Durstige Hauptstadt

Trinken gegen Hitze: Berlin hat zu wenig Wasserspender – und der Ausbau stockt

Die Bundesregierung fordert mehr kostenlose Trinkbrunnen, aber Berlin will den Ausbau verlangsamen. London, Rom oder Wien versorgen Passanten besser mit Wasser.

Juno Kolmorgen
5 Min
Durst am Checkpoint Charlie? Dann gibt es zumindest dort einen von 196 Trinkbrunnen in Berlin. Viel mehr werden es wohl nicht werden.

Durst am Checkpoint Charlie? Dann gibt es zumindest dort einen von 196 Trinkbrunnen in Berlin. Viel mehr werden es wohl nicht werden.

© Berliner Zeitung/Markus Wächter

Die Sonne brennt auf dem Asphalt, der Himmel ist wolkenlos. Es gibt so viele heiße Tage wie selten zuvor, und immer wieder wird man darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, genug zu trinken. Nicht immer will man allerdings zur zuckrigen Limonade oder in den Geldbeutel greifen.

Auch um den Folgen der Klimaveränderung zu begegnen, soll es in deutschen Städten viel mehr öffentliche Wasserspender als bisher geben, die kostenlos für jedermann sauberes Trinkwasser zur Verfügung stellen. Am Mittwoch hat die Bundesregierung einen entsprechenden Gesetzesvorschlag von Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) beschlossen. Zugang zu Trinkwasser sei Teil der „Hitzevorsorge“, sagte Lemke.

In Berlin gibt es 196 Wasserspender, verteilt in der Stadt, allerdings nicht gleichmäßig. In manchen Kiezen finden sich gleich mehrere, andere Gegenden liegen trocken. Reicht das für das Recht auf Wasser?

Die Idee, Passanten mit Trinkwasser zu versorgen, ist weder neu noch deutsch. In Paris gibt es schon seit dem 14. Jahrhundert städtische Trinkbrunnen. Das Land Berlin hat sich 2020 entschlossen, die Versorgung mit Trinkbrunnen auszubauen, und unterstützt seitdem die Blue Community. Das ist eine internationale Organisation, die sich für den Schutz und den fairen Zugang zu Wasser einsetzt, mit Erfolg: 2010 erklärte die UN Zugang zu Wasser zum wichtigen Menschenrecht.

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Die Berliner Wasserbetriebe (BWB) erhielten 2021 circa zwei Millionen Euro vom Land, von diesem Geld wurden fast fünfzig neue Trinkbrunnen gebaut. Jeder einzelne kostete zwischen 5000 und 25.000 Euro. Der Preisunterschied erklärt sich durch die Standorte, der größte Kostenfaktor ist das Verlegen der Rohre zum Anschluss an das Trinkwassernetz. Der Rest der zwei Millionen Euro wird für die Instandhaltung der Brunnen verwendet.

Ausgerechnet jetzt soll sich der Ausbau in Berlin allerdings verlangsamen. Über die nächsten drei Jahre sind nur noch 15 neue Brunnen pro Jahr geplant, sie wollen vor allem dort entstehen, wo besonders viele Menschen unterwegs sind. „Wir werden ja jetzt nicht die ganze Stadt mit Brunnen bebauen“, sagt Stephan Natz, Pressesprecher der BWB. Das Ziel sei nicht eine flächendeckende Versorgung, sondern eher Abhilfe in extrem frequentierten Orten und Tourismus-Hotspots.

In Wien gibt es fünfmal so viele Trinkbrunnen

Dabei liegt Berlin bei der Versorgung mit Trinkbrunnen weit unter dem europäischen Durchschnitt – besonders für eine Stadt, die jedes Jahr Millionen Besucher anzieht.

Selbst europäische Hauptstädte mit weitaus weniger Einwohnern sind deutlich besser versorgt. So leben in Wien nur etwa halb so viele Menschen wie in Berlin, die es zu versorgen gilt, es gibt aber mehr als fünfmal so viele Trinkbrunnen, insgesamt 1000. Ein anderes Beispiel ist Rom, bekannt für seine unzähligen trinksicheren Brunnen, besonders in der Innenstadt. Ganze 2500 sind es in der ganzen Stadt. Rom ist zwar flächenmäßig größer als Berlin, hat aber ebenfalls weniger Einwohner. In London gibt es 4000 öffentliche Trinkbrunnen.

Warum hinkt Berlin so hinterher? Ein Teil des Problems ist, dass hier vergleichsweise spät mit dem Aufbau des Trinkbrunnen-Netzes angefangen wurde. Paris hatte 500 Jahre Zeit, um seine 1144 Brunnen zu errichten. Rom versorgt seine Bürger seit fast 150 Jahren mit öffentlichen Trinkgelegenheiten.

Berlin ist seit den 1980er-Jahren dabei. Die Trinkbrunnen haben immer noch mit gewissen Image-Problemen zu kämpfen. Auf die Frage nach den Hygienestandards der Wasserspender seufzt Stephan Natz, Sprecher der BWB: „Das müssen wir immer wieder erklären.“ Berlins Brunnen seien, im Gegensatz zu denen in Rom und Wien, Dauerläufer. Das heißt, es läuft kontinuierlich Wasser, in einer Fontäne, wodurch die Ansiedlung von Bakterien und Algen bekämpft werde.

Das laufende Wasser spült die Kanalisation

Man leiste sich, so der Pressesprecher, einen sehr hohen hygienischen Standard, auch wenn das laufende Wasser wie Verschwendung wirke. Circa 1,3 Kubikmeter verbraucht ein Brunnen pro Tag, spült damit aber auch die Kanalisation, das beugt Gerüchen vor. „Die Wassermenge kommt den Leuten viel vor“, sagt Natz. „Aber dafür haben wir in 30 Jahren noch nie davon gehört, dass jemand vom Wasser krank geworden ist.“

Viel schlimmer findet er den Vandalismus, zum Beispiel wenn die Trinkbrunnen, wie am Kurfürstendamm, als Aschenbecher verwendet würden. Bei der Entscheidung, die Brunnen an Orten mit vielen Menschen aufzustellen, gehe es auch darum, die „soziale Kontrolle“ zu behalten.

Ein besseres Schicksal erhofft sich Natz für die nur zwei neuen Wasserspender, die in diesem Jahr noch fertiggestellt werden sollen, in der Malerstraße in Weißensee und im Mauerpark in Prenzlauer Berg, am Spielplatz. Bürger können der BWB übrigens Hinweise darauf geben, wo mehr Trinkwasser gefragt ist. Nur so kann man eines Tages in der ganzen Stadt seinen Durst stillen, ohne eine Limo kaufen zu müssen.

Auf das Gesetz der Bundesregierung sollte man dabei nicht hoffen: In einem ersten Schritt sollen Städte und Gemeinden etwa 1000 zusätzliche Brunnen aufstellen, hieß es am Mittwoch. In ganz Deutschland – so viele wie allein in Wien.

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