Fragebogen

Lilith Stangenberg: „Berlin ist für mich wie ein Kaugummi, der keinen Geschmack mehr hat“

Im „Tatort“ legte sie gerade einen fiebrigen Auftritt hin, und auch in unserem Berlin-Fragebogen kommt Lilith Stangenberg schnell auf Temperatur. Stichwort: Mitte, Designlofts und die Berliner Stadtpolitik.

7 Min
Ist viel rumgekommen und am Ende immer wieder nach Kreuzberg 36 zurückgekehrt: Lilith Stangenberg.

Ist viel rumgekommen und am Ende immer wieder nach Kreuzberg 36 zurückgekehrt: Lilith Stangenberg.

© Pascal Bünning

Der Kieler „Tatort“ startet nach dem Abschied von Klaus Borowski mit einem neuen Frauen-Duo. Bei den Zuschauern sorgte der Neustart, der am Sonntag mit „Unter Feinden“ in den zweiten Teil der Doppelfolge ging, für furiose Reaktionen.

Von „Großartig“ bis „Gar nicht meins“ ist schon nach der ersten Folge eigentlich alles dabei gewesen. Viel Aufmerksamkeit erregte in den sozialen Netzwerken die Figur der Ermittlerin Anna Nowak, gespielt von der Berlinerin Lilith Stangenberg.

Als „Ermittlerinneninferno“ wird die Schauspielerin in einer TV-Kritik bezeichnet, nachdem sie bereits im Bremer Vampir-„Tatort“ aus dem Jahr 2018 eine bemerkenswerte Rolle hatte. In Kiel beschimpft sie als Anna Nowak das Kollegium, konsumiert Schnaps und Koks. Eine Episodenrolle, die in Erinnerung bleiben wird.

Nicht weniger spannend geht es bei uns im Fragebogen mit Lilith Stangenberg zu.

1. Frau Stangenberg, Sie sind ein Jahr vor dem Mauerfall in West-Berlin zur Welt gekommen und in Kreuzberg aufgewachsen. Was sind Ihre eindrücklichsten Kindheitserinnerungen?

Der Spielplatz direkt am Mauerstreifen und die seltsam triste Aussicht auf die Mauer und den Wachturm dahinter, die endlosen verwilderten Brachen zwischen Wohnhäusern, wo wir gespielt haben. Der Geruch von nassen Kellern, die Heroinspritzen im Görlitzer Park. Die verbotenen Dachspaziergänge um ganze Häuserblocks, die Treppenhäuser waren offen und wir kamen immer einfach auf die Dächer.

Meine Schwestern und ich haben im Auto immer so ein Spiel gespielt: Wer zählt mehr Berliner-Kindl- vs. Schultheisskneipen, die gab’s an jeder zweiten Ecke. Unsere türkische Nachbarsfamilie, die mich immer reingelassen hat zu Tee und Süßigkeiten. Danach konnte ich abends nie einschlafen mit dem Herzrasen von dem vielen Tee.

Die Wasserwerfer am 1. Mai, da war ich mit acht irgendwie mit meiner Freundin zwischen Steinschlachten und Polizeiknüppeln unterwegs. Wir waren furchtlos, begeistert und fanden es wahnsinnig aufregend.

2. Ihre Eltern gehörten damals zur Hausbesetzerszene. Wie hat das Ihre Kindheit und Jugend geprägt?

Das war vor meiner Zeit. Ich glaube, Anfang der Achtzigerjahre haben sie mal in einem besetzten Haus gewohnt. Ich hab meinen blutjungen Vater in der Doku „Schade, dass Beton nicht brennt“ entdeckt. Und es gibt ein hübsches Foto meiner Mama mit Sanitäterin-Helm auf einer Demo als freiwillige Rote-Kreuz-Ärztin. Das war aber alles, bevor ich da war.

Ich bin in einer alten ehemaligen Nähmaschinen-Fabrik geboren und aufgewachsen, bis ich vier war. Das war sehr idyllisch. Danach sind meine Mutter, meine Schwestern und ich öfter umgezogen, meistens in Kreuzberg. Ich hab mal gezählt und kam auf 14 verschiedene Wohnungen, weiß aber nicht, ob das so stimmt.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

3. Sie haben an Ihrer Schule auch Russisch gelernt und ein Praktikum in einem Kinderheim in St. Petersburg absolviert. Wie wichtig war beides rückblickend für Sie?

Die russische Sprache und Schrift hat mich in der Schule tierisch fasziniert. Wir hatten da eine sehr leidenschaftliche und furiose Lehrerin, durch die wir in kürzester Zeit einen großen Haufen Lieder, Gedichte und auch viele russische beziehungsweise sowjetische Filme kennengelernt haben. Ich glaube, das hat mich sehr geprägt. Das spezielle Timbre und dieser seelenvolle Existenzialismus. Mit 16 hab ich dann wie im Wahn angefangen, Dostojewski, Tolstoi, Bulgakow, Solschenizyn zu lesen, und das hat mich irre beeindruckt und meinen Blick auf Psyche, Abgrund und Wahnsinn geprägt.

