Archäologie

75.000 Jahre alter Fund: Forscher vermuten einen der frühesten tödlichen Speerangriffe

Ein Neandertaler starb möglicherweise durch die Hand eines Artgenossen. Ein ungewöhnliches Loch im Schulterblatt liefert Hinweise auf tödliche Gewalt in der Urgeschichte.

Peter Steiniger
Peter Steiniger
3 Min
Museale Präsentation eines Neandertalerschädels

Museale Präsentation eines Neandertalerschädels

© Andrea_Izzotti/imago

Ein Loch im Schulterblatt eines Neandertalers, der im Alter von rund 45 Jahren starb, könnte der bislang älteste bekannte Beleg für einen tödlichen Angriff mit einem Holzspeer in der Entwicklungsgeschichte des Menschen sein. Das berichtet ein Forschungsteam um die Cambridge-Archäologin Emma Pomeroy in der Fachzeitschrift Scientific Reports vom Donnerstag.

Die Überreste wurden in der Shanidar-Höhle im Zagros-Gebirge in der autonomen Region Kurdistan im Nordirak geborgen und auf ein Alter von etwa 75.000 Jahren datiert. Die Forscher bezeichnen den Fund als Shanidar A.

Das etwa 15 Millimeter breite, nahezu kreisrunde Loch im linken Schulterblatt weist nach Angaben der Wissenschaftler glatte Ränder und abgesplitterte Knochenstücke auf. Die Form und der Verlauf der Verletzung sprächen dafür, dass die Waffe von oben mit großer Wucht in den Brustkorb eingedrungen sei und Lunge sowie herznahe Strukturen durchstoßen habe. Eine Steinspitze hätte eine eher kantige Spur hinterlassen, erklärte Pomeroy laut einer Mitteilung der Universität Cambridge.

Die Form passe zudem zu experimentellen Nachbauten urzeitlicher Holzspeere. Vergleichbare Originale haben sich in Schöningen in Niedersachsen in wassergesättigtem Sediment erhalten – sie sind rund 200.000 bis 300.000 Jahre alt und zum Teil über zwei Meter lang.

Auseinandersetzung zwischen Rivalen?

Ob die tödliche Verletzung bei einem Jagdunfall entstand oder Folge eines Angriffs war, lässt sich nach Angaben des Teams nicht sicher sagen. Als wahrscheinlichste Erklärung nennen die Autoren zwischenmenschliche Gewalt, möglicherweise innerhalb einer Gruppe oder zwischen rivalisierenden Neandertalergruppen. Ein Angriff durch einen modernen Menschen gilt ihnen als weniger wahrscheinlich.

Grabungsleiter Graeme Barker von der Universität Cambridge erklärte gegenüber dem Wissenschaftsportal IFLScience, planmäßige Gewalt sei in der frühen Vorgeschichte selten belegt – der weitaus größere Teil solcher Funde stamme aus späteren sesshaften Ackerbaugesellschaften.

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Nicht alle Fachleute teilen die Deutung. Die Archäologin Sofia Samper Carro von der Australian National University sagte dem australischen Sender ABC, die Belege für die Todesursache seien dünn. Die kreisförmige Form des Lochs sei zwar ungewöhnlich, doch ohne die zugehörige Waffe sei ein eindeutiger Schluss schwierig.

Hinweise auf Fürsorge in der Gruppe

Neben dem Schulterblatt bergen die 2019 und 2022 ausgegrabenen Überreste – darunter fast alle Knochen der rechten Hand, Rippen und sieben Zähne – auch Hinweise auf eine ältere Verletzung, die der Neandertaler überlebte. Ein unterer Schneidezahn war der Länge nach gespalten, umliegende Zähne waren verdreht.

Der verbliebene Zahnrest zeigte starke Zahnsteinauflagerungen entlang des freigelegten Wurzelkanals – ein Hinweis darauf, dass der Betroffene die massive Gesichtsverletzung mindestens ein Jahr überlebte. Essen, Trinken und Verständigung dürften anfangs kaum möglich gewesen sein, so Pomeroy. Die Gruppe habe den Verletzten offenbar versorgt.

Shanidar A liegt den Autoren zufolge am tiefsten in einer Gruppe von mindestens fünf Neandertalern, deren Überreste innerhalb weniger Generationen hinter einem markanten Felsblock in der Höhle abgelegt wurden. Die Forscher werten dies als Beleg für eine bewusste, möglicherweise symbolische Bestattungspraxis.

Die Shanidar-Höhle gehört seit den dortigen Ausgrabungen in den 1950er-Jahren zu den bedeutendsten Fundorten der Neandertalerforschung.

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