Unklar bleibt, ob Marcus Mittermeier tatsächlich auf den Fake hereingefallen ist. Vor wenigen Tagen veröffentlichte der Schauspieler auf Twitter ein Foto, das eine kugelsichere Weste im Louis-Vuitton-Muster zeigt. „Leute!!!“, textet Mittermeier dazu, garniert mit ein paar entrüsteten Ausrufezeichen.
Diese und ähnliche kugelsichere Westen gibt es online tatsächlich zu kaufen. Sie haben allerdings nichts mit Louis Vuitton zu tun – das französische Label ist nicht Hersteller der fragwürdigen Modelle, auch wenn teilweise altes Leder der Marke dafür verwendet wird. Viele der Userinnen und User, die auf Mittermeiers Post reagieren, wissen das offenbar; einer antwortet sogar mit einem Foto von historisch anmutenden Soldaten-Helmen, ebenfalls mit dem Logo des Labels bedruckt: natürlich auch Fakes.
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Allerdings hat die kugelsichere Weste – oder zumindest ihre Form – die Mode tatsächlich längst geentert. Derzeit gibt es sie zum Beispiel bei der Berliner Sportswear-Marke Arys für 169 beziehungsweise 279 Euro; auch Nike stellte vor einigen Monaten entsprechende Modelle vor. Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine aber drängt sich nun die Frage auf: Kann man so was jetzt noch tragen? Kugelsichere Westen, auch Army-Jacken oder Camouflage-Hosen? Entwürfe, die an Gewalt und Krieg erinnern?
Tatsächlich war die Mode gerade in der jüngeren Vergangenheit voll von entsprechenden Referenzen: Auch wenn ganz aktuell wohl keine Modemarke mehr mit dem klassischen Armee-Muster arbeiten würde, war es in den vergangenen Saisons wieder Teil vieler Kollektionen. Auch im Zuge eines 2000er-Trends; einer Vorliebe für das Jahrzehnt, in dem Camouflage schon einmal großes Modethema war. Zudem sind Balaclavas, also Sturmhauben, zuletzt zum Trend geworden.
Auch Schulterklappen und Wappen-Knöpfe kommen von der Uniform
Das mag vielen Menschen zu martialisch, zu explizit brutal aussehen. Wer aber genau hinschaut, wird auch im eigenen Schrank zahlreiche Details entdecken, die ihren Ursprung im Militär und im Militärischen haben – von der geknöpften Schulterklappe am Trenchcoat bis zu den silbernen Wappen-Knöpfen am doppelreihigen Jackett.
Klassiker des Militärs: Camouflage wurde in den 1940ern entwickelt und rund 40 Jahre später eingeführt.
© Imago
Gestalterisch haben sich viele Designerinnen und Designer, darunter Coco Chanel oder Yves Saint Laurent, immer wieder der Details und Schnitttechniken verschiedener Uniformen bedient. Weil diese in ihrer Praktikabilität und Ästhetik erprobt waren, womöglich. Und sicher auch, weil das Verhältnis zum Militär in verschiedenen Zeiten und Ländern ein anderes war, als zum Beispiel jetzt die brüchige Beziehung, die die Deutschen mit ihrer Bundeswehr verbindet. Schließlich soll eine Unform eigentlich Würde und Autorität ausstrahlen, ein Sinnbild sein für Rang und Status – Qualitäten, die in der Mode grundsätzlich Anklang finden.
Street Style aus Tiflis: Seit einigen Saisons ist die Sturmhaube ein beliebtes Modeaccessoire.
© Imago
Beim Camouflage-Print, der in den 1940ern entwickelt und in den 1980ern erstmals offiziell in der US-Armee eingeführt wurde, ist das aber anders: Das Tarnmuster hat eben nie auf den Status seiner Trägerin oder seines Trägers verwiesen. Es dient lediglich der Tarnung, dem Schutz, der Strategie, drei Werkzeugen der Kriegsführung also – und ist damit ganz klar im realen Kampf verortet. Ein solches Dessin als bloßen Schmuck zu tragen, während es andernorts zum bitteren Kriegsalltag gehört, kann durchaus als zynisch bezeichnet werden.
Sinnbild persönlicher Traumata, nicht einer begehrenswerten Mode
Denn anders als die diskreteren Details, die der Unform entlehnt sind – Schulterklappen, Silberknöpfe, Schnittführung – spricht das Camouflage eine sehr deutliche Sprache. Und man mag sich vorstellen, wie seine Omnipräsenz auf unseren Straßen auch auf jene Menschen zurückwirkt, die vor Gewalt und Krieg geflohen sind. Die aufgewachsen sind mit einer dauerhaften Anwesenheit des Militärs; die mit dem Tarnmuster eben nicht begehrenswerte Mode, sondern persönliche Traumata verbinden.
Nun darf zwar selbst die Mode ihre Finger in die Wunde legen. Sie ist auch Kultur- und nicht nur Konsumgut. 2007 zum Beispiel brachte die italienische Vogue eine Fotostrecke heraus, die stilisierte Szenen eines Military-Camps im Wüsten-Setting zeigte. Die Bilder des genialischen Fotografen Steven Meisel sollten mahnend an die Kriege in Afghanistan und im Irak erinnern. Zuletzt zeigte auch die amerikanische Ausgabe des Modehefts Kriegsszenen: In einer Bilderstrecke mit der ukrainischen First Lady Olena Selenska.
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Und die kugelsichere Weste? Die wurde schon vor Jahrzehnten das erste Mal im Modekontext präsentiert: Das 1997 eingeführte Modell von Helmut Lang ist mit Daunen statt schützendem Material gefüllt und gehört zu seinen ikonischsten Modellen. Eben weil es der düsteren Attitüde des österreichischen Avantgardisten entspricht, der sich nur zu gern zwischen Mode und Kunst bewegte.
Solche Beispiele aber gehen weit über das bloße Stil-Statement hinaus, sie verwischen die Grenzen zwischen Konsum und Kritik. Das laissez-faire Tragen von Tarnmuster-Hosen, Army-Parkas und Sturmhauben im Alltag aber hat mit der Mode als Kunstform nichts zu tun. Es ist geschmacklos, pietätlos – und zwar nicht nur jetzt zu Zeiten eines russischen Angriffs auf die Ukraine. Solange es irgendwo Krieg gibt auf der Welt, hat Camouflage im Kleiderschrank nichts zu suchen.
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