Auch ohne die von den beiden getragenen Minnie-Maus-Pullover wäre es unübersehbar, dass Victoria und Veronika sich wie ein Ei dem anderen gleichen. Die dreijährigen Zwillingschwestern aus Kiew spielen in der Kita „Kleiner Fratz“ im Pankower Ortsteil Französisch-Buchholz miteinander. Die eine hat eine Babypuppe in Beschlag genommen. Die andere herzt einen Stoffpinguin. Das Sprachentwicklung kommt bei Dreijährigen richtig in Gang. Victoria und Veronika antworten munter auf Ukrainisch, wenn Kita-Leiterin Stefanie Vocks oder Krippen-Teamleiter Jonas Wieczisk sie auf Deutsch ansprechen. Die Verständigung scheint auch ohne Übersetzung zu funktionieren.
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Stefanie Vocks hat sich kurz nach dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine dafür entschieden, die Krippe ihrer Kita für geflüchtete Kinder aus der Ukraine zu öffnen. Der Kindergarten in Französisch-Buchholz ist einer von 19 Kitas der Kleinen-Fratz-GmbH mit Sitz an der Neuköllnischen Allee in sechs Berliner Bezirken. Der Kita-Betreiber riefen schon kurz nach Kriegsbeginn zu Spenden für die Ukraine auf. Die GmbH organisierte Busse mit Hilfsgütern an die polnisch-ukrainische Grenze. Für Kita-Leiterin Vocks war es naheliegend, auch den bereits nach Berlin geflohenen Ukrainern zu helfen.
Eltern unterstützen Kita-Leiterin
Drei Fachkräfte betreuen in ihrer Krippe nun 14 statt zwölf Kinder bis zu drei Jahren. Die Aufnahme der beiden Zwillingsschwestern aus Kiew vor zwei Wochen erschien Vocks sowohl für die Kinder in der Krippe als auch für die Betreuer vertretbar. Auch die Eltern hätten sie bei ihrer Entscheidung unterstützt, meint die Kita-Leiterin. Die älteren Kinder in der Kita sind in der Elementargruppe untergebracht.
In der Krippe ist alles spielerischer.
Stefanie Vocks, Kita-Leiterin
Dort sind die pädagogischen Bedürfnisse andere als in der Gruppe für die Kleinkinder. Kita-Leiterin Vocks äußert Zweifel, ob sie ukrainische Kinder auch in der Elementargruppe unterbringen könnte. „In der Krippe ist alles spielerischer. Es geht viel um Bewegung und Musik. Da ist Sprache auch nicht so wichtig“, meint Vocks.
Mehraufwand hält sich in Grenzen
Die Kita-Leiterin berichtet, dass sich die Erzieher im Umgang mit den beiden ukrainischen Kindern Zeit nehmen müssen, Worte durch Gesten zu ersetzen. „Einmal hat eine von ihnen geweint. Da haben wir dann auf alles mögliche gezeigt, um herauszufinden, was nicht stimmt. Am Ende war es der Reißverschluss“, sagt Vocks. Dennoch hielt sich der zeitliche Mehraufwand für die Fachkräfte der Krippe aufgrund der Sprachbarriere zu den beiden ukrainischen Mädchen in Grenzen, betont die Kita-Leiterin.
Es ging auch darum, wie wir Traumata erkennen können.
Stefanie Vocks, Kita-Leiterin
Vocks hat eine Weiterbildung besucht, um sich optimal auf die Betreuung ukrainischer Kinder vorzubereiten. „Es ging auch darum, wie wir Traumata erkennen können. Auf die Sprache können wir uns dabei ja nicht verlassen“, sagt Vocks. Bei Victoria und Veronika bestehe zumindest bisher kein Anlass zur Sorge, betont die Kita-Leiterin. Die beiden Mädchen spielten und verhielten sich unauffällig. „Sie sind mit ihrer Mutter schon ziemlich am Anfang des Krieges aus Kiew entkommen“, sagt Vocks. Die Zeit, in der schreckliche Erlebnisse und die Angst der Erwachsenen auf sie einwirken konnten, sei kurz gewesen.
Mutter und Kinder leben in einer Pension
Die beiden Kinder leben nun gemeinsam mit ihrer Mutter in einer Pension. Der Vater musste aufgrund des Kriegsrechts wie alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren in der Ukraine zurückbleiben. „Natürlich werden die beiden irgendwann anfangen, den Vater zu vermissen“, sagt Vocks. Dass Veronika und Victoria unbekümmert spielen und munter mit jedem reden, könnte auch eine Momentaufnahme sein, fürchtet die Kita-Leiterin. Die Mutter von Victoria und Veronika nutze die Zeit, in der ihre Töchter im „Kleinen Fratz“ betreut werden, um Geld zu verdienen, meint die Kita-Leiterin. „Sie hat bereits einen Job als Reinigungskraft gefunden“, erzählt Vocks.
