Meinung

Warum die Tarifrunde 2026 an den Fundamenten unseres Wirtschaftssystems rüttelt

Bei den anstehenden Tarifverhandlungen geht es um mehr als Prozente. Es geht um die Abkehr vom Lohnarbeiter-Dasein hin zu einer echten Wirtschaftsdemokratie. Ein Kommentar.

3 Min
Anpfiff: Am 7. Oktober beginnt die neue Tarifrunde für die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie.

Anpfiff: Am 7. Oktober beginnt die neue Tarifrunde für die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie.

© Hendrik Schmidt/dpa

Es gleicht einem Ritual: Kaum geraten Schlüsselbranchen wie derzeit die Automobilindustrie ins Trudeln, fordern Arbeitgeberverbände reflexartig Kostensenkungen oder längere Arbeitszeiten. Doch die im Oktober 2026 startenden Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie könnten zeigen, dass diese alten Rezepte keine Heilung mehr versprechen.

Die IG Metall geht mit Forderungen in die Runde, die weit über das rituelle Feilschen um Prozentpunkte hinausgehen. Neben fünf Prozent mehr Geld fordert sie eine tarifliche Gewinnbeteiligung. IG-Metall-Chefin Christiane Benner bringt es mit dem Satz „Verzicht bringt nichts voran“ auf den Punkt.

Sie hat recht: Lohnverzicht alleine rettet auf Dauer keinen einzigen Arbeitsplatz. Wer das behauptet, betreibt Symptomkosmetik und verschlimmert die eigentliche Krankheit. Warum Lohnverzicht in der Sackgasse endet, lässt sich ökonomisch und historisch präzise begründen. Erstens verkennt das Arbeitgeberargument das makroökonomische Paradoxon der Konsum-Spirale.

In einer von hoher Inflation und steigenden Lebenshaltungskosten ohnehin belasteten Wirtschaft entzieht ein Lohnstopp dem Markt genau die Kaufkraft, die zur Stützung der schwächelnden Binnennachfrage nötig wäre. Wer den Aufschwung will, darf den privaten Konsum nicht abwürgen.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Zweitens sind die aktuellen Probleme bei den kriselnden Autobauern und im Maschinenbau in erster Linie keine Kosten-, sondern tiefgreifende Strukturkrisen. Verschleppte Digitalisierung, Fehler bei der E-Mobilitäts-Transformation und verfehlte Modellpolitik lassen sich nicht durch Lohnkürzungen wegzaubern. Ein Verzicht verschafft den maroden Systemen allenfalls einen Aufschub, ohne die Ursachen zu beheben.

Zudem zeigt die Historie, dass Lohnverzicht ein einseitiges Verlustgeschäft für die Arbeitnehmer ist. Beschäftigte geben garantiert Geld auf, erhalten aber im Gegenzug selten rechtlich wasserdichte Arbeitsplatzgarantien. Eingesparte Personalkosten fließen allzu oft in die Margen oder Dividenden. Für die Betroffenen bleibt dann ein doppeltes Minus, das sich auf das Arbeitslosengeld und auch auf die Rente auswirkt.

Wirtschaftslage extrem zweigeteilt

Genau hier setzt die Gewerkschaft an, die die Tarifrunde 2026 zu einem historischen Wendepunkt machen könnte: Die Wirtschaftslage ist extrem zweigeteilt. Während ein Drittel in der Strukturkrise steckt, verzeichnen zwei Drittel der Betriebe – in Branchen wie Rüstung, Luftfahrt, Schiffbau oder Medizintechnik – glänzende Geschäfte.

Dass die IG Metall für diese florierenden Betriebe eine verbindliche Gewinnbeteiligung fordert, bricht mit dem alten Dogma des reinen Lohnarbeiter-Daseins und strebt im Kern ein neues Gesellschaftsmodell an. Es geht um die Abkehr vom Arbeitnehmer als bloßem, flexiblem Kostenfaktor hin zu einer echten Wirtschaftsdemokratie. Wenn Beschäftigte in der Krise über flexible Werkzeuge wie Arbeitszeitreduzierungen Solidarität zeigen und das Risiko mitschultern sollen, müssen sie im Aufschwung auch am Kapital und am Erfolg der Unternehmen beteiligt werden.

Das ist kein utopischer Sozialismus, sondern die notwendige Weiterentwicklung der Sozialen Marktwirtschaft zu einer partnerschaftlichen Wirtschaftsordnung auf Augenhöhe.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner