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Am 20. Juli, in diesem Jahr ist es ein Montag, werden Rangsdorfer Bürger auf dem ehemaligen Flugplatz der Gemeinde südlich Berlins einen Kranz niederlegen. Wie all die Jahre zuvor wird an das Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 erinnert. Von Rangsdorf war Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg in Begleitung seines Adjutanten Oberleutnant Werner von Haeften am Morgen des 20. Juli an Bord einer HE 111 Richtung Ostpreußen gestartet. Ziel war der 500 Kilometer entfernte, nahe der Wolfsschanze gelegene Feldflugplatz Rastenburg. Rangsdorf, 1936 als Flugplatz der Olympischen Spiele in Deutschland eröffnet, avancierte während des Krieges zum Standort der „Flugzeugverbindungsgruppe des Oberkommandos des Heeres“.
Seit 1. Juli 1944 Chef des Stabes beim Befehlshaber des Ersatzheeres, wurde Stauffenberg an diesem Tag zur Berichterstattung ins Führerhauptquartier Wolfsschanze befohlen. Nach mehreren gescheiterten Anläufen zur Beseitigung des Führers schien Stauffenberg diese Besprechung als letzte Möglichkeit, sich der Katastrophe entgegenzustellen. Die Gelegenheit war günstig. Er hoffte, die Tasche mit dem Sprengstoff in der Nähe Adolf Hitlers platzieren zu können.
Eine Kriegsverletzung als Handicap
Sein Handicap: In Folge einer Kriegsverletzung war er auf einem Auge blind, die rechte Hand war durch eine Prothese ersetzt worden, an der linken fehlten der kleine Finger und der Ringfinger. Eine Flachzange war so umgebaut worden, dass Stauffenberg mit der verstümmelten Hand die in einer hauchdünnen Kupferhülse steckende Säureampulle des Zündmechanismus zerdrücken konnte.
Ein Netz von Verbündeten war über die Jahre aufgebaut worden, Regierungserklärungen lagen bereit, die Ämter der Übergangsregierung waren verteilt. Und: Die allgemeine Lage, nicht nur die militärische, war düster. Zeit, um nun endgültig zu handeln.
Die operative Vorbereitung des Umsturzes hatte den Plan „Walküre“ zur Grundlage. Dieser Plan war ursprünglich zur Bekämpfung innerer Unruhen oder für den Fall eines massiven Angriffs durch Luftlandetruppen im Kern des Reiches ausgearbeitet worden. Generalstabschef Friedrich Olbricht hatte Hitler „Walküre“ im Januar 1942 vorgeschlagen, der stimmte zu.
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Die Achillesferse der Unternehmung
Im Falle des „Staatsnotstandes“ sollten Teile des Ersatzheeres alarmiert, an zuvor bestimmte Orte verlegt werden. Zum Ersatzheer gehörten u.a. jene Einheiten, die Soldaten ausbildeten und aus deren Bestand die Kräfte an der Front „aufgefüllt“ wurden.
Chef des Stabes beim Ersatzheer war nun Claus von Stauffenberg, sein direkter Vorgesetzter war General Friedrich Fromm. Der nun mögliche, direkte Zugriff auf Walküre erlaubte es den Verschwörern, die militärischen Schritte des Umsturzes getarnt vorzubereiten, den Plan „umzudrehen“, ihn gegen Hitlers Apparat einsetzen zu können. Diese Idee vertraute auf das nahezu reflexartige Abarbeiten dienstlicher Weisungen innerhalb Befehlsstrukturen, setzte es voraus. Das war neben der fehlenden, breiten gesellschaftlichen Basis für den Sturz Hitlers die Achillesferse der Unternehmung.
Am 1. März 1944 hatte an der Ostfront, in der Ukraine, die sowjetische Frühjahrsoffensive begonnen. 23 Armeen der sowjetischen Südflanke, von vier Luftarmeen unterstützt, traten gegen die deutschen Einheiten an. Die Gefechtsstärke der sowjetischen Streitkräfte betrug das Fünffache der deutschen Truppen. Hohe Verluste auf beiden Seiten.
Trotz schlechten Wetters im März 1944 nehmen die Luftangriffe auf deutsche Städte zu. Allein zwischen dem dreiundzwanzigsten und siebenundzwanzigsten März griffen 2220 englische Bomber Frankfurt am Main, Berlin und Essen an.
Wiesennebel verzögert den Start
Noch einen Monat zuvor hatte die Reichsregierung Massengrabbeisetzungen von Bombenopfern, die Bestattung ohne Sarg, untersagt. Aber die begrenzte Material- und Friedhofskapazität ließ diese Anordnung scheitern. Die Behörden in Frankfurt am Main legten fest, „dass bis zu tausend Tote in ganzen Särgen zu bestatten sind, zwischen zwei und sechstausend in halben Särgen mit Papierauflage und ab sechstausend in Papiersäcken“. In größeren Orten tauchten von der NSDAP gehängte Spruchbänder auf: „Unsere Mauern brechen, aber unsere Herzen nicht!“
Die Männer um Stauffenberg hielten an ihrem ursprünglichen Gedanken fest: Die Initiative für ein Umsturz muss vom Militär ausgehen. Und nun hing alles an einem kriegsversehrten Mann, der nach den eben erst, vor Tagen gescheiterten Anläufen am 11. und am 15. Juli in der Wolfsschanze nun wohl ein drittes Mal auf sein gelebtes Leben zurückblickte, sich von dem, was ihn lieb war innerlich verabschiedete. Nur schwer zu begreifen: Die politisch-militärische Wende wird nicht mehr gelingen, das Attentat reduzierte sich auf einen Akt der Ehrenrettung vor aller Welt.