Hart aber fair: Stell dir vor, es ist Krieg und Plasberg spricht über Fachkräfte
Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) betonte Ende März die Bedeutung von Angeboten zur Kinderbetreuung für die Integration von Geflüchteten aus der Ukraine auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Heil verwies darauf, dass aufgrund des Ausreiseverbots für Ukrainer im wehrfähigen Alter im Moment vor allem ukrainische Frauen mit ihren Kindern Deutschland erreichen. Und nur wenn Mütter ihre Kinder in guten Hände wüssten, könnten sie auch einer Arbeit nachgehen, argumentierte der Minister. Das Hohe Lied des Ministers auf Kindertagesstätten als Schlüssel zur Integration ukrainischer Geflüchteter dürfte einige Eltern in Großstädten wie Berlin an ihren an den Nerven zehrenden Kampf um einen der heiß begehrten Kita-Plätze für den Nachwuchs erinnert haben. Kita-Plätze und vor allem Fachkräfte für Kitas wachsen in Deutschland bekanntlich nicht an den Bäumen. Und nun sollen sie Hunderttausenden Ukrainerinnen und ihren Kindern zur Verfügung stehen?
Die Zwillinge Victoria und Veronica aus Kiew hatten in Pankow Glück. Im Hintergrund: Kita-Leiterin Steffi Vocks und Teamleiter Krippenbereich Jonas Wieczisk.
© Berliner Zeitung/Markus Wächter
Giffey plädiert für das Zusammenrücken
Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) geht davon aus, dass Berliner Schulen und Kitas ein erheblicher Zugang ukrainischer Kinder und Jugendlicher nach den Osterferien erwartet. Das erklärte sie bei einer Sitzung des Senats vor einigen Tagen. Laut Giffey beträgt die Zahl der ukrainischen Kinder an den Berliner Kitas derzeit circa 4000. Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) zeigte sich wie die Regierungschefin in der Senatssitzung zuversichtlich, dass es bei Kitas und Schulen in Berlin „noch Luft nach oben“ gebe. Die Herausforderung könne durch ein „Zusammenrücken“ in den Kitas gelöst werden, meinte Giffey gegenüber dem Senat.
Lars Békési, Geschäftsführer des Verbands der Kleinen und Mittleren Kita-Träger in Berlin (VKMK), genehmigt sich noch einen Espresso, während er seine Gedanken zu dem von Giffey angemahnten „Zusammenrückens“ der Berliner Kita-Betrieb sortiert. Er erläutert die Ausgangslage anhand von Zahlen. 90 Prozent aller Kita-Plätze in Berlin sind Freien Trägern vorbehalten. Sein Verband rechnet nun mit bis zu 10.000 zusätzlich nötigen Kitaplätzen für Kinder aus der Ukraine im laufenden Jahr. 175.000 Kinder in Berlin verfügen derzeit über einen Platz in einer Kita. Der Senat beziffert den Bedarf auf insgesamt 225.000 Plätzen. Hinzu kämen nun die Kinder aus der Ukraine, meint der Geschäftsführer des VKMK.
Senat hat entschieden, welche ukrainischen Flüchtlinge Berlin verlassen müssen
Bildungssenatorin Busses Vorgängerin Sandra Scheeres erklärte 2020 den Ausbau von Kita-Plätzen zur Chefsache des Senats. Sie legte im Oktober 2020 den Kindertagesstätten-Entwicklungsplan (KEP) vor. Er sah vor, bis 2026 26.000 neue Kita-Plätze in Berlin zu schaffen und damit das Angebot auf 200.000 Plätze in Kindertagesstätten zu erhöhen. Das heißt, es reicht einfach nicht. Schon vor dem Krieg.
Es fehlen Fachkräfte
Es fehle in Berlin nicht der Raum für neue Kindertagesstätten, betont Békési. „Wir könnten zusätzliche Angebote für ukrainische Kinder etwa auch in Familienzentren, in Räumen von Kirchengemeinden einrichten. Das ist nicht das Problem. Uns haben aber schon vor Ausbruch des Krieges in der Ukraine in Berlin 6000 Fachkräfte für die kommenden Herausforderungen gefehlt“, sagt der VKMK-Geschäftsführer. Die frühere Bildungssenatorin Scheeres erklärte 2020, dass Berlin mehr Fachkräfte ausbilde, als im Bundesland benötigt würden und dass es mit 32.500 Erziehern zum Ende des Kita-Jahrs 2025/2026 sogar einen Überschuss an Fachkräften geben werde. Die Berechnungen der Ministerin seien zu optimistisch gewesen, findet Békési. Die Massenflucht ukrainischer Frauen und ihrer Kinder nach Berlin mache die Zuversicht der früheren Bildungssenatorin nun ohnehin zur Makulatur, erklärt der VKMK-Geschäftsführer.
Die Zahlen entsprechen leider nicht der Realität.
Lars Békési, Geschäftsführer des VKMK
Aus pädagogischer Sicht sei ein Schlüssel von einem Erzieher für drei Kinder unter drei Jahren ideal, meint der VKMK-Geschäftsführer. Auf dem Papier liege der Schlüssel in Berlin derzeit bei einer Fachkraft für 5,7 Kindern. „Die Zahlen entsprechen leider nicht der Realität in den Kitas. Es gibt ja auch noch Krankheitsfälle oder Ausfall an Personal wegen Urlaub. Unsere Kitateams arbeiten bereits jetzt schon an der Belastungsgrenze und darüber hinaus“, sagt Békési. Steuere der Senat jetzt nicht mit viel zusätzlichem Geld dagegen, drohten Berlin Verhältnisse wie in Mecklenburg-Vorpommern, befürchtet der VKMK-Geschäftsführer. Dort liege der Betreuungsschlüssel bei einer Fachkraft für 15 Kinder, meint Békési. Er verweist auf ohnehin schon lange Wartezeiten in Berlin auf einen Kita-Platz. Sollten Kita-Plätze durch den zusätzlichen Bedarf aufgrund des Ukraine-Kriegs noch schwerer zu ergattern sein, befürchtet Békési mehr soziale Spaltung in der Stadt.
Ukrainerinnen sollen in Kitas arbeiten
Die Massenflucht der Ukrainerinnen könnte allerdings auch eine Chance sein, das System zumindest in Balance zu halten, meint der Geschäftsführer des VKMK. Békési plädiert dafür, massiv unter ukrainischen Frauen für Erzieherberufe und entsprechende Weiterbildungen zu werben. Erste Erfolge vermeldete Franziska Giffey bereits. Sie sprach vor dem Senat vor wenigen Tagen von mehr als 300 ukrainischen Frauen, die sich für eine pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen registriert hätten. Einstellungen seien schon erfolgt, verkündete Giffey. Der VKMK beseitigt laut Geschäftsführer Békési derzeit bürokratische Hürden für eine Beschäftigung von Frauen aus der Ukraine. „Wir verlangen von Ukrainerinnen zurzeit kein polizeiliches Führungszeugnis. Das wäre im Krieg eine völlig unrealistische Forderung , deshalb reicht zunächst eine Eigenerklärung aus“, meint Békési. Ukrainerinnen sollen gewissermaßen „on the job“ in den Kitas die Arbeit einer Fachkraft erlernen, während sie in Deutsch unterrichtet und pädagogisch weitergebildet werden. „Wir setzen Frauen aus der Ukraine für 30 Stunden in der Woche ein und zehn Stunden lernen sie in ihrem Deutschkurs“, sagt Békési.
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Sein Verband werde sich am „Berlin-Tag“, einer Informationsmesse der Senatsverwaltung für Berufe in Schulen, Kitas und Jugendeinrichtungen am 14. Mai beteiligen, erklärt Békési. „Wir setzen stark auf Mundpropaganda“, meint der VKMK-Geschäftsführer. Seine Hoffnung ist, dass die Ukrainerinnen auf Jobsuche in Berlin, die Signale auch hören.
Kita-Leiterin hat Zweifel
Stefanie Vocks von der Kita „Kleiner Fratz“ in Französisch-Buchholz berichtet, dass die Mutter der beiden Mädchen aus Kiew in ihrer Krippe in der Ukraine als Erzieherin gearbeitet hat. Sie verdient in Deutschland ihr Geld als Reinigungskraft. Verbandsvertreter Lars Békési muss das wie Verschwendung vorkommen. „Ich habe auch darüber nachgedacht“, sagt Vocks. Dann schildert sie, dass die Frau bei der Flucht ihre Unterlagen in Kiew zurückgelassen habe. „Sie spricht außerdem kein Englisch“, meint Vocks. Eine Verständigung im Team sei wichtig für eine gute Zusammenarbeit, gibt sie zu bedenken.
Die Kita-Leiterin warnt davor, aus den Frauen, die vor dem Krieg geflüchtet sind, automatisch ein großes Potenzial für den pädagogischen Arbeitsmarkt abzuleiten. Niemand dürfe die hohen Anforderungen an den Beruf unterschätzen. „Wir haben über Jahre zu wenig investiert in Bildung. Und jetzt ist uns nicht mit zwei Stühlen mehr beim Morgenkreis geholfen“, sagt Vocks.
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