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Kurz, kurz, kurz, lang. Monika Schneider klopft mit der Faust gegen die Wand. „Wir haben in Morse kommuniziert“, sagt sie und hält kurz inne, bevor sie weiterspricht. „Tricks, die wir in Krimis gelernt haben. Das hat wunderbar geklappt, man durfte sich nur nicht erwischen lassen.“ Sie schließt kurz die Augen und stützt sich auf der Fensterbank ab. Staub wirbelt auf. „Meine Zelle sah genauso aus“, sagt sie und zeigt auf das schmale Bett vor sich. „Nur hatte ich Glück: wir waren zu dritt. Drei Betten, ein Klo, ein Fenster.“ Während sie das sagt, liegen zehn Augenpaare auf ihr; Besucher, die an diesem Nachmittag das ehemalige Staatssicherheits-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen besuchen.
Monika ist eine von 11.000 Personen, die in der Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen inhaftiert wurde. Zwei Jahre und sechs Monate lautete das Urteil. Der Vorwurf: versuchte Republikflucht. „Ich wollte nie weg. Ich hatte viel zu viel Schiss vor dem Westen. Ich war zufrieden in der DDR“, erinnert sich Monika heute. Die damals 28-Jährige lebte mit ihren beiden Kindern aus früherer Ehe in Ost-Berlin und arbeitete in der Verwaltung der Staatlichen Museen Berlin. Sie führte ein glückliches Leben in der DDR. Doch das änderte sich, als sie Francesco kennenlernte, ihren späteren Verlobten aus West-Berlin. „Da musste ich mich plötzlich entscheiden: Beziehung oder ein Leben in der DDR. Und ich habe mich für ihn entschieden.“
Ein Gang in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen
© Guido Koppes/imago
Was folgte, war ein Fluchtversuch über Prag in die Bundesrepublik (BRD) im Januar 1983. „Ich dachte eigentlich, dass wir in Prag Urlaub machen, um meine Flucht zu planen.“ Doch Francesco hatte andere Pläne. Er hatte bereits einen gefälschten westdeutschen Reisepass organisiert und überredete Monika, noch am selben Tag zu fliehen. Doch am Bahnhof wurde Monika von Männern der Staatssicherheit (Stasi) festgenommen und nach Hohenschönhausen gebracht. Jemand hatte sie verraten.
Kaum hörbar läuft Monika über den gelb gemusterten Linoleumboden. Links und rechts versperren dicke Stahltüren die Sicht in Einzelzellen. Am Ende des Gangs flackert eine alte Neonröhre an der Decke. Wie so vieles hier ein Relikt aus einer Zeit, in der der Alltag von staatlicher Organisation und Kontrolle geprägt war. Einer Zeit, die noch gar nicht so lange her ist, aber das Leben mehrerer Generationen nachhaltig geprägt hat. Daran und an die vielen Schicksale der Menschen, die in der DDR aus politischen Gründen inhaftiert worden sind, möchten Monika und die anderen Zeitzeugen der Gedenkstätte Hohenschönhausen durch Besucherführungen erinnern.
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Wer sich aufs Bett legte, bekam Einzelhaft
„Physische und psychische Gewalt war hier Alltag“, erzählt sie. „Manchmal mussten wir stundenlang in unserer Zelle stehen und durften uns nicht hinsetzen“, sagt Monika, während sie den hell ausgeleuchteten Flur entlang huscht. „Natürlich haben wir das nicht ausgehalten und uns zwischendurch aufs Bett gelegt. Aber das war immer gefährlich, denn man wusste nie, wann ein Wächter kam.“ Sie zeigt auf den Boden. „Der Boden hat Geräusche abgefangen. Und wer beim Sitzen erwischt wurde, bekam Einzelhaft.“
Am Ende des Flurs biegt Monika ab und betritt ein Büro. Sie setzt sich an den Schreibtisch in der Mitte des Raums. „Hier wurde ich verhört. Ich musste mich immer in die Ecke hinter der Tür stellen, während mein Verhörer hier saß.“ Monika deutet auf den Drehstuhl, auf dem sie jetzt sitzt. „Er bot mir Kaffee und Zigaretten an; wollte so an Informationen kommen. Aber ich habe nie jemanden verraten“, sagt sie und nickt dabei. „Ich wollte nicht, dass meinetwegen jemandem etwas passiert.“
Verhörbüro – Gedenkstätte der Stiftung Hohenschönhausen
© Günter Schneider/imago
Drinnen und draußen, Ost-Berlin und West-Berlin. Das Leben von Monika und Francesco hätte unterschiedlicher nicht sein können. Während Monika im Gefängnis Folter ausgesetzt war, kämpfte Francesco für ihre Freilassung. Doch davon bekam Monika nichts mit, denn sie war von der Außenwellt und sozialen Kontakten abgeschnitten. Erst nachdem sie 1985 von der BRD freigekauft wurde, erfuhr sie, dass Francesco eine Audienz bei Papst Johannes Paul II. erhalten hatte, um über ihre Inhaftierung zu berichten. „Bis heute weiß ich nicht, ob ich meine Freiheit dem Papst zu verdanken hatte“, flüstert Monika und wischt sich über die Augen. „Aber Francesco küsse ich die Füße.“
Nach ihrer Freilassung wollte Monika Berlin eigentlich verlassen. „Ich wollte nach Spanien, in die Sonne“, sagt sie lächelnd. „Aber daraus ist nichts geworden, ich konnte mir den Umzug nicht leisten. Also bin ich in Berlin geblieben – aber in West-Berlin.“ Mit Francesco hat sie noch einige Zeit zusammengelebt, bevor die Beziehung nach drei Jahren auseinanderbrach.
Nach der Wende forderte sie Akteneinsicht beim Stasi-Unterlagen-Archiv. Sie wollte wissen, wer sie damals verraten hat. „Es war mein damaliger Arbeitskollege, dem ich meinen Fluchtversuch anvertraut hatte. Er hat als Inoffizieller Mitarbeiter gearbeitet und der Stasi von meinem Fluchtversuch erzählt.“
Getroffen hat sie ihn seit ihrer Festnahme nicht mehr. Manchmal hat sie den Wunsch, ihm in die Augen zu sehen und zu fragen, warum er das getan hat. „Aber ich habe Angst davor, die Kontrolle zu verlieren. Dann würde ich schon wieder wegen ihm in Gefängnis sitzen. Die Genugtuung möchte ich ihm nicht geben.“
Marejke Talea Tammen schreibt als Journalistin hauptberuflich über die deutsche Bundespolitik. Abseits des Politikgeschehens erzählt sie gerne Geschichten von Menschen, die berühren, ermutigen oder auch mal wütend machen.
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