Am selben Tag, an dem russische Raketen- und Drohnenangriffe in der Ukraine mindestens zehn Menschen töteten, fand US-Präsident Donald Trump lobende Worte für Russland. „Russland hat sich, ehrlich gesagt, in Bezug auf die Ukraine gut verhalten. Sie haben nicht viel getan“, erklärte er am Montag vor Journalisten am Weißen Haus. Anschließend griff er den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj persönlich an und brachte einen Wechsel des ukrainischen Verhandlungsführers ins Spiel.
„Selenskyj weiß nicht, wovon er spricht“, sagte Trump laut dem von CNN veröffentlichten Originaltranskript. Der ukrainische Präsident hätte den Krieg längst beenden können, behauptete er. „Ich denke, es ist an der Zeit, dass jemand anderes für die Ukraine verhandelt.“ Die Attacke erfolgte unmittelbar vor den für diesen Dienstag in Oslo geplanten Gesprächen zwischen Trumps Sondergesandtem Steve Witkoff, Selenskyj und europäischen Vertretern über einen neuen Friedensplan.
Damit stellte der US-Präsident erneut die Rolle Selenskyjs bei den Bemühungen um ein Kriegsende infrage. Bereits am 10. Oktober hatte Trump sogar einen Wechsel an der ukrainischen Staatsspitze gefordert.
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Trump über Russland: „Sie haben nicht viel getan“
Trumps Äußerungen fielen, als ein Journalist ihn auf ein mögliches Dreiertreffen mit Russlands Präsident Wladimir Putin und Chinas Staatschef Xi Jinping ansprach. Der US-Präsident zeigte sich grundsätzlich offen für einen solchen Gipfel. Im Mittelpunkt sollten aus seiner Sicht allerdings Gespräche über nukleare Abrüstung stehen.
Trump verteidigte zugleich seine Entscheidung, neue Sanktionen gegen Russland vorerst auszusetzen. Auf den Vorwurf Selenskyjs, er unterstütze damit Putin, antwortete der Präsident: „Ich unterstütze ein Ende des Krieges zwischen Russland und der Ukraine.“
Selenskyj trage seiner Ansicht nach wenig dazu bei. „Ich glaube, er will ihn nicht beenden“, sagte Trump. Er selbst wolle verhindern, dass weiterhin Tausende Soldaten auf beiden Seiten sterben.
Dabei nannte Trump außergewöhnlich hohe Opferzahlen. Seinen Angaben zufolge würden monatlich zwischen 25.000 und 35.000 Soldaten getötet. Eine unabhängige Bestätigung für diese Zahlen gibt es nicht.
Selenskyj soll laut Trump früheren Friedensdeal ausgeschlagen haben
Auch persönlich ging Trump den ukrainischen Präsidenten an. Als ein Journalist ihn mit Selenskyjs Vorwurf konfrontierte, er stehe auf der falschen Seite der Geschichte, reagierte er verärgert.
„Selenskyj weiß nicht, wovon er spricht“, sagte Trump. Der ukrainische Präsident hätte den Krieg längst beenden müssen.
Hätte Selenskyj früher auf ihn gehört, wäre nach Trumps Darstellung bereits vor langer Zeit ein wesentlich besseres Abkommen möglich gewesen. Der Krieg hätte dann weniger Menschenleben gekostet.
Trump verwies dabei erneut auf die heftige Auseinandersetzung mit Selenskyj im Weißen Haus im Februar 2025. Bei dem damaligen Treffen hatten Trump und US-Vizepräsident JD Vance den ukrainischen Präsidenten öffentlich kritisiert und ihm mangelnde Bereitschaft zu einem Friedensabkommen vorgeworfen.
Selenskyj hat wiederholt erklärt, zu Verhandlungen mit Russland bereit zu sein. Er lehnt jedoch Vereinbarungen ab, die ohne ukrainische Beteiligung getroffen werden oder die langfristige Sicherheit seines Landes nicht gewährleisten.
Zehn Tote bei russischen Angriffen – über 500.000 Haushalte ohne Strom
Wie weit Trumps Einschätzung von den aktuellen Ereignissen entfernt ist, zeigen die russischen Angriffe vom Montag.
Nach Angaben von Reuters feuerte Russland in der Nacht 16 ballistische Raketen und mehr als 200 Drohnen auf Ziele in der Ukraine ab. Betroffen waren unter anderem Kiew und mehrere Regionen im Osten und Süden des Landes.
