WIssenschaftspolitik

20 Gründungsprofessoren in Berlin ausgezeichnet – doch die Ministerinnen Bär und Reiche fehlen. Warum?

Professoren erhielten Gründerpreise. Die Schirmherrinnen aus dem Kabinett kamen nicht. Bär war auf der Wiesn. Das kam in Berlin nicht gut an.

7 Min
Frauen in roten Dirndln bei der „Red Ladies Wiesn“ in München. Während Dorothee Bär (2.v.r ) den Charity-Termin besuchte, blieb sie der Verleihung des Unipreneurs-Preises in Berlin fern.

Frauen in roten Dirndln bei der „Red Ladies Wiesn“ in München. Während Dorothee Bär (2.v.r ) den Charity-Termin besuchte, blieb sie der Verleihung des Unipreneurs-Preises in Berlin fern.

© @redladieswiesn/Instagram

Im Allianz Forum am Pariser Platz gab es am 22. September 2026 eine Stunde lang eigentlich nur gute Nachrichten. Zwanzig Professorinnen und Professoren bekamen den Unipreneurs-Preis. Er ist nach Darstellung der Veranstalter die höchste Auszeichnung in Deutschland für Unternehmertum an Hochschulen und wird nur alle drei Jahre vergeben.

800 Nominierungen für Wissenschaftler

Ausgewählt wurden die Geehrten aus mehr als 800 Nominierungen, vorher hatte man knapp 10.000 Gründerinnen und Gründer aus der Wissenschaft befragt. Die Organisation lag beim Stifterverband, Partner waren Startup-Verband, Bitkom und AddedVal.io.

Die Schirmherrschaft teilten sich das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt und das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, also Dorothee Bär (CSU) und Katherina Reiche (CDU).

Gekommen ist keine der beiden. Die Preise überreichten die Parlamentarischen Staatssekretäre Matthias Hauer und Johannes Steiniger. Das ist protokollarisch korrekt. Für die Botschaft des Abends war es trotzdem verheerend.

Was hier eigentlich ausgezeichnet wurde

Man muss die Zahlen nennen, damit klar wird, worum es ging. Laut Stifterverband haben die zwanzig Preisträger zusammen rund 600 Start-ups als Mentoren, Beiräte oder Investoren begleitet, und 90 Prozent von ihnen haben selbst gegründet.

Ein Beispiel ist Christof Paar, Gründungsdirektor am Max-Planck-Institut für Sicherheit und Privatsphäre in Bochum. Er gründete 2004 die Escrypt GmbH, die 2012 an ETAS/Bosch ging. Nach Angaben der Max-Planck-Gesellschaft stecken Bochumer Sicherheitstechnologien heute in mehreren zehn Millionen Autos weltweit.

Es ging um Batterieforschung und Onkologie

So sieht es aus, wenn Grundlagenforschung in die Wirtschaft wandert: ein Lehrstuhl, eine Firma, ein globaler Industriestandard. Auf der Liste stehen außerdem Batterieforscher aus Stuttgart und Berlin, Krebsgenomiker aus Köln, Photonikerinnen aus Bochum und ein Spezialist für chirurgische Robotik von der Charité. Diesen Namen sollte man sich für später merken.

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Das Gründungsgeschehen in Deutschland zieht gerade an. Der seit Mitte 2025 erkennbare Anstieg setzte sich in den ersten sechs Monaten des Jahres 2026 fort. Allein im Juni wurden mehr als 600 Startups gegründet.

In die Startups fließen Milliarden

Seit Beginn des Jahres 2026 kamen sechs deutsche Startups mit einer Bewertung von mindestens einer Milliarde US-Dollar hinzu. Insgesamt zählt der Startup-Verband nun 36 deutsche Unternehmen mit einer solchen Bewertung.

Gleichzeitig wird darüber gestritten, wie Ausgründungen überhaupt an das geistige Eigentum ihrer Hochschulen kommen. Die TransferAllianz hat sich gerade gegen ein pauschales Gründungsprivileg gestellt und fordert transparente, gründungsfreundliche und investmentfähige Rahmenbedingungen für wissenschaftsbasierte Ausgründungen.

Mitten in diese Debatte gehört Unipreneurs. Die Initiative will genau die Professorinnen und Professoren sichtbar machen, an denen sich entscheidet, ob aus einem Patent eine Firma wird.

Der Transfer von Forschung in Wertschöpfung ist deshalb keine Nebensache für die beiden Ressorts.

Er ist ihre gemeinsame Kernaufgabe. Das Forschungsministerium finanziert die Erkenntnis, das Wirtschaftsministerium muss die Bedingungen schaffen, unter denen daraus Arbeitsplätze werden.

Bär hat ihre Amtszeit an die Hightech Agenda geknüpft, Reiche ihre an die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts.

Unipreneurs ist der Ort, an dem sich beides trifft.

Worte ohne Anwesenheit

In der Pressemitteilung des Stifterverbands vom Tag der Verleihung kommen beide Ministerinnen ausführlich zu Wort. Bär lobt, dass die Professorinnen und Professoren durch die Initiative „sichtbar werden“. Reiche spricht von der „starken Verbindung von wissenschaftlicher Exzellenz und unternehmerischem Mut“. Das sind ordentliche Sätze. Gesprochen wurden sie im Saal allerdings nicht.

Unter den Gästen hat das Fehlen der beiden Schirmherrinnen nach Aussage mehrerer Teilnehmer Verwunderung ausgelöst. Wie Anwesende dieser Zeitung berichten, sprach sich noch während der Veranstaltung herum, Ministerin Bär sei auf dem Oktoberfest in München.