Als Stauffenberg in Begleitung seines Bruders, den Sprengstoff in der Aktentasche, gegen 7.30 Uhr den Flugplatz Rangsdorf erreichte, musste der Start verschoben werden. Wiesennebel bis hin zum Pramsdorfer Berg am Südende des Platzes.
Start kurz nach acht Uhr. 10.15 Uhr: Landung auf dem Feldflugplatz der Wolfsschanze. Dann ging alles sehr schnell. Gegen 12.30 Uhr zerquetschte Stauffenberg die Säureampulle, drei Minuten später platzierte er die Bombe nahe Hitler am Fuße des Kartentisches in der „Lagebaracke“. 12.42 Uhr: Detonation. Stauffenberg und Haeften auf der Flucht Richtung Flugplatz, der Oberst glaubt, Hitler sei tot. 13.15 Uhr: Die HE 111 hebt ab. 15.45 Uhr: Landung in Rangsdorf. In Berlin lief Walküre nur zögerlich an.
Oberst Claus von Stauffenberg
© United Historic Archives/Imago
Stauffenbergs Verbündete waren durch widersprüchliche Meldungen verunsichert. Im Laufe des Abends gewinnt die Gegenseite die Oberhand. Zum Tagesausgang erkennen die Aufständischen endgültig, dass sie gescheitert sind. Auf dem Hof des Bendlerblocks, zehn Minuten nach Mitternacht, werden sie erschossen: Olbricht, Stauffenberg, Mertz von Quirnheim, Haeften. An der Ostfront nimmt sich Henning von Tresckow das Leben, ebenso Generalfeldmarschall Günther von Kluge.
Noch in der Nacht wendet sich der nur leicht verletzte Hitler über den Rundfunk an das deutsche Volk. „Eine ganz kleine Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich verbrecherischer, dummer Offiziere hat ein Komplott geschmiedet, um mich zu beseitigen.“
Erstaunlicher Kommentar in der Herald Tribune
Spätestens seit dem Herbst 1938 wussten die Alliierten von den Bemühungen deutscher Militärs, Hitler zu beseitigen. Die Verschwörer rechneten ihrerseits nach gelungenem Putsch mit dem Entgegenkommen der Westmächte.
Umso überraschender die Reaktion der Kriegsgegner auf den gescheiterten Versuch, Hitler zu töten. Der Sprecher des amerikanischen Präsidenten machte sich in seiner Erklärung zum Attentat, die Lüge Hitlers von der „Clique ehrgeiziger, gewissenloser Offiziere“ zu eigen. Und die Herald Tribune schrieb am 9. August 1944: „Amerikaner werden im Allgemeinen nicht bedauern, dass die Bombe Hitler verschont hat, auf dass er selber nun seine Generale erledigen kann. Amerikaner haben nichts übrig für Aristokraten und schon gar nicht für diejenigen, die dem Stechschritt huldigen ... “
Im deutschen Volk setzte sich in der Beurteilung des 20. Juli der Gedanke von der „Clique ehrgeiziger, gewissenloser Offiziere“ fest. Daran änderte sich zunächst nichts, auch als die Kapitulation besiegelt, Deutschland geteilt, seiner östlichen Provinzen entledigt war und ohne Friedensvertrag dem Wort der Sieger lauschte.
Es waren Verhältnisse eingetreten, die jene Männer um Stauffenberg hatten verhindern wollen. Aber man gedachte der Verschwörer in Gleichgültigkeit, nicht selten mit Verachtung – Deutschland lag in Trümmern, es ging um das nackte Überleben. Später, in den Fünfzigerjahren, kultivierten die beiden Deutschländer ihre dem Lagerdenken angelehnte spezielle Sicht auf Geschichte und Widerstand.
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Die SED und ihr ganz eigener Umgang mit Geschichte
Die Bundesrepublik sah den Widerstand vor allem bei den nationalgesinnten Bürgern, bei Kirchenleuten, Intellektuellen. Da gehörten Männer des 20. Juli nach und nach dazu. Sie zu befreien vom Vorwurf des „Verrates am deutschen Volke“, ihnen auch als Personen die Ehre zu erweisen, dazu waren nicht nur jene Offiziere der Wehrmacht, die ihre neue Verwendung in der entstehenden Bundeswehr gefunden hatten, nur zögernd bereit.
In der DDR wurde bis in die Fünfzigerjahre vor allem des Widerstands der Kommunisten gedacht. Die Führung der Sozialistischen Einheitspartei (SED) sah sich in ihrem, ganz eigenen Verständnis von Geschichte, lange Zeit nicht bereit, den sehr heterogenen Hintergrund der Männer um Stauffenberg zu diskutieren.
DDR-Historiker um Kurt Finker nahmen sich schließlich des Gegenstandes an. 1964 dann, anlässlich des 20. Jahrestages des Attentats, hob die Dokumentation des DDR-Fernsehens von Karl Gass „Revolution am Telefon“ das Ereignis von 1944 ins allgemeine Bewusstsein der Bürger des kleineren deutschen Staates.
Bis heute fragen sich an Vergangenheit und Zukunft Deutschlands Interessierte, was trieb diese Männer dazu, ihr und das Leben ihrer Frauen und Kinder zu riskieren, welches Deutschland schwebte ihnen vor und wie verantwortungsvoll gehen wir, angesichts der Militarisierung der Gesellschaft, mit unseren Chancen um.
Jürgen Leskien, Jahrgang 1939, Schriftsteller. Ab 1978 Arbeit als Schlosser, Projektleiter in Angola, Tansania, Namibia. Abgeordneter der letzten DDR-Volkskammer. Reportage, Romane, Drehbücher.
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