Mindestens zehn Menschen wurden nach ukrainischen Behördenangaben getötet. Bei einem Drohnenangriff auf einen Park nahe Charkiw starben sechs Menschen, darunter zwei Kinder. Weitere Todesopfer wurden aus Kiew, der umliegenden Region und Krywyj Rih gemeldet.
Die Angriffe beschädigten zahlreiche Energieanlagen. Mehr als eine halbe Million Haushalte waren zeitweise ohne Strom.
Selenskyj bezeichnete den Angriff auf den Park als „Akt absoluter Barbarei“. Er kritisierte zudem, dass die Ukraine vor der ersten russischen Raketenwelle keine frühzeitige Warnung ihrer internationalen Partner erhalten habe.
Ein Sprecher der ukrainischen Luftwaffe bestätigte gegenüber Reuters, dass die entsprechenden Informationen erst vor einer späteren Angriffswelle eingegangen seien. US-Außenminister Marco Rubio bestreitet, dass Washington den Austausch von Geheimdienstinformationen mit der Ukraine ausgesetzt habe.
Trump lockert Russland-Sanktionen – Kritik aus eigener Partei
Trumps neue Aussagen verschärfen einen Streit, der bereits seit Tagen die Beziehungen zwischen Washington und der ukrainischen Regierung belastet.
Am vergangenen Freitag hatte der US-Präsident Teile neuer Sanktionen gegen Russland unter Berufung auf eine gesetzliche Ausnahmeregelung vorerst ausgesetzt. Zuvor war eine Vereinbarung über zusätzliche russische Diesellieferungen bekannt geworden.
Trump begründet diesen Kurs mit dem Versuch, die hohen Energiepreise zu senken und Russland zu Friedensverhandlungen zu bewegen. Selenskyj befürchtet dagegen, dass zusätzliche Einnahmen aus Energieexporten die russische Kriegsführung finanzieren.
Kritik kommt inzwischen auch von Republikanern. Nach Recherchen der Nachrichtenagentur AP fordern mehrere Kongressabgeordnete Aufklärung über Einschränkungen beim militärischen Satellitendienst Starshield, der für die ukrainische Drohnenabwehr wichtig ist.
Der republikanische Abgeordnete Brian Fitzpatrick verlangte parlamentarische Anhörungen und finanzielle Konsequenzen für mögliche Verantwortliche.
Auch der Vorsitzende des Streitkräfteausschusses im Senat, der Republikaner Roger Wicker, forderte Trump auf, auf Selenskyjs jüngsten Kompromissvorschlag einzugehen.
Der ukrainische Präsident hatte angeboten, Angriffe auf russische Ölraffinerien für 30 Tage auszusetzen, wenn Washington im Gegenzug zusätzliche Patriot-Abfangraketen zur Verfügung stellt.
Selenskyj wirft USA gezielten Druck auf die Ukraine vor
Besonders schwer wiegen aus ukrainischer Sicht die Verzögerungen bei amerikanischen Waffenlieferungen.
Selenskyj erklärte am Montag bei einem Treffen mit US-Kongressabgeordneten, das Pentagon halte Patriot-Raketen zurück, die europäische Partner bereits bezahlt hätten. Ein entsprechendes Waffenpaket warte nach seinen Informationen auf die Unterschrift von Verteidigungsminister Pete Hegseth.
„All das deutet darauf hin, dass eine politische Entscheidung getroffen wurde, unsere Unterstützung zu verlangsamen“, sagte Selenskyj nach Angaben von Reuters.
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Die Ukraine habe zudem keine ausreichende Erklärung für Einschränkungen beim Satellitendienst Starshield erhalten. Der Dienst ist unter anderem für die Steuerung ukrainischer Drohnen von Bedeutung.
Die US-Regierung weist den Vorwurf zurück, den Austausch wichtiger Geheimdienstinformationen eingestellt zu haben. Trump erklärte am Montag, er wisse nicht, wer die Einschränkungen bei den Satellitenverbindungen angeordnet habe. Er wolle dies herausfinden.
Trotz des zunehmend offenen Streits laufen die diplomatischen Kontakte weiter. Trumps Sondergesandter Steve Witkoff will am heutigen Dienstag in Oslo mit Selenskyj und europäischen Regierungsvertretern über einen neuen Friedensplan beraten. Anschließend hofft er auf ein Treffen mit Putin in Russland, wie Axios berichtet.
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