Was sich belegen lässt und was nicht

Ein Gerücht ist noch kein Beleg, also der Reihe nach. Die Abendzeitung München berichtet: Am Dienstagmittag (22. September) erstrahlten die Wildstuben auf der Theresienwiese ganz in Rot-, Rosa- und Lila-Tönen, dort fand die „Red Ladies Wiesn“ statt. Bär wird ausdrücklich als Gast genannt.

Die Veranstaltung lief nach Angaben der Organisatorinnen unter der Schirmherrschaft von Bundesministerin Dorothee Bär zugunsten des Hauner Vereins. Eine der Gastgeberinnen dankte der Ministerin anschließend auf Instagram als Schirmherrin, die „mit uns gefeiert“ habe.

Damit steht fest: Am Tag der Unipreneurs-Verleihung war die Bundesforschungsministerin mittags bei einem Charity-Termin auf dem Oktoberfest. Ob sie um 17 Uhr noch in München war, bleibt unklar. Klar ist aber, dass ein Flug von München nach Berlin gut eine Stunde dauert. Beide Termine waren an einem Tag zu schaffen.

Wahrgenommen wurde nur ein Termin – der bei München

Das Ministerium hat auf unsere Anfrage nicht erklärt, warum Bär fehlte. Ein Sprecher teilte lediglich mit, Staatssekretär Hauer habe teilgenommen, so wie es in der Terminvorschau angekündigt war. Das ist eine Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat.

Das Wirtschaftsministerium bestätigte, Reiche sei nicht persönlich dort gewesen. Über nicht-öffentliche Termine der Ministerin berichte man nicht. Wo Reiche war, bleibt damit offen.

Zwei Schirmherrschaften, zwei Prioritäten

Bei Bär ist es ein Widerspruch. Die „Red Ladies Wiesn“ ist eine ehrenwerte Sache. Für den Hauner-Verein kam schlussendlich die Rekord-Spendensumme von 46.000 Euro zusammen. Davon soll ein OP-Roboter für minimalinvasive Eingriffe an Säuglingen bezahlt werden.

Daran gibt es nichts zu kritisieren. Ironisch ist nur die Pointe: Ausgerechnet Medizinrobotik, ein Gebiet, auf dem in Berlin zur selben Zeit einer der Preisträger geehrt wurde, diente in München als Anlass für Brezn, Herzballons und Dirndl in jedem Rotton.

Die Frage ist nicht, ob eine Ministerin auf die Wiesn darf. Sie darf. Die Frage ist, welche Schirmherrschaft sie als Amtspflicht versteht und welche als Kür.

Einerseits stand die gemeinsame Schirmherrschaft zweier Bundesministerien für einen Preis, der nur alle drei Jahre vergeben wird und mitten in ihrem Kernressort liegt. Auf der anderen Seite stand ein Society-Lunch, der jedes Jahr stattfindet.

Dass es auch anders geht, zeigt ausgerechnet das Vorjahr. 2025 übernahm Bär ebenfalls die Schirmherrschaft der Damen-Wiesn, die leider aufgrund der Sitzungswoche in Berlin dieses Mal nicht persönlich dabei sein konnte, wie Jetset-Media damals schrieb. Damals ging Berlin vor. Und im selben Jahr kam zum Unipreneurs-Jahrestreffen mit Hendrik Wüst immerhin ein Ministerpräsident.

Bilder hat es trotzdem gegeben. Die Bunte widmete Bärs Auftritt beim Wiesn-Anstich am 19. September im Käfer-Zelt einen eigenen Text. news.de zufolge trug die Ministerin ihr Dirndl nicht nur auf der „Red Ladies Wiesn“ aus, sondern auch bei ihrer Stippvisite bei WARR Rocketry, einem studentischen Projekt an der Technischen Universität München.

Wann genau dieser Besuch stattfand, lässt der Bericht offen. Man kann ihn als Zeichen werten, dass Bär Forschung und Volksfest zusammendenkt. Man kann aber auch fragen, warum die Nähe zu studentischen Raketenbauern in München leichter fiel als die zu zwanzig preisgekrönten Gründungsprofessoren in Berlin.

Was das über das Kabinett sagt

Bundesminister vertreten sich gegenseitig, Staatssekretäre springen ein, Kalender kollidieren. Das ist Alltag und für sich genommen kein Skandal. Zum Problem wird es, wenn Symbolpolitik und Prioritäten auseinanderfallen.

Die Regierung Merz hat Innovation, Transfer und Wettbewerbsfähigkeit zum Leitmotiv erklärt. Sie redet von Aufbruch, Hightech und Deeptech, von einem Land, das wieder schneller werden muss.

Und dann gibt es einen Abend, an dem genau die Menschen geehrt werden, die das seit Jahren tun, oft gegen die Bürokratie ihrer eigenen Hochschulen. Beide zuständigen Ministerinnen schicken an diesem Abend Zitate statt sich selbst.

Eine Schirmherrschaft ist mehr als ein Logo auf der Einladung. Sie ist ein politisches Versprechen. Wer sie übernimmt, sagt damit: Das ist uns wichtig. Wenn das nicht stimmt, sollte man sie nicht übernehmen.

Bleibt die Frage, die über den Abend am Pariser Platz hinausgeht: Wissen die Mitglieder dieses Kabinetts, dass Präsenz in der Politik eine Währung ist und die Gründerszene sehr genau registriert, wo sie ausgegeben wird? Oder hat sich diese Regierung schon daran gewöhnt, ihre Zukunftsthemen gut zu formulieren und an andere zu delegieren?

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