zweiter Berliner wählt per Brief

Hinzu kommt ein struktureller Grund, warum das Wahlwetter an Bedeutung verliert. Landeswahlleiter Stephan Bröchler rechnet in Berlin nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur mit einem Briefwahlanteil von rund 45 Prozent; bundesweit lag er bei der Bundestagswahl 2021 bei einem Rekordwert von 47,3 Prozent. Fast jede zweite Stimme ist längst abgegeben, bevor der erste Tropfen fällt. Und die Bundestagswahl 2025 lieferte das wohl deutlichste Gegenargument: Am 23. Februar, mitten im Winter, erreichte die Beteiligung mit 82,5 Prozent laut Bundeswahlleiterin den höchsten Wert seit der Wiedervereinigung.

Jessica Haak von der Universität Hamburg, die zu Extremwetter und Wahlen forscht, ordnet das Wetter deshalb als einen Faktor unter vielen ein und verweist ausdrücklich auf den steigenden Briefwahlanteil. Ein bis zwei Prozentpunkte kann ein Wolkenbruch kosten – die Mobilisierung durch einen zugespitzten Wahlkampf bewegt ein Vielfaches davon.

Verfolgen Sie die Entwicklung am Wahltag auch in unserem Liveblog der Berliner Zeitung

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