Noch aber erschließt sich nicht, warum eine Minderheit von Russen in Berlin es für eine adäquate Geste hält, mit einem Auto durch eine westeuropäische Stadt zu fahren und mit wehenden Fahnen Russlands seine Zustimmung auszudrücken. Ganz gleich, ob neben diesen Fahnen auch eine Friedenstaube prangt, es bleibt dabei: Für die Tausenden Geflüchteten aus der Ukraine muss sich ein solcher Autokorso anfühlen wie ein Mittelfinger ihrem Schicksal gegenüber. Außerdem kommt das Ritual des Autokorsos aus Südeuropa und bedeutet dort meist, dass gerade eine Hochzeit stattfindet oder ein Fußballspiel gewonnen wurde.
Der erste prorussische Autokorso in Berlin fiel auf den Tag, als die Gräueltaten von Butscha bekannt wurden – und schon damals protestierte der ukrainische Botschafter in Deutschland scharf in Richtung der deutschen Öffentlichkeit, wie solche Solidaritätsbekundungen zugelassen werden können. Mit Recht. Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) verwies ebenso mit Recht auf das Recht auf Versammlungsfreiheit in Deutschland. Solange keine verfassungswidrigen Symbole gezeigt werden, müsse die Demonstration erlaubt sein.
Polizei bestätigt: Der Veranstalter hat den prorussischen Autokorso abgesagt
Die Polizei teilte nach dem letzten Autokorso mit, dass sie bei einem Auto das verfassungsfeindlich eingestufte Z-Symbol sehr wohl feststellte. Es ist davon auszugehen, dass es sehr wohl häufiger gezeigt worden wäre, wenn dieses eine Auto nicht sofort aus dem Verkehr gezogen wäre. Anti-Corona-Demonstrationen wurden verboten, weil davon auszugehen war, dass sich ihre Teilnehmer nicht an die Regeln halten. Davon konnte auch bei diesem Autokorso ausgegangen werden.
An diesem Wochenende nun haben die Veranstalter noch einmal darauf hingewiesen, dass ihr Korso für Frieden und Verständigung werbe, gegen Rassismus und Genozid gerichtet sei. Sie rufen sogar die Ukrainer frech dazu auf, sich in ihren Autokorso einzureihen. Der Veranstalter sagt wörtlich in Richtung der Ukrainer in einem Youtube-Video: „Wenn ihr für den Krieg seid, dann macht so weiter wie bisher.“
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Damit hat er noch einmal genau die Täter-Opfer-Umkehr betrieben, die auch auf dem Ostermarsch in Kreuzberg vor einer Woche häufig zu hören war: Die angegriffene Ukraine sollte aufhören, sich zu wehren, dann wäre der Krieg schnell vorbei. Ein Plakat lautete dort: „Hände weg von Russland.“ Es bleibt eine unglaubwürdige Position, die sich sehr bequem von Deutschland aus fordern lässt, solange das eigene Land nicht betroffen ist.
Abschließend noch eine Beobachtung: Vor zwei Wochen war ich zufällig gerade in Hannover, als dort ein prorussischer Autokorso kilometerlang die Innenstadt blockierte. Das heißt: Die Autos kamen wegen mehrerer Gegendemonstrationen nicht voran. Ich sah die Menschen hinter den Lenkrädern, hinter den verspiegelten Scheiben. Als ich ein Mobiltelefon zückte, um ein Foto zu machen, hielten sie sofort eines vor ihr Gesicht und filmten zurück. In dem Augenblick wurde mir klar, warum sie diese Form des Protests gewählt haben: Die Autos sind wie kleine Panzer, die sie vor einer echten Auseinandersetzung mit jeglichem Umfeld schützen. Sie sind im Grunde ein Symbol der Feigheit ihrer Insassen.
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