Zur Person
NDR/ARD/Thorsten Jander

Zur Person

Lilith Stangenberg begann ihre Laufbahn am P14 Jugendtheater der Volksbühne. Mit ihrer expressiven Spielweise machte sie rasch Karriere am Theater und dann auch in Film und Fernsehen, wo sie mit der mehrfach preisgekrönten Hauptrolle in Nicolette Krebitz’ Drama „Wild“ bekannt wurde. Zuletzt feierte 2024 mit „Sterben“ von Matthias Glasner ein Film mit ihr in einer Hauptrolle im Wettbewerb der Berlinale Premiere. Der Kieler Tatort „Unter Feinden“ (Teil zwei) wird am Sonntag, 18. Oktober, um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt; beide Filme sind auch in der ARD-Mediathek verfügbar.

4. Sie waren an verschiedenen Theatern in Zürich, Basel, Hannover oder Hamburg engagiert, sind Ihrer Heimatstadt Berlin aber immer treu geblieben. Haben andere Städte Sie nie überzeugen können?

Im Gegenteil, Berlin ist für mich wie ein Kaugummi, der keinen Geschmack mehr hat. Jedes Bordell hat mehr Würde als die Berliner Stadtpolitik, man hat diese Stadt dem Geld verkauft. Berlin ist sehr begabt darin, jüngste Zeitzeugen wie zum Beispiel die Mauer an der East Side Gallery abzureißen, weswegen alle Touristen der Welt herreisen, um einer O2‑World Ausblick aufs Wasser zu verschaffen.

Das ist nichts als stümperhaft und trauriges Zeugnis einer neoliberalen Epoche, hab ich noch nie verstanden. Seltsame architektonische Zeugen wie den Palast der Republik – von mir aus auch als Skelett – hätte ich ja stehenlassen. Dieses teure, aristokratische Stadtschloss finde ich ein seltsames Symbol mitten in der Stadt.

Wenn ich all die totsanierten Häuserfassaden oder die Designlofts für luxemburgische Investorenkinder sehe, geht’s mir so, als sähe ich nur so ältere Damen mit junggebotoxten Gesichtern. Man sehnt sich nach dem Riss. Naja, trotzdem bin ich immer wieder hier, bleibe sozusagen der Heimat treu, und denke: Abhauen ist ja auch keine Lösung, sondern die Suche nach Nischen und Orten, wo das Poetische noch existiert.

5. In welchen Stadtteilen haben Sie, neben Kreuzberg, noch gewohnt?

Ich hab immer in Kreuzberg 36 gewohnt, hab in allen möglichen Städten dieser Erde gearbeitet und längere Zeit gelebt: in Los Angeles, Paris, Manila, Budapest, Zürich und im letzten Jahr viel in Hamburg. Trotzdem fühl ich mich in Berlin am meisten zu Hause. Ich glaube, das liegt viel, abgesehen von meiner Familie, an dem Humor.

Am meisten ans Berlin meiner Kindheit erinnert fühle ich mich heute im alten West-Berlin um Wilmersdorf herum und manchmal in Moabit und Reinickendorf. Da kommt mir die Stadt manchmal noch so unaufgeregt normal wie früher vor. Man begegnet noch vielen schimpfenden oder gesprächigen Leuten der älteren Generation. Nicht nur jungen „Kreativen“.

6. Was nervt Sie an Berlin besonders – und was heitert Sie wieder auf?

Dass die schönen alten Gaslaternen oder die irren Peitschenlaternen abgerissen und durch unglaublich hässliche Hauptbahnhof-LED-Laternen ersetzt werden. Hingegen heitert mich auf, dass, obwohl es ab Oktober ja bekanntlich kälter wird, mein Berliner Lieblingsfreibad dann nur noch das ungeheizte Becken öffnet.

7. Welcher ist Ihr Lieblingsort in der Stadt?

Einer, der bestimmt nicht in Zeitungsinterviews von Schauspielerinnen Erwähnung findet.

8. Ihre persönliche No-go-Area? 

Am meisten vermeide ich gerade Mitte und Prenzlauer Berg, da zieht es mich meistens echt runter. Als wäre die Stadt ne Vitrine oder so ein teures Dorf für Reiche. Früher war die Volksbühne für mich eine Art Raumschiff, das einen auf einen anderen Stern katapultierte.

9. Einkaufen in der Stadt: In welchem Laden kennt Ihre Kreditkarte kein Limit?

Bei Tode Antiquariat Bücher in der Dudenstraße 36 und bei Zauberkönig in Neukölln.

10. Vor drei Jahren haben Sie für den Film „Seneca“ mit dem Hollywoodstar John Malkovich gedreht. Angenommen, er würde Sie um eine Berlin-Führung bitten: Was würden Sie ihm unbedingt zeigen wollen?

Ich würde ihm eine betörend schöne Büste einer weinenden Madonna, die ich mal in der alten Gemäldegalerie gesehen habe, zeigen und dann schräg gegenüber in der Joseph-Roth-Diele was zu Mittag essen, um dann nach Schöneberg zu Graciano „Rocky“ Rocchigianis Grabstätte zu gehen, die unter allen Gräbern dieser Stadt ein architektonisches Meisterwerk ist: ein Boxring mit versteinerten Boxhandschuhen!

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner