Archäologie

Haben Steinzeitmenschen in Sachsen-Anhalt Mammute gejagt?

Neue Funde bei Breitenbach liefern Hinweise auf die Jagd vor mehr als 30.000 Jahren. Die Ausgrabungsstätte zählt zu den bedeutendsten ihrer Art in Europa.

4 Min
Das Skelett eines wollhaarigen Mammuts steht in der Ausstellung des Landesmuseums für Vorgeschichte

Das Skelett eines wollhaarigen Mammuts steht in der Ausstellung des Landesmuseums für Vorgeschichte

© Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa

Ein Mammutzahn brachte die Forschung ins Rollen. Als 1924 bei Bauarbeiten an einer Schneidemühle nahe Breitenbach im Süden Sachsen-Anhalts ein Schüler den Zahn entdeckte, ahnte wohl noch niemand, welche Einblicke in die Altsteinzeit dieser Fundort einmal ermöglichen würde. Rund hundert Jahre später beschäftigen sich Archäologen noch immer mit der Stelle und haben nun neue Hinweise darauf entdeckt, wie die Menschen damals lebten und möglicherweise sogar die Riesen der Steinzeit jagten – die Mammuts.

Bei Ausgrabungen zwischen Juli und Oktober dieses Jahres legten die Forscher erstmals seit 1927 wieder größere Ansammlungen von Mammutknochen frei. Unter den Funden sind mehrere längere Stoßzahnfragmente und bearbeitete Elfenbeinstücke. „Die neuen Befunde legen nun aber nahe, dass die Breitenbacher Jäger vielleicht doch nicht nur fossiles Elfenbein nutzten, sondern Mammute vor Ort erlegten“, sagt Olaf Jöris, Projektleiter des Archäologischen Forschungszentrums und Museums für menschliche Verhaltensevolution Monrepos, in der offiziellen Pressemitteilung. Schnittspuren an den Funden deuteten darauf hin, dass die Tiere auch als Nahrung dienten. Ihre Stoßzähne und Häute könnten außerdem als Rohmaterial für Werkzeuge, Schmuck, Kunstobjekte, Kleidung oder Zeltbahnen gedient haben.

Neufund: Der Backenzahn eines noch jungen Mammuts

Neufund: Der Backenzahn eines noch jungen Mammuts

© MONREPOS/LEIZA/Olaf Jöris

Ein besonderer Fundort

Mit rund 10.000 Quadratmetern ist Breitenbach-Schneidemühle die größte bekannte Freilandfundstelle des Aurignacien in West-Eurasien. Das bezeichnet eine Epoche der Altsteinzeit vor etwa 42.000 bis 32.000 Jahren, in der sich der moderne Mensch in Europa ausbreitete. Anders als viele Fundplätze aus dieser Zeit liegt Breitenbach nicht in einer Höhle, sondern im Freien.

Archäologen können in Breitenbach einen großen Lagerplatz im Freien untersuchen. Das eröffnet ganz andere Einblicke in die Organisation des damaligen Alltags: Wo wurden Tiere und Materialien verarbeitet? Welche Bereiche nutzten die Menschen für die Herstellung von Werkzeugen oder Schmuck?

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Seit 2009 wird die Fundstelle mit modernen archäologischen Methoden untersucht. Das Kooperationsprojekt von Monrepos, einer Einrichtung des Leibniz-Zentrums für Archäologie, und dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt hat die bislang untersuchte Fläche um mehr als 150 Quadratmeter erweitert. Zu den bedeutendsten Entdeckungen der vergangenen Jahre zählt ein Bereich, den die Forscher als Elfenbeinwerkstatt interpretieren. Dort fand man zahlreiche Objekte aus Mammutelfenbein und Reste ihrer Herstellung. Darunter auch durchbohrte Perlen, Geschossspitzen und Fragmente plastischer Figuren.

Erstmals seit fast 100 Jahren neu entdeckt: eine dichte Konzentration von Mammutknochen, vergesellschaftet mit Steingeräten aus Feuerstein. Oben links im Bild: ein durchbohrter und wohl als Anhänger verwendeter Zahn eines Eisfuchses.

Erstmals seit fast 100 Jahren neu entdeckt: eine dichte Konzentration von Mammutknochen, vergesellschaftet mit Steingeräten aus Feuerstein. Oben links im Bild: ein durchbohrter und wohl als Anhänger verwendeter Zahn eines Eisfuchses.

© MONREPOS/LEIZA/Olaf Jöris

Was die Knochen verraten

Die neuen Mammutfunde könnten das bisherige Bild der steinzeitlichen Bewohner verändern. Frühere Untersuchungen hatten darauf hingedeutet, dass das in Breitenbach verarbeitete Elfenbein deutlich älter sein könnte als die menschliche Besiedlung vor rund 32.000 bis 34.000 Jahren. Die Menschen hätten demnach vor allem Rentiere, daneben Pferde und Rothirsche sowie Füchse und Hasen gejagt. Die kleineren Tiere könnten insbesondere wegen ihrer Felle interessant gewesen sein.

Die neuen Funde bringen auch eine neue Theorie mit sich: dass Mammute direkt vor Ort erlegt und verarbeitet wurden. Noch sind die Hinweise allerdings kein abschließender Beweis für eine gezielte Mammutjagd.

Auch die räumliche Aufteilung des Lagerplatzes ist aufschlussreich. „In Breitenbach gibt es etwa spezielle Bereiche der Elfenbeinbearbeitung oder der Verarbeitung von Schneehasen- und Eisfuchspelzen“, sagt Marcel Weiß, der die Grabungen für das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt leitet. Die gut erhaltenen Funde könnten helfen, die Organisation solcher Lagerplätze genauer zu rekonstruieren.

Internationaler Grabungsplatz

Die Ausgrabungen sind zugleich ein Ausbildungsort für den archäologischen Nachwuchs. In diesem Jahr beteiligen sich 40 Studenten aus dem In- und Ausland an den Arbeiten. Sie lernen dort, wie Fundstellen aus einer Zeit untersucht werden, aus der nur wenige vergleichbare Plätze bekannt sind. Die Dokumentation ist besonders aufwendig, weil jeder Fund Hinweise auf die Lebensweise der damaligen Menschen enthalten kann.

Unterstützt werden die langfristigen Grabungen auch von der Gemeinde und den Menschen aus der Umgebung der Schneidemühle. Wie groß das Interesse an der Forschung ist, zeigte eine Informationsveranstaltung im benachbarten Haynsburg Anfang Oktober. Die Untersuchungen in Breitenbach sollen fortgesetzt werden.

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